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Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875.

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Geschichte der Ernährungstheorie der Pflanzen.
Ernährungstheorie der Pflanzen gerade von Seiten der Haupt-
vertreter der Botanik den gröbsten Mißverständnissen erlag, wie
im folgenden Abschnitt noch gezeigt werden soll. Es darf aber
nicht verschwiegen werden, daß eines dieser Mißverständnisse,
welches sich sogar bis in die sechziger Jahre hinein erhalten hat,
von Saussure selbst veranlaßt worden ist. Er hatte beob-
achtet, daß die rothen Blätter einer Varietät der Gartenmelde
ebensoviel Sauerstoff aus Kohlensäure entbinden, wie die grünen
Blätter der gewöhnlichen Art. Sehr voreilig in diesem Fall zog
er aus dieser vereinzelten Wahrnehmung den Schluß, die grüne
Farbe sei kein wesentlicher Charakter derjenigen Theile, welche
Kohlensäure zersetzen; obgleich er nur nöthig gehabt hätte, die
Oberhaut jener rothen Blätter abzuziehen, um sich zu überzeugen,
daß das innere Gewebe derselben, ebenso intensiv grün gefärbt
ist, wie bei gewöhnlichen grünen Blättern. Der sonst so äußerst
sorgfältige Beobachter, war hier nachlässig und spätere Schrift-
steller verfehlten nicht, wie es gewöhnlich geschieht, sich gerade
an diesen einen schwachen Punct zu hängen und eine der wich-
tigsten Thatsachen der Pflanzenphysiologie, daß nämlich nur die
chlorophyllhaltigen Zellen Sauerstoff abscheiden, immer wieder in
Frage zu ziehen.

5.
Lebenskraft. - Athmung und Eigenwärme; Endosmose.
1804-1840.

In den fünfzehn bis zwanzig Jahren nach dem Erscheinen
von Saussure's chemischen Untersuchungen wurde die Theorie
der Pflanzenernährung kaum in irgend einer Richtung gefördert
und was noch schlimmer war, es wurde das bereits Geleistete
nicht einmal verstanden. Verschiedene Umstände wirkten zusammen,
Mißverständnisse gerade auf dem Gebiet der Ernährungslehre
herbeizuführen: vor Allem die in jener Zeit stärker als früher
hervortretende Neigung, den Organismen eine besondere Lebens-
kraft zuzuschreiben, die man mit den mannigfaltigsten Kunst-

Geſchichte der Ernährungstheorie der Pflanzen.
Ernährungstheorie der Pflanzen gerade von Seiten der Haupt-
vertreter der Botanik den gröbſten Mißverſtändniſſen erlag, wie
im folgenden Abſchnitt noch gezeigt werden ſoll. Es darf aber
nicht verſchwiegen werden, daß eines dieſer Mißverſtändniſſe,
welches ſich ſogar bis in die ſechziger Jahre hinein erhalten hat,
von Sauſſure ſelbſt veranlaßt worden iſt. Er hatte beob-
achtet, daß die rothen Blätter einer Varietät der Gartenmelde
ebenſoviel Sauerſtoff aus Kohlenſäure entbinden, wie die grünen
Blätter der gewöhnlichen Art. Sehr voreilig in dieſem Fall zog
er aus dieſer vereinzelten Wahrnehmung den Schluß, die grüne
Farbe ſei kein weſentlicher Charakter derjenigen Theile, welche
Kohlenſäure zerſetzen; obgleich er nur nöthig gehabt hätte, die
Oberhaut jener rothen Blätter abzuziehen, um ſich zu überzeugen,
daß das innere Gewebe derſelben, ebenſo intenſiv grün gefärbt
iſt, wie bei gewöhnlichen grünen Blättern. Der ſonſt ſo äußerſt
ſorgfältige Beobachter, war hier nachläſſig und ſpätere Schrift-
ſteller verfehlten nicht, wie es gewöhnlich geſchieht, ſich gerade
an dieſen einen ſchwachen Punct zu hängen und eine der wich-
tigſten Thatſachen der Pflanzenphyſiologie, daß nämlich nur die
chlorophyllhaltigen Zellen Sauerſtoff abſcheiden, immer wieder in
Frage zu ziehen.

5.
Lebenskraft. - Athmung und Eigenwärme; Endosmoſe.
1804-1840.

In den fünfzehn bis zwanzig Jahren nach dem Erſcheinen
von Sauſſure's chemiſchen Unterſuchungen wurde die Theorie
der Pflanzenernährung kaum in irgend einer Richtung gefördert
und was noch ſchlimmer war, es wurde das bereits Geleiſtete
nicht einmal verſtanden. Verſchiedene Umſtände wirkten zuſammen,
Mißverſtändniſſe gerade auf dem Gebiet der Ernährungslehre
herbeizuführen: vor Allem die in jener Zeit ſtärker als früher
hervortretende Neigung, den Organismen eine beſondere Lebens-
kraft zuzuſchreiben, die man mit den mannigfaltigſten Kunſt-

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[544/0556] Geſchichte der Ernährungstheorie der Pflanzen. Ernährungstheorie der Pflanzen gerade von Seiten der Haupt- vertreter der Botanik den gröbſten Mißverſtändniſſen erlag, wie im folgenden Abſchnitt noch gezeigt werden ſoll. Es darf aber nicht verſchwiegen werden, daß eines dieſer Mißverſtändniſſe, welches ſich ſogar bis in die ſechziger Jahre hinein erhalten hat, von Sauſſure ſelbſt veranlaßt worden iſt. Er hatte beob- achtet, daß die rothen Blätter einer Varietät der Gartenmelde ebenſoviel Sauerſtoff aus Kohlenſäure entbinden, wie die grünen Blätter der gewöhnlichen Art. Sehr voreilig in dieſem Fall zog er aus dieſer vereinzelten Wahrnehmung den Schluß, die grüne Farbe ſei kein weſentlicher Charakter derjenigen Theile, welche Kohlenſäure zerſetzen; obgleich er nur nöthig gehabt hätte, die Oberhaut jener rothen Blätter abzuziehen, um ſich zu überzeugen, daß das innere Gewebe derſelben, ebenſo intenſiv grün gefärbt iſt, wie bei gewöhnlichen grünen Blättern. Der ſonſt ſo äußerſt ſorgfältige Beobachter, war hier nachläſſig und ſpätere Schrift- ſteller verfehlten nicht, wie es gewöhnlich geſchieht, ſich gerade an dieſen einen ſchwachen Punct zu hängen und eine der wich- tigſten Thatſachen der Pflanzenphyſiologie, daß nämlich nur die chlorophyllhaltigen Zellen Sauerſtoff abſcheiden, immer wieder in Frage zu ziehen. 5. Lebenskraft. - Athmung und Eigenwärme; Endosmoſe. 1804-1840. In den fünfzehn bis zwanzig Jahren nach dem Erſcheinen von Sauſſure's chemiſchen Unterſuchungen wurde die Theorie der Pflanzenernährung kaum in irgend einer Richtung gefördert und was noch ſchlimmer war, es wurde das bereits Geleiſtete nicht einmal verſtanden. Verſchiedene Umſtände wirkten zuſammen, Mißverſtändniſſe gerade auf dem Gebiet der Ernährungslehre herbeizuführen: vor Allem die in jener Zeit ſtärker als früher hervortretende Neigung, den Organismen eine beſondere Lebens- kraft zuzuſchreiben, die man mit den mannigfaltigſten Kunſt-

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Zitationshilfe: Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875, S. 544. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sachs_botanik_1875/556>, abgerufen am 20.04.2019.