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Roepell, Richard: Polen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Gotha, 1876.

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1. Die Republik.

Unter welchen Gesichtspunkten man auch die Zustände Polens
um die Mitte des 18. Jahrhunderts betrachten mag, unter
dem politischen und socialen, oder dem allgemein geistigen und
moralischen, immer erhält man denselben Eindruck des trost-
losesten Verfalls, dessen Keime freilich bereits seit längerer
Zeit in dem Leben der Nation und ihres Reiches vorhanden
waren, zu voller Reife sich aber doch erst unter der Re-
gierung der beiden Auguste, sächsischen Stammes (1697--1763)
entwickelten.

Nach den unglücklichen Zeiten Johann Kasimirs, in welchen
die Republik bereits der Gefahr ganz nahe gewesen war, aus-
einandergerissen zu werden, hatte sie sich unter der Führung
Johann Sobieski's noch einmal als Macht in der Welt erwiesen.
Aber auch sein ruhmvollstes Unternehmen, die Rettung Wiens
vor den Türken, hatte ihr keine rechte Frucht mehr getragen.
Sie war vielmehr wie ein letzter hellstrahlender Lichtblick der
untergehenden Sonne vorübergegangen, und als dieser König
in die Gruft gesenkt ward, ward mit ihm zugleich zwar nicht
die Freiheit mit begraben, deren die Polen sich so oft und so
stolz zu rühmen pflegten, wohl aber ihre nationale Selbststän-
digkeit und Macht.

Gleich der erste Anfang der sächsischen Epoche war für die
Stellung der Republik nach außen, wie für ihre inneren Zu-

Roepell, Polen im 18. Jahrhundert. 1
1. Die Republik.

Unter welchen Geſichtspunkten man auch die Zuſtände Polens
um die Mitte des 18. Jahrhunderts betrachten mag, unter
dem politiſchen und ſocialen, oder dem allgemein geiſtigen und
moraliſchen, immer erhält man denſelben Eindruck des troſt-
loſeſten Verfalls, deſſen Keime freilich bereits ſeit längerer
Zeit in dem Leben der Nation und ihres Reiches vorhanden
waren, zu voller Reife ſich aber doch erſt unter der Re-
gierung der beiden Auguſte, ſächſiſchen Stammes (1697—1763)
entwickelten.

Nach den unglücklichen Zeiten Johann Kaſimirs, in welchen
die Republik bereits der Gefahr ganz nahe geweſen war, aus-
einandergeriſſen zu werden, hatte ſie ſich unter der Führung
Johann Sobieski’s noch einmal als Macht in der Welt erwieſen.
Aber auch ſein ruhmvollſtes Unternehmen, die Rettung Wiens
vor den Türken, hatte ihr keine rechte Frucht mehr getragen.
Sie war vielmehr wie ein letzter hellſtrahlender Lichtblick der
untergehenden Sonne vorübergegangen, und als dieſer König
in die Gruft geſenkt ward, ward mit ihm zugleich zwar nicht
die Freiheit mit begraben, deren die Polen ſich ſo oft und ſo
ſtolz zu rühmen pflegten, wohl aber ihre nationale Selbſtſtän-
digkeit und Macht.

Gleich der erſte Anfang der ſächſiſchen Epoche war für die
Stellung der Republik nach außen, wie für ihre inneren Zu-

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Zitationshilfe: Roepell, Richard: Polen um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Gotha, 1876, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/roepell_polen_1876/15>, abgerufen am 25.03.2019.