Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 2. Leipzig, 1784.

Bild:
<< vorherige Seite

ihm die Sekretärs Stoßweise bringen. Er schätzt sehr
Leute, von denen er glaubt, daß sie Verdienste haben;
mit vielen hundert andern Edelleuten, deren Namen ihm
genannt worden sind, und die sich des Zutritts in seinem
Hause auf obige Art rühmen, hat er noch nie ein Wort
gesprochen. Den regierenden Kaiser hat er, seitdem er
allein regiert, nur ein einzigesmahl besucht: der Kai-
ser kömmt aber zu ihm. Zur höchstsel. Kaiserin fuhr er
oft. Er ist fast immer nur im Ueberrock, und wechselt
diesen gar oft in. Einem Tage, wärmere, dünnere, dicke-
re, je nachdem er eine Sensation hat. Das thut er
auch während dem Essen, er thuts in Gegenwart des
Kaisers sogar. Er ist 70. Jahr alt, und reitet noch
täglich zwischen 3-4. Uhr auf seiner Reitschule. Heute
ritt er nur Ein Pferd, darüber wunderten sich die Be-
dienten, dann fährt er nach der Stadt, und da begegne-
te er uns in einem vierspännigen Wagen. In Mähren
hat er eine Herrschaft, die auch abgemalt in seinem Land-
hause hängt. Dort hängt er auch selbst in der prächti-
gen rothen Ordenskleidung vom goldenen Vlies abgemalt.

Zwischen den Vorstädten und der Stadt wütete heu-
te früh ein solcher Sturmwind, daß man im Wagen
hinter den Gläsern vor dem Staube nicht sicher war. Er
wirft hier oft ganze Wagen um.

Bemerkungen.

Hier werden besonders gute Feuersprützen gemacht,
der Fürst von St. Blasien bekümmerte sich auch darum.

Heute assen wir den ersten Spargel, aber turio-
nes excisos,
und kalt und trocken ohne Brühe.

Den
K k 2

ihm die Sekretaͤrs Stoßweiſe bringen. Er ſchaͤtzt ſehr
Leute, von denen er glaubt, daß ſie Verdienſte haben;
mit vielen hundert andern Edelleuten, deren Namen ihm
genannt worden ſind, und die ſich des Zutritts in ſeinem
Hauſe auf obige Art ruͤhmen, hat er noch nie ein Wort
geſprochen. Den regierenden Kaiſer hat er, ſeitdem er
allein regiert, nur ein einzigesmahl beſucht: der Kai-
ſer koͤmmt aber zu ihm. Zur hoͤchſtſel. Kaiſerin fuhr er
oft. Er iſt faſt immer nur im Ueberrock, und wechſelt
dieſen gar oft in. Einem Tage, waͤrmere, duͤnnere, dicke-
re, je nachdem er eine Senſation hat. Das thut er
auch waͤhrend dem Eſſen, er thuts in Gegenwart des
Kaiſers ſogar. Er iſt 70. Jahr alt, und reitet noch
taͤglich zwiſchen 3-4. Uhr auf ſeiner Reitſchule. Heute
ritt er nur Ein Pferd, daruͤber wunderten ſich die Be-
dienten, dann faͤhrt er nach der Stadt, und da begegne-
te er uns in einem vierſpaͤnnigen Wagen. In Maͤhren
hat er eine Herrſchaft, die auch abgemalt in ſeinem Land-
hauſe haͤngt. Dort haͤngt er auch ſelbſt in der praͤchti-
gen rothen Ordenskleidung vom goldenen Vlies abgemalt.

Zwiſchen den Vorſtaͤdten und der Stadt wuͤtete heu-
te fruͤh ein ſolcher Sturmwind, daß man im Wagen
hinter den Glaͤſern vor dem Staube nicht ſicher war. Er
wirft hier oft ganze Wagen um.

Bemerkungen.

Hier werden beſonders gute Feuerſpruͤtzen gemacht,
der Fuͤrſt von St. Blaſien bekuͤmmerte ſich auch darum.

Heute aſſen wir den erſten Spargel, aber turio-
nes exciſos,
und kalt und trocken ohne Bruͤhe.

Den
K k 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="2">
            <div n="3">
              <p><pb facs="#f0553" n="515"/>
ihm die Sekreta&#x0364;rs Stoßwei&#x017F;e bringen. Er &#x017F;cha&#x0364;tzt &#x017F;ehr<lb/>
Leute, von denen er <hi rendition="#fr">glaubt,</hi> daß &#x017F;ie Verdien&#x017F;te haben;<lb/>
mit vielen hundert andern Edelleuten, deren Namen ihm<lb/>
genannt worden &#x017F;ind, und die &#x017F;ich des Zutritts in &#x017F;einem<lb/>
Hau&#x017F;e auf obige Art ru&#x0364;hmen, hat er noch nie ein Wort<lb/>
ge&#x017F;prochen. Den regierenden Kai&#x017F;er hat er, &#x017F;eitdem er<lb/>
allein regiert, nur ein einzigesmahl be&#x017F;ucht: der Kai-<lb/>
&#x017F;er ko&#x0364;mmt aber zu ihm. Zur ho&#x0364;ch&#x017F;t&#x017F;el. Kai&#x017F;erin fuhr er<lb/>
oft. Er i&#x017F;t fa&#x017F;t immer nur im Ueberrock, und wech&#x017F;elt<lb/>
die&#x017F;en gar oft in. Einem Tage, wa&#x0364;rmere, du&#x0364;nnere, dicke-<lb/>
re, je nachdem er eine Sen&#x017F;ation hat. Das thut er<lb/>
auch wa&#x0364;hrend dem E&#x017F;&#x017F;en, er thuts in Gegenwart des<lb/>
Kai&#x017F;ers &#x017F;ogar. Er i&#x017F;t 70. Jahr alt, und reitet noch<lb/>
ta&#x0364;glich zwi&#x017F;chen 3-4. Uhr auf &#x017F;einer Reit&#x017F;chule. Heute<lb/>
ritt er nur Ein Pferd, daru&#x0364;ber wunderten &#x017F;ich die Be-<lb/>
dienten, dann fa&#x0364;hrt er nach der Stadt, und da begegne-<lb/>
te er uns in einem vier&#x017F;pa&#x0364;nnigen Wagen. In <hi rendition="#fr">Ma&#x0364;hren</hi><lb/>
hat er eine Herr&#x017F;chaft, die auch abgemalt in &#x017F;einem Land-<lb/>
hau&#x017F;e ha&#x0364;ngt. Dort ha&#x0364;ngt er auch &#x017F;elb&#x017F;t in der pra&#x0364;chti-<lb/>
gen rothen Ordenskleidung vom goldenen Vlies abgemalt.</p><lb/>
              <p>Zwi&#x017F;chen den Vor&#x017F;ta&#x0364;dten und der Stadt wu&#x0364;tete heu-<lb/>
te fru&#x0364;h ein &#x017F;olcher <hi rendition="#fr">Sturmwind,</hi> daß man im Wagen<lb/>
hinter den Gla&#x0364;&#x017F;ern vor dem Staube nicht &#x017F;icher war. Er<lb/>
wirft hier oft ganze Wagen um.</p>
            </div><lb/>
            <div n="3">
              <head> <hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Bemerkungen</hi>.</hi> </head><lb/>
              <p>Hier werden be&#x017F;onders gute <hi rendition="#fr">Feuer&#x017F;pru&#x0364;tzen</hi> gemacht,<lb/>
der Fu&#x0364;r&#x017F;t von <hi rendition="#fr">St. Bla&#x017F;ien</hi> beku&#x0364;mmerte &#x017F;ich auch darum.</p><lb/>
              <p>Heute a&#x017F;&#x017F;en wir den er&#x017F;ten <hi rendition="#fr">Spargel,</hi> aber <hi rendition="#aq">turio-<lb/>
nes exci&#x017F;os,</hi> und kalt und trocken ohne Bru&#x0364;he.</p>
            </div><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">K k 2</fw>
            <fw place="bottom" type="catch">Den</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[515/0553] ihm die Sekretaͤrs Stoßweiſe bringen. Er ſchaͤtzt ſehr Leute, von denen er glaubt, daß ſie Verdienſte haben; mit vielen hundert andern Edelleuten, deren Namen ihm genannt worden ſind, und die ſich des Zutritts in ſeinem Hauſe auf obige Art ruͤhmen, hat er noch nie ein Wort geſprochen. Den regierenden Kaiſer hat er, ſeitdem er allein regiert, nur ein einzigesmahl beſucht: der Kai- ſer koͤmmt aber zu ihm. Zur hoͤchſtſel. Kaiſerin fuhr er oft. Er iſt faſt immer nur im Ueberrock, und wechſelt dieſen gar oft in. Einem Tage, waͤrmere, duͤnnere, dicke- re, je nachdem er eine Senſation hat. Das thut er auch waͤhrend dem Eſſen, er thuts in Gegenwart des Kaiſers ſogar. Er iſt 70. Jahr alt, und reitet noch taͤglich zwiſchen 3-4. Uhr auf ſeiner Reitſchule. Heute ritt er nur Ein Pferd, daruͤber wunderten ſich die Be- dienten, dann faͤhrt er nach der Stadt, und da begegne- te er uns in einem vierſpaͤnnigen Wagen. In Maͤhren hat er eine Herrſchaft, die auch abgemalt in ſeinem Land- hauſe haͤngt. Dort haͤngt er auch ſelbſt in der praͤchti- gen rothen Ordenskleidung vom goldenen Vlies abgemalt. Zwiſchen den Vorſtaͤdten und der Stadt wuͤtete heu- te fruͤh ein ſolcher Sturmwind, daß man im Wagen hinter den Glaͤſern vor dem Staube nicht ſicher war. Er wirft hier oft ganze Wagen um. Bemerkungen. Hier werden beſonders gute Feuerſpruͤtzen gemacht, der Fuͤrſt von St. Blaſien bekuͤmmerte ſich auch darum. Heute aſſen wir den erſten Spargel, aber turio- nes exciſos, und kalt und trocken ohne Bruͤhe. Den K k 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Erst ein Jahr nach dem Tod Heinrich Sanders wird … [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784/553
Zitationshilfe: Sander, Heinrich: Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien. Bd. 2. Leipzig, 1784, S. 515. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/sander_beschreibung02_1784/553>, abgerufen am 23.04.2019.