Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785.

Bild:
<< vorherige Seite

Erster Abschnitt.
für den, der die Räthe der Vernunft zu
schätzen weis, das heißt, für Aussprüche
der Wahrheit hält.

Zweyter Grund.

Der Selbstmord ist ein Aufruhr ge-
gen das allgemeine Menschengefühl.

Wenn der Tod irgend einen Für-
sten, einen Ehegatten, einen Sohn, einen
Freund aus dem Schoose des Landes, der
Familie, der Freundschaft hinwegnimmt,
so verwundet er das Herz des Freundes,
der Familie, des Vaterlandes. Jedes
Auge sieht den Tod als einen Räuber der
Freude an, und jedes Herz wird erschüttert
durch den Hintritt eines Geliebten.

Wenn
Euphranor, fürwahr! alles zu unserm Besten
lenket; hat er so elende Begriffe von der Na-
tur unserer Empfindungen, daß er glaubet,
der Donner würde unaufhörlich in seinen Oh-
ren rauschen, der itzt über seinem Haupte rol-
let? Und hievon soll ihn die Vernunft über-
zeugen? O nein! die Leidenschaft, die schwär-
zeste Leidenschaft hat sein Gesicht umnebelt.
Und wenn er noch so kaltsinnig, den Dolch in
der

Erſter Abſchnitt.
fuͤr den, der die Raͤthe der Vernunft zu
ſchaͤtzen weis, das heißt, fuͤr Ausſpruͤche
der Wahrheit haͤlt.

Zweyter Grund.

Der Selbſtmord iſt ein Aufruhr ge-
gen das allgemeine Menſchengefuͤhl.

Wenn der Tod irgend einen Fuͤr-
ſten, einen Ehegatten, einen Sohn, einen
Freund aus dem Schooſe des Landes, der
Familie, der Freundſchaft hinwegnimmt,
ſo verwundet er das Herz des Freundes,
der Familie, des Vaterlandes. Jedes
Auge ſieht den Tod als einen Raͤuber der
Freude an, und jedes Herz wird erſchuͤttert
durch den Hintritt eines Geliebten.

Wenn
Euphranor, fuͤrwahr! alles zu unſerm Beſten
lenket; hat er ſo elende Begriffe von der Na-
tur unſerer Empfindungen, daß er glaubet,
der Donner wuͤrde unaufhoͤrlich in ſeinen Oh-
ren rauſchen, der itzt uͤber ſeinem Haupte rol-
let? Und hievon ſoll ihn die Vernunft uͤber-
zeugen? O nein! die Leidenſchaft, die ſchwaͤr-
zeſte Leidenſchaft hat ſein Geſicht umnebelt.
Und wenn er noch ſo kaltſinnig, den Dolch in
der
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0022" n="10"/><fw place="top" type="header">Er&#x017F;ter Ab&#x017F;chnitt.</fw><lb/>
fu&#x0364;r den, der die Ra&#x0364;the der Vernunft zu<lb/>
&#x017F;cha&#x0364;tzen weis, das heißt, fu&#x0364;r Aus&#x017F;pru&#x0364;che<lb/>
der Wahrheit ha&#x0364;lt.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Zweyter Grund.</hi> </head><lb/>
          <p> <hi rendition="#fr"><hi rendition="#in">D</hi>er Selb&#x017F;tmord i&#x017F;t ein Aufruhr ge-<lb/>
gen das allgemeine Men&#x017F;chengefu&#x0364;hl.</hi> </p><lb/>
          <p>Wenn der Tod irgend einen Fu&#x0364;r-<lb/>
&#x017F;ten, einen Ehegatten, einen Sohn, einen<lb/>
Freund aus dem Schoo&#x017F;e des Landes, der<lb/>
Familie, der Freund&#x017F;chaft hinwegnimmt,<lb/>
&#x017F;o verwundet er das Herz des <hi rendition="#fr">Freundes,</hi><lb/>
der <hi rendition="#fr">Familie,</hi> des <hi rendition="#fr">Vaterlandes.</hi> Jedes<lb/>
Auge &#x017F;ieht den Tod als einen Ra&#x0364;uber der<lb/>
Freude an, und jedes Herz wird <hi rendition="#fr">er&#x017F;chu&#x0364;ttert</hi><lb/>
durch den Hintritt eines Geliebten.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Wenn</fw><lb/>
          <p>
            <note next="#note01part03" xml:id="note01part03" prev="#note01part02" place="foot" n="(a)">Euphranor, fu&#x0364;rwahr! alles zu un&#x017F;erm Be&#x017F;ten<lb/>
lenket; hat er &#x017F;o elende Begriffe <choice><sic>vvn</sic><corr>von</corr></choice> der Na-<lb/>
tur un&#x017F;erer Empfindungen, daß er glaubet,<lb/>
der Donner wu&#x0364;rde unaufho&#x0364;rlich in &#x017F;einen Oh-<lb/>
ren rau&#x017F;chen, der itzt u&#x0364;ber &#x017F;einem Haupte rol-<lb/>
let? Und hievon &#x017F;oll ihn die Vernunft u&#x0364;ber-<lb/>
zeugen? O nein! die Leiden&#x017F;chaft, die &#x017F;chwa&#x0364;r-<lb/>
ze&#x017F;te Leiden&#x017F;chaft hat &#x017F;ein Ge&#x017F;icht umnebelt.<lb/>
Und wenn er noch &#x017F;o kalt&#x017F;innig, den Dolch in<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">der</fw></note>
          </p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0022] Erſter Abſchnitt. fuͤr den, der die Raͤthe der Vernunft zu ſchaͤtzen weis, das heißt, fuͤr Ausſpruͤche der Wahrheit haͤlt. Zweyter Grund. Der Selbſtmord iſt ein Aufruhr ge- gen das allgemeine Menſchengefuͤhl. Wenn der Tod irgend einen Fuͤr- ſten, einen Ehegatten, einen Sohn, einen Freund aus dem Schooſe des Landes, der Familie, der Freundſchaft hinwegnimmt, ſo verwundet er das Herz des Freundes, der Familie, des Vaterlandes. Jedes Auge ſieht den Tod als einen Raͤuber der Freude an, und jedes Herz wird erſchuͤttert durch den Hintritt eines Geliebten. Wenn (a) (a) Euphranor, fuͤrwahr! alles zu unſerm Beſten lenket; hat er ſo elende Begriffe von der Na- tur unſerer Empfindungen, daß er glaubet, der Donner wuͤrde unaufhoͤrlich in ſeinen Oh- ren rauſchen, der itzt uͤber ſeinem Haupte rol- let? Und hievon ſoll ihn die Vernunft uͤber- zeugen? O nein! die Leidenſchaft, die ſchwaͤr- zeſte Leidenſchaft hat ſein Geſicht umnebelt. Und wenn er noch ſo kaltſinnig, den Dolch in der

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/22
Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Über den Selbstmord. München, 1785, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sailer_selbstmord_1785/22>, abgerufen am 20.04.2019.