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Roßmäßler, Emil Adolf: Der Wald. Leipzig u. a., 1863.

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2.
Woraus besteht der Wald?
Hier quillt die träumerische,
Urjugendliche Frische;
In ahnungsvoller Hülle
Die ganze Lebensfülle.

Lenau.

Wenn hierauf "aus Bäumen" die richtige Antwort wäre, so wäre
allerdings die Frage so müßig, wie sie Manchem erscheinen mag. Diese
Antwort würde aber die Frage nur sehr mangelhaft erledigen und allen-
falls einen kunstgerecht erzogenen Fichtenbestand treffen. Wenn wir uns
jetzt recht lebhaft eines unserer fröhlichen Waldgänge erinnern, so fühlen
und wissen wir auch, daß der Wald nicht blos aus Bäumen besteht.

Es fehlt unserer reichen Sprache ein Wort, um es damit kurz und
rund auszudrücken, daß der Wald ein formenreicher Inbegriff von Körpern
und Erscheinungen ist. Ich entlehne jetzt nicht der französischen Sprache,
welche ein solches Wort besitzt, um auch nicht den leisesten Anklang an
Ausländisches in die Betrachtung unseres Deutschen Waldes einzumischen.

Nennen wir darum den Wald eine schöne, eine gewaltige Vereinigung
von Körpern und Erscheinungen, in welcher kein Theil den übrigen völlig
gleicht, und welche alle dennoch vollkommen zusammenstimmen zu erhabenem
Einklang, der die Saiten in einer jeden unverdorbenen Brust erklingen
macht.

Was in anderer Auffassung zu einem Vorwurfe werden kann, findet
in dem Einklang, der der Wald ist, Erklärung und somit Entschuldigung.
Umfangen von den hunderterlei Eindrücken, welche uns im Walde werden,
können wir über dem Ganzen die Theile vollständig vergessen, es kann
uns widerfahren, und vielen widerfährt es wirklich -- und daraus kann

2.
Woraus beſteht der Wald?
Hier quillt die träumeriſche,
Urjugendliche Friſche;
In ahnungsvoller Hülle
Die ganze Lebensfülle.

Lenau.

Wenn hierauf „aus Bäumen“ die richtige Antwort wäre, ſo wäre
allerdings die Frage ſo müßig, wie ſie Manchem erſcheinen mag. Dieſe
Antwort würde aber die Frage nur ſehr mangelhaft erledigen und allen-
falls einen kunſtgerecht erzogenen Fichtenbeſtand treffen. Wenn wir uns
jetzt recht lebhaft eines unſerer fröhlichen Waldgänge erinnern, ſo fühlen
und wiſſen wir auch, daß der Wald nicht blos aus Bäumen beſteht.

Es fehlt unſerer reichen Sprache ein Wort, um es damit kurz und
rund auszudrücken, daß der Wald ein formenreicher Inbegriff von Körpern
und Erſcheinungen iſt. Ich entlehne jetzt nicht der franzöſiſchen Sprache,
welche ein ſolches Wort beſitzt, um auch nicht den leiſeſten Anklang an
Ausländiſches in die Betrachtung unſeres Deutſchen Waldes einzumiſchen.

Nennen wir darum den Wald eine ſchöne, eine gewaltige Vereinigung
von Körpern und Erſcheinungen, in welcher kein Theil den übrigen völlig
gleicht, und welche alle dennoch vollkommen zuſammenſtimmen zu erhabenem
Einklang, der die Saiten in einer jeden unverdorbenen Bruſt erklingen
macht.

Was in anderer Auffaſſung zu einem Vorwurfe werden kann, findet
in dem Einklang, der der Wald iſt, Erklärung und ſomit Entſchuldigung.
Umfangen von den hunderterlei Eindrücken, welche uns im Walde werden,
können wir über dem Ganzen die Theile vollſtändig vergeſſen, es kann
uns widerfahren, und vielen widerfährt es wirklich — und daraus kann

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[[9]/0033] 2. Woraus beſteht der Wald? Hier quillt die träumeriſche, Urjugendliche Friſche; In ahnungsvoller Hülle Die ganze Lebensfülle. Lenau. Wenn hierauf „aus Bäumen“ die richtige Antwort wäre, ſo wäre allerdings die Frage ſo müßig, wie ſie Manchem erſcheinen mag. Dieſe Antwort würde aber die Frage nur ſehr mangelhaft erledigen und allen- falls einen kunſtgerecht erzogenen Fichtenbeſtand treffen. Wenn wir uns jetzt recht lebhaft eines unſerer fröhlichen Waldgänge erinnern, ſo fühlen und wiſſen wir auch, daß der Wald nicht blos aus Bäumen beſteht. Es fehlt unſerer reichen Sprache ein Wort, um es damit kurz und rund auszudrücken, daß der Wald ein formenreicher Inbegriff von Körpern und Erſcheinungen iſt. Ich entlehne jetzt nicht der franzöſiſchen Sprache, welche ein ſolches Wort beſitzt, um auch nicht den leiſeſten Anklang an Ausländiſches in die Betrachtung unſeres Deutſchen Waldes einzumiſchen. Nennen wir darum den Wald eine ſchöne, eine gewaltige Vereinigung von Körpern und Erſcheinungen, in welcher kein Theil den übrigen völlig gleicht, und welche alle dennoch vollkommen zuſammenſtimmen zu erhabenem Einklang, der die Saiten in einer jeden unverdorbenen Bruſt erklingen macht. Was in anderer Auffaſſung zu einem Vorwurfe werden kann, findet in dem Einklang, der der Wald iſt, Erklärung und ſomit Entſchuldigung. Umfangen von den hunderterlei Eindrücken, welche uns im Walde werden, können wir über dem Ganzen die Theile vollſtändig vergeſſen, es kann uns widerfahren, und vielen widerfährt es wirklich — und daraus kann

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Zitationshilfe: Roßmäßler, Emil Adolf: Der Wald. Leipzig u. a., 1863, S. [9]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rossmaessler_wald_1863/33>, abgerufen am 24.09.2020.