Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785.

Bild:
<< vorherige Seite
Scheingründe für den Selbstmord.

Im Grunde thut jeder Selbstmörder
a la Werther, was Fritze gleich nach die-
ser Stelle sagt:

Nun mag ich auch nicht länger leben,
Verhaßt ist mir des Tages Licht;
Denn Sie hat Franze Kuchen geben,
Mir aber nicht.
6.

Ein Gottlob! noch einsamer Weg
zum Selbstmorde.

Es giebt einige Unglückliche, die an kei-
nen Gott glauben, als der für das All-
gemeine sorgte, und zu groß wäre, als daß
er sich um das Einzele bekümmern sollte.
Ihr Gott ist ein Admiral, der sich um die
Ratzen seiner Flotte, die unten im Schiffe
nagen, nicht bekümmert -- das heißt um
die Menschen, die an diesem Erderund auf
und abkriechen. Ihr Gott ist ein Gene-
ral
(q) der einen forcirten Marsch thut,

und
(q) Im Carl von Carlsberg II. Th. 324. wird
ein solcher Selbstmörder und diese Denkart
geschildert.
G 5
Scheingruͤnde fuͤr den Selbſtmord.

Im Grunde thut jeder Selbſtmoͤrder
à la Werther, was Fritze gleich nach die-
ſer Stelle ſagt:

Nun mag ich auch nicht laͤnger leben,
Verhaßt iſt mir des Tages Licht;
Denn Sie hat Franze Kuchen geben,
Mir aber nicht.
6.

Ein Gottlob! noch einſamer Weg
zum Selbſtmorde.

Es giebt einige Ungluͤckliche, die an kei-
nen Gott glauben, als der fuͤr das All-
gemeine ſorgte, und zu groß waͤre, als daß
er ſich um das Einzele bekuͤmmern ſollte.
Ihr Gott iſt ein Admiral, der ſich um die
Ratzen ſeiner Flotte, die unten im Schiffe
nagen, nicht bekuͤmmert — das heißt um
die Menſchen, die an dieſem Erderund auf
und abkriechen. Ihr Gott iſt ein Gene-
ral
(q) der einen forçirten Marſch thut,

und
(q) Im Carl von Carlsberg II. Th. 324. wird
ein ſolcher Selbſtmoͤrder und dieſe Denkart
geſchildert.
G 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0117" n="105"/>
          <fw place="top" type="header">Scheingru&#x0364;nde fu&#x0364;r den Selb&#x017F;tmord.</fw><lb/>
          <p>Im Grunde thut jeder Selb&#x017F;tmo&#x0364;rder<lb/><hi rendition="#aq">à la Werther,</hi> was Fritze gleich nach die-<lb/>
&#x017F;er Stelle &#x017F;agt:</p><lb/>
          <lg type="poem">
            <l>Nun mag ich auch nicht la&#x0364;nger leben,</l><lb/>
            <l>Verhaßt i&#x017F;t mir des Tages Licht;</l><lb/>
            <l>Denn Sie hat <hi rendition="#fr">Franze</hi> Kuchen geben,</l><lb/>
            <l>Mir aber nicht.</l>
          </lg>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>6.</head><lb/>
          <p> <hi rendition="#c">Ein Gottlob! noch ein&#x017F;amer Weg<lb/>
zum Selb&#x017F;tmorde.</hi> </p><lb/>
          <p><hi rendition="#in">E</hi>s giebt einige Unglu&#x0364;ckliche, die an kei-<lb/>
nen Gott glauben, als der fu&#x0364;r das All-<lb/>
gemeine &#x017F;orgte, und zu groß wa&#x0364;re, als daß<lb/>
er &#x017F;ich um das Einzele beku&#x0364;mmern &#x017F;ollte.<lb/>
Ihr Gott i&#x017F;t ein <hi rendition="#fr">Admiral,</hi> der &#x017F;ich um die<lb/>
Ratzen &#x017F;einer Flotte, die unten im Schiffe<lb/>
nagen, nicht beku&#x0364;mmert &#x2014; das heißt um<lb/>
die Men&#x017F;chen, die an die&#x017F;em Erderund auf<lb/>
und abkriechen. Ihr Gott i&#x017F;t ein <hi rendition="#fr">Gene-<lb/>
ral</hi> <note place="foot" n="(q)">Im Carl von Carlsberg <hi rendition="#aq">II.</hi> Th. 324. wird<lb/>
ein &#x017F;olcher Selb&#x017F;tmo&#x0364;rder und die&#x017F;e Denkart<lb/>
ge&#x017F;childert.</note> der einen for<hi rendition="#aq">ç</hi>irten Mar&#x017F;ch thut,<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">G 5</fw><fw place="bottom" type="catch">und</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[105/0117] Scheingruͤnde fuͤr den Selbſtmord. Im Grunde thut jeder Selbſtmoͤrder à la Werther, was Fritze gleich nach die- ſer Stelle ſagt: Nun mag ich auch nicht laͤnger leben, Verhaßt iſt mir des Tages Licht; Denn Sie hat Franze Kuchen geben, Mir aber nicht. 6. Ein Gottlob! noch einſamer Weg zum Selbſtmorde. Es giebt einige Ungluͤckliche, die an kei- nen Gott glauben, als der fuͤr das All- gemeine ſorgte, und zu groß waͤre, als daß er ſich um das Einzele bekuͤmmern ſollte. Ihr Gott iſt ein Admiral, der ſich um die Ratzen ſeiner Flotte, die unten im Schiffe nagen, nicht bekuͤmmert — das heißt um die Menſchen, die an dieſem Erderund auf und abkriechen. Ihr Gott iſt ein Gene- ral (q) der einen forçirten Marſch thut, und (q) Im Carl von Carlsberg II. Th. 324. wird ein ſolcher Selbſtmoͤrder und dieſe Denkart geſchildert. G 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/117
Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785, S. 105. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/117>, abgerufen am 25.04.2019.