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Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Häßlichen. Königsberg, 1853.

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Diese verschiedenen Formen des Formlosen könnten wir auch
mit Deutschen Ausdrücken als Gestaltlosigkeit, als Un¬
gestalt
und als Mißeinheit bezeichnen. Es wird aber
für die wissenschaftliche Technik bequemer sein, wenn wir
Griechische Ausdrücke gebrauchen, die wir Deutsche mit den
Romanischen Völkern gemeinsam besitzen und welchen durch
den Umfang ihres Gebrauchs auch eine größere Präcision
zukommt. Wir können nämlich den Gegensatz der Gestalt
überhaupt die Amorphie; den der verständigen Anordnung
der Unterschiede die Asymmetrie und den der lebendigen
Einheit die Disharmonie nennen.


A.
Die Amorphie.

Einheit im Allgemeinen ist schön, weil sie uns ein
Ganzes gibt, das sich auf sich selbst bezieht; daher Einheit
das erste Bedingniß aller Gestaltung ist.

Der Gegensatz der Einheit als abstracte Nichteinheit
wäre also zunächst die Abwesenheit der Begrenzung nach
Außen, der Unterscheidung nach Innen zu.

Die Abwesenheit der Begrenzung nach Außen
ist die ästhetische Gestaltlosigkeit eines Wesens. Eine solche
Grenzenlosigkeit kann in der Nothwendigkeit eines Wesens
liegen, wie der Raum, wie die Zeit, wie das Denken, das
Wollen an sich als ohne Grenze gedacht werden müssen.
Sie wird aber erst da sich sinnlich bemerklich machen, wo,
dem Begriff nach, eine Unterscheidung nach Außen hin statt
finden sollte und nicht da ist. Die Grenzenlosigkeit über¬

Dieſe verſchiedenen Formen des Formloſen könnten wir auch
mit Deutſchen Ausdrücken als Geſtaltloſigkeit, als Un¬
geſtalt
und als Mißeinheit bezeichnen. Es wird aber
für die wiſſenſchaftliche Technik bequemer ſein, wenn wir
Griechiſche Ausdrücke gebrauchen, die wir Deutſche mit den
Romaniſchen Völkern gemeinſam beſitzen und welchen durch
den Umfang ihres Gebrauchs auch eine größere Präciſion
zukommt. Wir können nämlich den Gegenſatz der Geſtalt
überhaupt die Amorphie; den der verſtändigen Anordnung
der Unterſchiede die Aſymmetrie und den der lebendigen
Einheit die Disharmonie nennen.


A.
Die Amorphie.

Einheit im Allgemeinen iſt ſchön, weil ſie uns ein
Ganzes gibt, das ſich auf ſich ſelbſt bezieht; daher Einheit
das erſte Bedingniß aller Geſtaltung iſt.

Der Gegenſatz der Einheit als abſtracte Nichteinheit
wäre alſo zunächſt die Abweſenheit der Begrenzung nach
Außen, der Unterſcheidung nach Innen zu.

Die Abweſenheit der Begrenzung nach Außen
iſt die äſthetiſche Geſtaltloſigkeit eines Weſens. Eine ſolche
Grenzenloſigkeit kann in der Nothwendigkeit eines Weſens
liegen, wie der Raum, wie die Zeit, wie das Denken, das
Wollen an ſich als ohne Grenze gedacht werden müſſen.
Sie wird aber erſt da ſich ſinnlich bemerklich machen, wo,
dem Begriff nach, eine Unterſcheidung nach Außen hin ſtatt
finden ſollte und nicht da iſt. Die Grenzenloſigkeit über¬

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[68/0090] Dieſe verſchiedenen Formen des Formloſen könnten wir auch mit Deutſchen Ausdrücken als Geſtaltloſigkeit, als Un¬ geſtalt und als Mißeinheit bezeichnen. Es wird aber für die wiſſenſchaftliche Technik bequemer ſein, wenn wir Griechiſche Ausdrücke gebrauchen, die wir Deutſche mit den Romaniſchen Völkern gemeinſam beſitzen und welchen durch den Umfang ihres Gebrauchs auch eine größere Präciſion zukommt. Wir können nämlich den Gegenſatz der Geſtalt überhaupt die Amorphie; den der verſtändigen Anordnung der Unterſchiede die Aſymmetrie und den der lebendigen Einheit die Disharmonie nennen. A. Die Amorphie. Einheit im Allgemeinen iſt ſchön, weil ſie uns ein Ganzes gibt, das ſich auf ſich ſelbſt bezieht; daher Einheit das erſte Bedingniß aller Geſtaltung iſt. Der Gegenſatz der Einheit als abſtracte Nichteinheit wäre alſo zunächſt die Abweſenheit der Begrenzung nach Außen, der Unterſcheidung nach Innen zu. Die Abweſenheit der Begrenzung nach Außen iſt die äſthetiſche Geſtaltloſigkeit eines Weſens. Eine ſolche Grenzenloſigkeit kann in der Nothwendigkeit eines Weſens liegen, wie der Raum, wie die Zeit, wie das Denken, das Wollen an ſich als ohne Grenze gedacht werden müſſen. Sie wird aber erſt da ſich ſinnlich bemerklich machen, wo, dem Begriff nach, eine Unterſcheidung nach Außen hin ſtatt finden ſollte und nicht da iſt. Die Grenzenloſigkeit über¬

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Zitationshilfe: Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Häßlichen. Königsberg, 1853, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rosenkranz_aesthetik_1853/90>, abgerufen am 25.04.2019.