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Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 1. Leipzig, 1783.

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Bemerkungen.

Da die Stadt so ungeheuer gros ist, und bestän-
dig alle mögliche Scenen darbietet; so ist jeder, der lang
hier ist, gegen alles, was sonst Schrecken, Mitleiden,
Ernsthaftigkeit, oder nur Unruhe erweckt, so gleichgültig,
daß ein Fremder alle Augenblicke unwillig wird, über die
Frostigkeit der Nation, über die Frivolität, und über den
unendlichen Leichtsinn, womit Alles von Allen beurtheilt
wird. In der That, man sollte zuweilen meinen, alles
Menschengefühl sei erstorben. Dort haut ein Fuhrmann
einem andern mit der Peitsche ins Gesicht; dort schmeißt
ein Wagen um, und zerschmettert dem einen das Bein,
verderbt dem andern das Kleid, wirft dem dritten die
Waaren in Koth. Was hört man? Fluchen -- daß
einem die Haare zu Berge stehen, Schwören, daß einem
in der Seele schauert, Lachen, recht höhnisches, wie Teufel
sich freuen übers Unglück des andern, und die mit Kar-
min überschmierte Dame sitzt in ihrem Wagen, hat den
Hund am Backen, den Stock, das Parapluye, das
Riechfläschchen in der Hand, und seufzt nach der Komö-
die, wo sie schon hundertmahl gewesen ist. Ein Pferd
wird gepeitscht, bis es den Berg hinauf keicht, Feuer-
funken sprühen unter den Füssen herum, wie vom glühen-
den Eisen unterm Hammer des Schmidts, jetzt stürzts,
die menschliche Bestie prügelt es so lange unter den ab-
scheulichsten Verwünschungen, bis es wieder aufsteht, und
dem nachjagenden Wagen Platz macht. Man findet in
der Strasse einen Todten, a la Greve henkt man einen,
Kinder werden getreten, überrennt, man bringt einen
Kranken auf der Tragbahre, da fährt ein Leichenwagen
hin, dort fällt einer, glitscht aus, und die Pferde tram-
peln ihn todt. -- Das ist alles einerlei, kein Mensch

bekümmert
S
Bemerkungen.

Da die Stadt ſo ungeheuer gros iſt, und beſtaͤn-
dig alle moͤgliche Scenen darbietet; ſo iſt jeder, der lang
hier iſt, gegen alles, was ſonſt Schrecken, Mitleiden,
Ernſthaftigkeit, oder nur Unruhe erweckt, ſo gleichguͤltig,
daß ein Fremder alle Augenblicke unwillig wird, uͤber die
Froſtigkeit der Nation, uͤber die Frivolitaͤt, und uͤber den
unendlichen Leichtſinn, womit Alles von Allen beurtheilt
wird. In der That, man ſollte zuweilen meinen, alles
Menſchengefuͤhl ſei erſtorben. Dort haut ein Fuhrmann
einem andern mit der Peitſche ins Geſicht; dort ſchmeißt
ein Wagen um, und zerſchmettert dem einen das Bein,
verderbt dem andern das Kleid, wirft dem dritten die
Waaren in Koth. Was hoͤrt man? Fluchen — daß
einem die Haare zu Berge ſtehen, Schwoͤren, daß einem
in der Seele ſchauert, Lachen, recht hoͤhniſches, wie Teufel
ſich freuen uͤbers Ungluͤck des andern, und die mit Kar-
min uͤberſchmierte Dame ſitzt in ihrem Wagen, hat den
Hund am Backen, den Stock, das Parapluye, das
Riechflaͤſchchen in der Hand, und ſeufzt nach der Komoͤ-
die, wo ſie ſchon hundertmahl geweſen iſt. Ein Pferd
wird gepeitſcht, bis es den Berg hinauf keicht, Feuer-
funken ſpruͤhen unter den Fuͤſſen herum, wie vom gluͤhen-
den Eiſen unterm Hammer des Schmidts, jetzt ſtuͤrzts,
die menſchliche Beſtie pruͤgelt es ſo lange unter den ab-
ſcheulichſten Verwuͤnſchungen, bis es wieder aufſteht, und
dem nachjagenden Wagen Platz macht. Man findet in
der Straſſe einen Todten, à la Greve henkt man einen,
Kinder werden getreten, uͤberrennt, man bringt einen
Kranken auf der Tragbahre, da faͤhrt ein Leichenwagen
hin, dort faͤllt einer, glitſcht aus, und die Pferde tram-
peln ihn todt. — Das iſt alles einerlei, kein Menſch

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[273/0297] Bemerkungen. Da die Stadt ſo ungeheuer gros iſt, und beſtaͤn- dig alle moͤgliche Scenen darbietet; ſo iſt jeder, der lang hier iſt, gegen alles, was ſonſt Schrecken, Mitleiden, Ernſthaftigkeit, oder nur Unruhe erweckt, ſo gleichguͤltig, daß ein Fremder alle Augenblicke unwillig wird, uͤber die Froſtigkeit der Nation, uͤber die Frivolitaͤt, und uͤber den unendlichen Leichtſinn, womit Alles von Allen beurtheilt wird. In der That, man ſollte zuweilen meinen, alles Menſchengefuͤhl ſei erſtorben. Dort haut ein Fuhrmann einem andern mit der Peitſche ins Geſicht; dort ſchmeißt ein Wagen um, und zerſchmettert dem einen das Bein, verderbt dem andern das Kleid, wirft dem dritten die Waaren in Koth. Was hoͤrt man? Fluchen — daß einem die Haare zu Berge ſtehen, Schwoͤren, daß einem in der Seele ſchauert, Lachen, recht hoͤhniſches, wie Teufel ſich freuen uͤbers Ungluͤck des andern, und die mit Kar- min uͤberſchmierte Dame ſitzt in ihrem Wagen, hat den Hund am Backen, den Stock, das Parapluye, das Riechflaͤſchchen in der Hand, und ſeufzt nach der Komoͤ- die, wo ſie ſchon hundertmahl geweſen iſt. Ein Pferd wird gepeitſcht, bis es den Berg hinauf keicht, Feuer- funken ſpruͤhen unter den Fuͤſſen herum, wie vom gluͤhen- den Eiſen unterm Hammer des Schmidts, jetzt ſtuͤrzts, die menſchliche Beſtie pruͤgelt es ſo lange unter den ab- ſcheulichſten Verwuͤnſchungen, bis es wieder aufſteht, und dem nachjagenden Wagen Platz macht. Man findet in der Straſſe einen Todten, à la Greve henkt man einen, Kinder werden getreten, uͤberrennt, man bringt einen Kranken auf der Tragbahre, da faͤhrt ein Leichenwagen hin, dort faͤllt einer, glitſcht aus, und die Pferde tram- peln ihn todt. — Das iſt alles einerlei, kein Menſch bekuͤmmert S

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Zitationshilfe: Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 1. Leipzig, 1783, S. 273. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung01_1783/297>, abgerufen am 20.04.2019.