Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791.

Bild:
<< vorherige Seite
D.

Die christliche Sittenlehre zeichnet sich aus durch
ihre Verdienste um das Wohl des einzelen Menschen,
um die Ordnung und Ruhe in den Familien, der Kir-
che und der bürgerlichen Verfassung
.

Ihr Verdienst um das Wohl des Menschen er-
hellt, ohne ausführlichere Deduction, aus der Natur der
Vorschriften, die sie giebt, der Verheissungen, die sie
voraussetzt und auf die sie baut, und aus den Folgen
der lautern Gottseligkeit, wozu sie uns anhält
.

Sie lehrt uns (um nur ein unvollkommenes
Bild dessen zu entwerfen, was ein wahrer Christ, als
solcher ist, thut, wird,) die Sinnlichkeit der Vernunft
und die Vernunft -- Gott, als der Quelle aller Ver-
nunft und alles Guten, aus Liebe und Achtung gegen
diese Quelle, unterwerfen, und verstopft also alle
Quellen der Unruhe, die theils in unserm ungeordne-
ten Streben, theils in unserm regellosen Denken, theils
in der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur, in
sich selbst vollkommnes Wohlseyn zu finden, liegen.
Sie lehrt uns insbesondere dem Geize, dem Neide, der
Eitelkeit, der Herrschsucht, der Wollust, aus denen
ganze Ströme des menschlichen Elendes in unserm In-
wendigen hervorbrechen, und denn auch das Aeussere
mit Jammer überschwemmen, mit aushaltendem Mu-
the widerstehen, und den entgegengesetzten Tugen-
den nachstreben, die das Herz zur lautersten Freude
tüchtig machen. Sie lehrt uns, (wie auch eine demü-

thige
D.

Die chriſtliche Sittenlehre zeichnet ſich aus durch
ihre Verdienſte um das Wohl des einzelen Menſchen,
um die Ordnung und Ruhe in den Familien, der Kir-
che und der bürgerlichen Verfaſſung
.

Ihr Verdienſt um das Wohl des Menſchen er-
hellt, ohne ausführlichere Deduction, aus der Natur der
Vorſchriften, die ſie giebt, der Verheiſſungen, die ſie
vorausſetzt und auf die ſie baut, und aus den Folgen
der lautern Gottſeligkeit, wozu ſie uns anhält
.

Sie lehrt uns (um nur ein unvollkommenes
Bild deſſen zu entwerfen, was ein wahrer Chriſt, als
ſolcher iſt, thut, wird,) die Sinnlichkeit der Vernunft
und die Vernunft — Gott, als der Quelle aller Ver-
nunft und alles Guten, aus Liebe und Achtung gegen
dieſe Quelle, unterwerfen, und verſtopft alſo alle
Quellen der Unruhe, die theils in unſerm ungeordne-
ten Streben, theils in unſerm regelloſen Denken, theils
in der Unzulänglichkeit der menſchlichen Natur, in
ſich ſelbſt vollkommnes Wohlſeyn zu finden, liegen.
Sie lehrt uns insbeſondere dem Geize, dem Neide, der
Eitelkeit, der Herrſchſucht, der Wolluſt, aus denen
ganze Ströme des menſchlichen Elendes in unſerm In-
wendigen hervorbrechen, und denn auch das Aeuſſere
mit Jammer überſchwemmen, mit aushaltendem Mu-
the widerſtehen, und den entgegengeſetzten Tugen-
den nachſtreben, die das Herz zur lauterſten Freude
tüchtig machen. Sie lehrt uns, (wie auch eine demü-

thige
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0105" n="91"/>
          <div n="3">
            <head>D.</head><lb/>
            <p><hi rendition="#i">Die chri&#x017F;tliche Sittenlehre zeichnet &#x017F;ich aus durch<lb/>
ihre Verdien&#x017F;te um das Wohl des einzelen Men&#x017F;chen,<lb/>
um die Ordnung und Ruhe in den Familien, der Kir-<lb/>
che und der bürgerlichen Verfa&#x017F;&#x017F;ung</hi>.</p><lb/>
            <p><hi rendition="#i">Ihr Verdien&#x017F;t um das Wohl des Men&#x017F;chen er-<lb/>
hellt, ohne ausführlichere Deduction, aus der Natur der<lb/>
Vor&#x017F;chriften, die &#x017F;ie giebt, der Verhei&#x017F;&#x017F;ungen, die &#x017F;ie<lb/>
voraus&#x017F;etzt und auf die &#x017F;ie baut, und aus den Folgen<lb/>
der lautern Gott&#x017F;eligkeit, wozu &#x017F;ie uns anhält</hi>.</p><lb/>
            <p>Sie lehrt uns (um nur ein unvollkommenes<lb/>
Bild de&#x017F;&#x017F;en zu entwerfen, was ein wahrer Chri&#x017F;t, als<lb/>
&#x017F;olcher <hi rendition="#i">i&#x017F;t, thut, wird</hi>,) die Sinnlichkeit der Vernunft<lb/>
und die Vernunft &#x2014; Gott, als der Quelle aller Ver-<lb/>
nunft und alles Guten, aus Liebe und Achtung gegen<lb/>
die&#x017F;e Quelle, unterwerfen, und ver&#x017F;topft al&#x017F;o alle<lb/>
Quellen der Unruhe, die theils in un&#x017F;erm ungeordne-<lb/>
ten Streben, theils in un&#x017F;erm regello&#x017F;en Denken, theils<lb/>
in der Unzulänglichkeit der men&#x017F;chlichen Natur, in<lb/>
&#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t vollkommnes Wohl&#x017F;eyn zu finden, liegen.<lb/>
Sie lehrt uns insbe&#x017F;ondere dem <hi rendition="#i">Geize</hi>, dem <hi rendition="#i">Neide</hi>, der<lb/><hi rendition="#i">Eitelkeit</hi>, der <hi rendition="#i">Herr&#x017F;ch&#x017F;ucht</hi>, der <hi rendition="#i">Wollu&#x017F;t</hi>, aus denen<lb/>
ganze Ströme des men&#x017F;chlichen Elendes in un&#x017F;erm In-<lb/>
wendigen hervorbrechen, und denn auch das Aeu&#x017F;&#x017F;ere<lb/>
mit Jammer über&#x017F;chwemmen, mit aushaltendem Mu-<lb/>
the wider&#x017F;tehen, und den entgegenge&#x017F;etzten Tugen-<lb/>
den nach&#x017F;treben, die das Herz zur lauter&#x017F;ten Freude<lb/>
tüchtig machen. Sie lehrt uns, (wie auch eine <hi rendition="#i">demü</hi>-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch"><hi rendition="#i">thige</hi></fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[91/0105] D. Die chriſtliche Sittenlehre zeichnet ſich aus durch ihre Verdienſte um das Wohl des einzelen Menſchen, um die Ordnung und Ruhe in den Familien, der Kir- che und der bürgerlichen Verfaſſung. Ihr Verdienſt um das Wohl des Menſchen er- hellt, ohne ausführlichere Deduction, aus der Natur der Vorſchriften, die ſie giebt, der Verheiſſungen, die ſie vorausſetzt und auf die ſie baut, und aus den Folgen der lautern Gottſeligkeit, wozu ſie uns anhält. Sie lehrt uns (um nur ein unvollkommenes Bild deſſen zu entwerfen, was ein wahrer Chriſt, als ſolcher iſt, thut, wird,) die Sinnlichkeit der Vernunft und die Vernunft — Gott, als der Quelle aller Ver- nunft und alles Guten, aus Liebe und Achtung gegen dieſe Quelle, unterwerfen, und verſtopft alſo alle Quellen der Unruhe, die theils in unſerm ungeordne- ten Streben, theils in unſerm regelloſen Denken, theils in der Unzulänglichkeit der menſchlichen Natur, in ſich ſelbſt vollkommnes Wohlſeyn zu finden, liegen. Sie lehrt uns insbeſondere dem Geize, dem Neide, der Eitelkeit, der Herrſchſucht, der Wolluſt, aus denen ganze Ströme des menſchlichen Elendes in unſerm In- wendigen hervorbrechen, und denn auch das Aeuſſere mit Jammer überſchwemmen, mit aushaltendem Mu- the widerſtehen, und den entgegengeſetzten Tugen- den nachſtreben, die das Herz zur lauterſten Freude tüchtig machen. Sie lehrt uns, (wie auch eine demü- thige

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_prediger_1791
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_prediger_1791/105
Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791, S. 91. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_prediger_1791/105>, abgerufen am 05.08.2020.