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Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

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Die elektrischen Erfindungen.
Kleingewerbe, dem es bisher an genügenden Motoren fehlte, wird
durch die billigen und überall aufstellbaren Elektromotoren eminent
gefördert. Dem Stadtsäckel von Trient aber fließt eine solche jähr-
liche Einnahme zu, daß das Anlagekapital sich mit mehr als sechs
Prozent verzinst.

Hat der Raum, den man mit Kraft versorgen soll, einen Durch-
messer von etwa zehn Kilometern, so wird es trotz der Mehrleitersysteme
schon schwierig, das Gebiet gleichmäßig zu versorgen. Es geht bei
den schwach gespannten Gleichströmen zuviel davon verloren. Besser
läßt es sich dann mit Wechselströmen machen. Freilich haben diese
den Nachteil, daß man mit ihnen keine Akkumulatoren laden kann;
aber dafür bieten hier die leicht zu versehenden Transformatoren ihre
Dienste an. Man kann mit ihrer Hilfe die Ströme so hoch spannen,
daß sie in viel dünneren Drähten leitbar sind, und wird nur an den
Orten, wo der Strom verbraucht wird, seine Spannung auf ein
niedriges Maß herabsetzen müssen. Da der Grund und Boden in
den großen Städten sehr teuer ist, so kann es für diese geraten sein,
die Zentrale außerhalb des Weichbildes anzulegen; dann wird aber
die Enfernung zu den Konsumenten sehr anwachsen, und man wird
deshalb von Wechselstrommaschinen vorteilhaften Gebrauch machen.
So wird neuerdings das moderne Babel, London von einer Wechsel-
stromzentrale aus mit Licht versorgt. Vorläufig stehen dort zwei
Maschinen von je 1500 Pferdestärken. Das Projekt, noch vier von
je 10,000 Pferdestärken hinzuzufügen, welche 14 Meter hoch sein und
10,000 Centner wiegen sollten, ist gescheitert.

Wie bezahlen die Abnehmer die ihnen gelieferten Kraftmengen?
Läßt sich die verbrauchte Elektrizität messen, wie sich das konsumierte
Material messen und wägen läßt? Es giebt viele Apparate, die dazu
dienen, die verbrauchte Elektrizitätsmengen zu bestimmen und so auf
Heller und Pfennig dem Abnehmer die Rechnung auszustellen. Ein
sehr sinnreicher, trotz seiner Einfachheit vollkommen ausreichender
Apparat ist der vor drei Jahren von Prof. Aron in Berlin erfundene
Elektrizitätszähler, den wir in Fig. 150 darstellen. Wir erblicken dort
zwei Pendel, welche in der gleichen Zeit ihre Schwingungen vollenden.
Das linker Hand abgebildete ist ein gewöhnliches Uhrpendel; rechts
aber sehen wir eines, das unten einen Stahlmagnet trägt. Beide
übertragen ihre Bewegung auf ein Uhrwerk, das so eingerichtet ist,
daß der Zeiger nicht vorwärts geht, so lange beide Pendel gleich schnell
gehen. Das wird aber mit einem Schlage anders, sobald durch die
rechts unten sichtbare Spule ein Strom hindurchgeht. Dann wird
das rechte Pendel außer von der Schwerkraft der Erde auch noch von
dem elektrischen Strom beeinflußt. Dieser zieht ja den Magnet an
und daher wird das Pendel schneller zu schwingen anfangen, und zwar
wird die Schwingungszeit immer kürzer, je stärker der hindurchgeführte
Strom ist. Jetzt wird der Zeiger der Uhr vorwärts rücken, und der

Die elektriſchen Erfindungen.
Kleingewerbe, dem es bisher an genügenden Motoren fehlte, wird
durch die billigen und überall aufſtellbaren Elektromotoren eminent
gefördert. Dem Stadtſäckel von Trient aber fließt eine ſolche jähr-
liche Einnahme zu, daß das Anlagekapital ſich mit mehr als ſechs
Prozent verzinſt.

Hat der Raum, den man mit Kraft verſorgen ſoll, einen Durch-
meſſer von etwa zehn Kilometern, ſo wird es trotz der Mehrleiterſyſteme
ſchon ſchwierig, das Gebiet gleichmäßig zu verſorgen. Es geht bei
den ſchwach geſpannten Gleichſtrömen zuviel davon verloren. Beſſer
läßt es ſich dann mit Wechſelſtrömen machen. Freilich haben dieſe
den Nachteil, daß man mit ihnen keine Akkumulatoren laden kann;
aber dafür bieten hier die leicht zu verſehenden Transformatoren ihre
Dienſte an. Man kann mit ihrer Hilfe die Ströme ſo hoch ſpannen,
daß ſie in viel dünneren Drähten leitbar ſind, und wird nur an den
Orten, wo der Strom verbraucht wird, ſeine Spannung auf ein
niedriges Maß herabſetzen müſſen. Da der Grund und Boden in
den großen Städten ſehr teuer iſt, ſo kann es für dieſe geraten ſein,
die Zentrale außerhalb des Weichbildes anzulegen; dann wird aber
die Enfernung zu den Konſumenten ſehr anwachſen, und man wird
deshalb von Wechſelſtrommaſchinen vorteilhaften Gebrauch machen.
So wird neuerdings das moderne Babel, London von einer Wechſel-
ſtromzentrale aus mit Licht verſorgt. Vorläufig ſtehen dort zwei
Maſchinen von je 1500 Pferdeſtärken. Das Projekt, noch vier von
je 10,000 Pferdeſtärken hinzuzufügen, welche 14 Meter hoch ſein und
10,000 Centner wiegen ſollten, iſt geſcheitert.

Wie bezahlen die Abnehmer die ihnen gelieferten Kraftmengen?
Läßt ſich die verbrauchte Elektrizität meſſen, wie ſich das konſumierte
Material meſſen und wägen läßt? Es giebt viele Apparate, die dazu
dienen, die verbrauchte Elektrizitätsmengen zu beſtimmen und ſo auf
Heller und Pfennig dem Abnehmer die Rechnung auszuſtellen. Ein
ſehr ſinnreicher, trotz ſeiner Einfachheit vollkommen ausreichender
Apparat iſt der vor drei Jahren von Prof. Aron in Berlin erfundene
Elektrizitätszähler, den wir in Fig. 150 darſtellen. Wir erblicken dort
zwei Pendel, welche in der gleichen Zeit ihre Schwingungen vollenden.
Das linker Hand abgebildete iſt ein gewöhnliches Uhrpendel; rechts
aber ſehen wir eines, das unten einen Stahlmagnet trägt. Beide
übertragen ihre Bewegung auf ein Uhrwerk, das ſo eingerichtet iſt,
daß der Zeiger nicht vorwärts geht, ſo lange beide Pendel gleich ſchnell
gehen. Das wird aber mit einem Schlage anders, ſobald durch die
rechts unten ſichtbare Spule ein Strom hindurchgeht. Dann wird
das rechte Pendel außer von der Schwerkraft der Erde auch noch von
dem elektriſchen Strom beeinflußt. Dieſer zieht ja den Magnet an
und daher wird das Pendel ſchneller zu ſchwingen anfangen, und zwar
wird die Schwingungszeit immer kürzer, je ſtärker der hindurchgeführte
Strom iſt. Jetzt wird der Zeiger der Uhr vorwärts rücken, und der

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[208/0226] Die elektriſchen Erfindungen. Kleingewerbe, dem es bisher an genügenden Motoren fehlte, wird durch die billigen und überall aufſtellbaren Elektromotoren eminent gefördert. Dem Stadtſäckel von Trient aber fließt eine ſolche jähr- liche Einnahme zu, daß das Anlagekapital ſich mit mehr als ſechs Prozent verzinſt. Hat der Raum, den man mit Kraft verſorgen ſoll, einen Durch- meſſer von etwa zehn Kilometern, ſo wird es trotz der Mehrleiterſyſteme ſchon ſchwierig, das Gebiet gleichmäßig zu verſorgen. Es geht bei den ſchwach geſpannten Gleichſtrömen zuviel davon verloren. Beſſer läßt es ſich dann mit Wechſelſtrömen machen. Freilich haben dieſe den Nachteil, daß man mit ihnen keine Akkumulatoren laden kann; aber dafür bieten hier die leicht zu verſehenden Transformatoren ihre Dienſte an. Man kann mit ihrer Hilfe die Ströme ſo hoch ſpannen, daß ſie in viel dünneren Drähten leitbar ſind, und wird nur an den Orten, wo der Strom verbraucht wird, ſeine Spannung auf ein niedriges Maß herabſetzen müſſen. Da der Grund und Boden in den großen Städten ſehr teuer iſt, ſo kann es für dieſe geraten ſein, die Zentrale außerhalb des Weichbildes anzulegen; dann wird aber die Enfernung zu den Konſumenten ſehr anwachſen, und man wird deshalb von Wechſelſtrommaſchinen vorteilhaften Gebrauch machen. So wird neuerdings das moderne Babel, London von einer Wechſel- ſtromzentrale aus mit Licht verſorgt. Vorläufig ſtehen dort zwei Maſchinen von je 1500 Pferdeſtärken. Das Projekt, noch vier von je 10,000 Pferdeſtärken hinzuzufügen, welche 14 Meter hoch ſein und 10,000 Centner wiegen ſollten, iſt geſcheitert. Wie bezahlen die Abnehmer die ihnen gelieferten Kraftmengen? Läßt ſich die verbrauchte Elektrizität meſſen, wie ſich das konſumierte Material meſſen und wägen läßt? Es giebt viele Apparate, die dazu dienen, die verbrauchte Elektrizitätsmengen zu beſtimmen und ſo auf Heller und Pfennig dem Abnehmer die Rechnung auszuſtellen. Ein ſehr ſinnreicher, trotz ſeiner Einfachheit vollkommen ausreichender Apparat iſt der vor drei Jahren von Prof. Aron in Berlin erfundene Elektrizitätszähler, den wir in Fig. 150 darſtellen. Wir erblicken dort zwei Pendel, welche in der gleichen Zeit ihre Schwingungen vollenden. Das linker Hand abgebildete iſt ein gewöhnliches Uhrpendel; rechts aber ſehen wir eines, das unten einen Stahlmagnet trägt. Beide übertragen ihre Bewegung auf ein Uhrwerk, das ſo eingerichtet iſt, daß der Zeiger nicht vorwärts geht, ſo lange beide Pendel gleich ſchnell gehen. Das wird aber mit einem Schlage anders, ſobald durch die rechts unten ſichtbare Spule ein Strom hindurchgeht. Dann wird das rechte Pendel außer von der Schwerkraft der Erde auch noch von dem elektriſchen Strom beeinflußt. Dieſer zieht ja den Magnet an und daher wird das Pendel ſchneller zu ſchwingen anfangen, und zwar wird die Schwingungszeit immer kürzer, je ſtärker der hindurchgeführte Strom iſt. Jetzt wird der Zeiger der Uhr vorwärts rücken, und der

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Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 208. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/226>, abgerufen am 20.03.2019.