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Roux, Wilhelm: Der Kampf der Teile des Organismus. Leipzig, 1881.

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II. Der Kampf der Theile im Organismus.
neben der Wirkung der natürlichen Zuchtwahl eine nur geringe
Wirkung zu, indem er sagt:

"Da der Zufluss organisirter Substanz nicht unbegrenzt ist,
so kommt zuweilen das Princip der Compensation mit in Thätig-
keit, so dass, wenn ein Theil bedeutend entwickelt wird, be-
nachbarte Theile oder Functionen ganz reducirt werden. Dieses
Princip ist aber wahrscheinlich von viel geringerer Bedeutung als
das allgemeinere der Oeconomie des Wachsthums."

Eine solche Wirkung braucht nicht blos auf dem Wege
collateraler Blutentziehung stattzufinden, indem mit der Erweite-
rung der Gefässe des einen Organes die der Nachbarorgane da-
durch ceteris paribus weniger Blut zugeführt erhalten; sondern
es scheinen derartige Wechselwirkungen auch in ganz anderer
Weise vor sich gehen zu können. So kommt bekanntlich bei
Frauen, welche Jahre lang stillen, eine Krankheit, die sogenannte
Osteomalacie, Knochenerweichung, vor, darin bestehend, dass
bei der fortwährenden Abfuhr von Kalksalzen durch die Milch-
drüsen den Knochen der Mutter die Kalksalze aus der Nahrung
vorweggenommen werden, so dass die fortwährend neu gebildete
Knochensubstanz weich bleibt und schliesslich, wenn die alte
Knochensubstanz ganz durch die neue kalklose ersetzt worden
ist, die Knochen von wachsartiger Weichheit sind und sich in
jede beliebige Form verbiegen. Hier findet also der Kampf der
Milchdrüsen mit den Knochen dadurch statt, dass die Zellen der
ersteren die Kalksalze stärker aus dem Transsudate anziehen
als die Knochengrundsubstanz und sie so der letzteren vor-
wegnehmen.

Uebersicht der Leistungen des Kampfes
der Theile
.

In dem vorstehenden Kapitel wiesen wir zunächst darauf
hin, dass die Entwickelung der Organismen zwar nach im

II. Der Kampf der Theile im Organismus.
neben der Wirkung der natürlichen Zuchtwahl eine nur geringe
Wirkung zu, indem er sagt:

»Da der Zufluss organisirter Substanz nicht unbegrenzt ist,
so kommt zuweilen das Princip der Compensation mit in Thätig-
keit, so dass, wenn ein Theil bedeutend entwickelt wird, be-
nachbarte Theile oder Functionen ganz reducirt werden. Dieses
Princip ist aber wahrscheinlich von viel geringerer Bedeutung als
das allgemeinere der Oeconomie des Wachsthums.«

Eine solche Wirkung braucht nicht blos auf dem Wege
collateraler Blutentziehung stattzufinden, indem mit der Erweite-
rung der Gefässe des einen Organes die der Nachbarorgane da-
durch ceteris paribus weniger Blut zugeführt erhalten; sondern
es scheinen derartige Wechselwirkungen auch in ganz anderer
Weise vor sich gehen zu können. So kommt bekanntlich bei
Frauen, welche Jahre lang stillen, eine Krankheit, die sogenannte
Osteomalacie, Knochenerweichung, vor, darin bestehend, dass
bei der fortwährenden Abfuhr von Kalksalzen durch die Milch-
drüsen den Knochen der Mutter die Kalksalze aus der Nahrung
vorweggenommen werden, so dass die fortwährend neu gebildete
Knochensubstanz weich bleibt und schliesslich, wenn die alte
Knochensubstanz ganz durch die neue kalklose ersetzt worden
ist, die Knochen von wachsartiger Weichheit sind und sich in
jede beliebige Form verbiegen. Hier findet also der Kampf der
Milchdrüsen mit den Knochen dadurch statt, dass die Zellen der
ersteren die Kalksalze stärker aus dem Transsudate anziehen
als die Knochengrundsubstanz und sie so der letzteren vor-
wegnehmen.

Uebersicht der Leistungen des Kampfes
der Theile
.

In dem vorstehenden Kapitel wiesen wir zunächst darauf
hin, dass die Entwickelung der Organismen zwar nach im

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[106/0120] II. Der Kampf der Theile im Organismus. neben der Wirkung der natürlichen Zuchtwahl eine nur geringe Wirkung zu, indem er sagt: »Da der Zufluss organisirter Substanz nicht unbegrenzt ist, so kommt zuweilen das Princip der Compensation mit in Thätig- keit, so dass, wenn ein Theil bedeutend entwickelt wird, be- nachbarte Theile oder Functionen ganz reducirt werden. Dieses Princip ist aber wahrscheinlich von viel geringerer Bedeutung als das allgemeinere der Oeconomie des Wachsthums.« Eine solche Wirkung braucht nicht blos auf dem Wege collateraler Blutentziehung stattzufinden, indem mit der Erweite- rung der Gefässe des einen Organes die der Nachbarorgane da- durch ceteris paribus weniger Blut zugeführt erhalten; sondern es scheinen derartige Wechselwirkungen auch in ganz anderer Weise vor sich gehen zu können. So kommt bekanntlich bei Frauen, welche Jahre lang stillen, eine Krankheit, die sogenannte Osteomalacie, Knochenerweichung, vor, darin bestehend, dass bei der fortwährenden Abfuhr von Kalksalzen durch die Milch- drüsen den Knochen der Mutter die Kalksalze aus der Nahrung vorweggenommen werden, so dass die fortwährend neu gebildete Knochensubstanz weich bleibt und schliesslich, wenn die alte Knochensubstanz ganz durch die neue kalklose ersetzt worden ist, die Knochen von wachsartiger Weichheit sind und sich in jede beliebige Form verbiegen. Hier findet also der Kampf der Milchdrüsen mit den Knochen dadurch statt, dass die Zellen der ersteren die Kalksalze stärker aus dem Transsudate anziehen als die Knochengrundsubstanz und sie so der letzteren vor- wegnehmen. Uebersicht der Leistungen des Kampfes der Theile. In dem vorstehenden Kapitel wiesen wir zunächst darauf hin, dass die Entwickelung der Organismen zwar nach im

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Zitationshilfe: Roux, Wilhelm: Der Kampf der Teile des Organismus. Leipzig, 1881, S. 106. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/roux_kampf_1881/120>, abgerufen am 05.08.2020.