Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785.

Bild:
<< vorherige Seite
Scheingründe für den Selbstmord.

Ferner, halte ich wohl selbst das
Selbstmorden für eine Seuche, aber für
eine solche, die Niemanden verpesten kann,
der nicht will, und frühe genug vorar-
beitet, daß er am Ende nicht wolle --
verpestet werden. --

Uebrigens halte ich den Deutschen sei-
nes Namens unwerth, der die Nachahmung
so weit treibt, daß er sich Sitten, Laster,
und Seuchen aus der Fremde holet, da es
uns ja an einheimischen noch nie gefehlet hat.

5.

"Ich bin an der äussersten Gränze
der Dürftigkeit, und in der Gefahr,
Hungers zu sterben: warum soll ich
denn meinen Abschied von der Welt
nicht beschleunigen dürfen?"

Antwort. Der Mensch lebt nicht
vom Brode allein, sondern von jedem
Worte, das aus dem Munde Gottes
kommt.
Harre auf Ihn: der Raben spei-
set, kann deiner nicht vergessen: der dir das
Leben gab, der hat auch Nahrung dafür.
Und dann wäge noch einen Augenblick: auf

einer
J 5
Scheingruͤnde fuͤr den Selbſtmord.

Ferner, halte ich wohl ſelbſt das
Selbſtmorden fuͤr eine Seuche, aber fuͤr
eine ſolche, die Niemanden verpeſten kann,
der nicht will, und fruͤhe genug vorar-
beitet, daß er am Ende nicht wolle —
verpeſtet werden. —

Uebrigens halte ich den Deutſchen ſei-
nes Namens unwerth, der die Nachahmung
ſo weit treibt, daß er ſich Sitten, Laſter,
und Seuchen aus der Fremde holet, da es
uns ja an einheimiſchen noch nie gefehlet hat.

5.

„Ich bin an der aͤuſſerſten Graͤnze
der Duͤrftigkeit, und in der Gefahr,
Hungers zu ſterben: warum ſoll ich
denn meinen Abſchied von der Welt
nicht beſchleunigen duͤrfen?“

Antwort. Der Menſch lebt nicht
vom Brode allein, ſondern von jedem
Worte, das aus dem Munde Gottes
kommt.
Harre auf Ihn: der Raben ſpei-
ſet, kann deiner nicht vergeſſen: der dir das
Leben gab, der hat auch Nahrung dafuͤr.
Und dann waͤge noch einen Augenblick: auf

einer
J 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0149" n="137"/>
            <fw place="top" type="header">Scheingru&#x0364;nde fu&#x0364;r den Selb&#x017F;tmord.</fw><lb/>
            <p>Ferner, halte ich wohl &#x017F;elb&#x017F;t das<lb/>
Selb&#x017F;tmorden fu&#x0364;r eine Seuche, aber fu&#x0364;r<lb/>
eine &#x017F;olche, die Niemanden verpe&#x017F;ten kann,<lb/><hi rendition="#fr">der nicht will, und fru&#x0364;he genug vorar-<lb/>
beitet, daß er am Ende nicht wolle &#x2014;<lb/>
verpe&#x017F;tet werden. &#x2014;</hi></p><lb/>
            <p>Uebrigens halte ich den Deut&#x017F;chen &#x017F;ei-<lb/>
nes Namens unwerth, der die Nachahmung<lb/>
&#x017F;o weit treibt, daß er &#x017F;ich Sitten, La&#x017F;ter,<lb/>
und Seuchen aus der Fremde holet, da es<lb/>
uns ja an einheimi&#x017F;chen noch nie gefehlet hat.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head>5.</head><lb/>
            <p> <hi rendition="#fr">&#x201E;Ich bin an der a&#x0364;u&#x017F;&#x017F;er&#x017F;ten Gra&#x0364;nze<lb/>
der Du&#x0364;rftigkeit, und in der Gefahr,<lb/>
Hungers zu &#x017F;terben: warum &#x017F;oll ich<lb/>
denn meinen Ab&#x017F;chied von der Welt<lb/>
nicht be&#x017F;chleunigen du&#x0364;rfen?&#x201C;</hi> </p><lb/>
            <p><hi rendition="#fr">Antwort. Der Men&#x017F;ch lebt nicht<lb/>
vom Brode allein, &#x017F;ondern von jedem<lb/>
Worte, das aus dem Munde Gottes<lb/>
kommt.</hi> Harre auf Ihn: der Raben &#x017F;pei-<lb/>
&#x017F;et, kann deiner nicht verge&#x017F;&#x017F;en: der dir das<lb/>
Leben gab, der hat auch Nahrung dafu&#x0364;r.<lb/>
Und dann wa&#x0364;ge noch einen Augenblick: auf<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">J 5</fw><fw place="bottom" type="catch">einer</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[137/0149] Scheingruͤnde fuͤr den Selbſtmord. Ferner, halte ich wohl ſelbſt das Selbſtmorden fuͤr eine Seuche, aber fuͤr eine ſolche, die Niemanden verpeſten kann, der nicht will, und fruͤhe genug vorar- beitet, daß er am Ende nicht wolle — verpeſtet werden. — Uebrigens halte ich den Deutſchen ſei- nes Namens unwerth, der die Nachahmung ſo weit treibt, daß er ſich Sitten, Laſter, und Seuchen aus der Fremde holet, da es uns ja an einheimiſchen noch nie gefehlet hat. 5. „Ich bin an der aͤuſſerſten Graͤnze der Duͤrftigkeit, und in der Gefahr, Hungers zu ſterben: warum ſoll ich denn meinen Abſchied von der Welt nicht beſchleunigen duͤrfen?“ Antwort. Der Menſch lebt nicht vom Brode allein, ſondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt. Harre auf Ihn: der Raben ſpei- ſet, kann deiner nicht vergeſſen: der dir das Leben gab, der hat auch Nahrung dafuͤr. Und dann waͤge noch einen Augenblick: auf einer J 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/149
Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785, S. 137. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/149>, abgerufen am 26.04.2019.