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Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791.

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wartet auf den Tag, der alles Verborgene ans Licht
bringen wird (I. Cor. IV. 3-5.); thut auch den Gerin-
gern gerne Knechtesdienste (Joh. XIII. 15.), und lebt
nicht der Ehre seines Namens, sondern der Ehre dessen,
der Knechtsgestalt annahm, und sich unter alle ernie-
drigte (Phil. II. 3-21.). Dieser stille Sinn bewahrt den
Schatz der Liebe gegen Gott und den Menschen, dass
ihn kein Hauch der Eitelkeit beflecke, und keine Re-
gung der Selbstgefälligkeit schwäche. Dieser stille Sinn
zeigt die Liebe gegen Gott und den Nächsten in ihrer
lieblichsten Gestalt, dass Engel und Menschen, die Zeu-
gen derselben werden können, Freude daran haben.
Es ist keine Falte des Stolzes in dem Antlitze der de-
müthigen Liebe, und keine Mine bettelt um Lob. Der
Demüthige ist der menschlichste Mensch, er mag mit Gott
im Umgang seyn oder mit Menschen.

-- -- -- Diese Linien von dem Bilde der Liebe
weisen allerdings auf den Werth der christlichen Moral.
Und doch ist es nicht so fast die göttliche Lehre, die
sie empfiehlt, als die göttliche Kraft, die die Her-
zen der Menschen wandelt. Es ist nicht die Lehre, es
ist Christus, der gerecht macht; es ist nicht die Lehre,
es ist der heilige Geist, der heilig macht. --

B.

Die christliche Sittenlehre ist den verschiedenen
Zuständen, Fassungen, Stuffen, in denen sich die Mo-
ralität oder Unmoralität der Menschen befinden kann,
angemessen, und ist auch, nach dieser Angemessenheit
betrachtet, einzig.

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wartet auf den Tag, der alles Verborgene ans Licht
bringen wird (I. Cor. IV. 3-5.); thut auch den Gerin-
gern gerne Knechtesdienſte (Joh. XIII. 15.), und lebt
nicht der Ehre ſeines Namens, ſondern der Ehre deſſen,
der Knechtsgeſtalt annahm, und ſich unter alle ernie-
drigte (Phil. II. 3-21.). Dieſer ſtille Sinn bewahrt den
Schatz der Liebe gegen Gott und den Menſchen, daſs
ihn kein Hauch der Eitelkeit beflecke, und keine Re-
gung der Selbſtgefälligkeit ſchwäche. Dieſer ſtille Sinn
zeigt die Liebe gegen Gott und den Nächſten in ihrer
lieblichſten Geſtalt, daſs Engel und Menſchen, die Zeu-
gen derſelben werden können, Freude daran haben.
Es iſt keine Falte des Stolzes in dem Antlitze der de-
müthigen Liebe, und keine Mine bettelt um Lob. Der
Demüthige iſt der menſchlichſte Menſch, er mag mit Gott
im Umgang ſeyn oder mit Menſchen.

— — — Dieſe Linien von dem Bilde der Liebe
weiſen allerdings auf den Werth der chriſtlichen Moral.
Und doch iſt es nicht ſo faſt die göttliche Lehre, die
ſie empfiehlt, als die göttliche Kraft, die die Her-
zen der Menſchen wandelt. Es iſt nicht die Lehre, es
iſt Chriſtus, der gerecht macht; es iſt nicht die Lehre,
es iſt der heilige Geiſt, der heilig macht. —

B.

Die chriſtliche Sittenlehre iſt den verſchiedenen
Zuſtänden, Faſſungen, Stuffen, in denen ſich die Mo-
ralität oder Unmoralität der Menſchen befinden kann,
angemeſſen, und iſt auch, nach dieſer Angemeſſenheit
betrachtet, einzig.

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[69/0083] wartet auf den Tag, der alles Verborgene ans Licht bringen wird (I. Cor. IV. 3-5.); thut auch den Gerin- gern gerne Knechtesdienſte (Joh. XIII. 15.), und lebt nicht der Ehre ſeines Namens, ſondern der Ehre deſſen, der Knechtsgeſtalt annahm, und ſich unter alle ernie- drigte (Phil. II. 3-21.). Dieſer ſtille Sinn bewahrt den Schatz der Liebe gegen Gott und den Menſchen, daſs ihn kein Hauch der Eitelkeit beflecke, und keine Re- gung der Selbſtgefälligkeit ſchwäche. Dieſer ſtille Sinn zeigt die Liebe gegen Gott und den Nächſten in ihrer lieblichſten Geſtalt, daſs Engel und Menſchen, die Zeu- gen derſelben werden können, Freude daran haben. Es iſt keine Falte des Stolzes in dem Antlitze der de- müthigen Liebe, und keine Mine bettelt um Lob. Der Demüthige iſt der menſchlichſte Menſch, er mag mit Gott im Umgang ſeyn oder mit Menſchen. — — — Dieſe Linien von dem Bilde der Liebe weiſen allerdings auf den Werth der chriſtlichen Moral. Und doch iſt es nicht ſo faſt die göttliche Lehre, die ſie empfiehlt, als die göttliche Kraft, die die Her- zen der Menſchen wandelt. Es iſt nicht die Lehre, es iſt Chriſtus, der gerecht macht; es iſt nicht die Lehre, es iſt der heilige Geiſt, der heilig macht. — B. Die chriſtliche Sittenlehre iſt den verſchiedenen Zuſtänden, Faſſungen, Stuffen, in denen ſich die Mo- ralität oder Unmoralität der Menſchen befinden kann, angemeſſen, und iſt auch, nach dieſer Angemeſſenheit betrachtet, einzig. Sie E 3

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Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791, S. 69. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_prediger_1791/83>, abgerufen am 22.04.2019.