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Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von: Philosophie der Kunst (in: Sämtliche Werke. Abt. 1, Bd. 5). Stuttgart, 1859.

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Zweiter Abschnitt.
Construktion des Stoffs der Kunst.

In §. 24 ist bewiesen worden: die Formen der Kunst müssen die
Formen der Dinge seyn, wie sie im Absoluten oder an sich sind.
Demnach wird vorausgesetzt, diese besonderen Formen, wodurch
eben das Schöne in einzelnen realen und wirklichen Dingen dargestellt
wird, seyen besondere Formen, die im Absoluten selbst sind. Die
Frage ist, wie dieß möglich sey. (Es ist dieß ganz dasselbe Problem,
welches in der allgemeinen Philosophie durch Uebergehen des Unendlichen
ins Endliche, der Einheit in die Vielheit ausgedrückt wird).

§. 25. Die besonderen Formen sind als solche ohne
Wesenheit, bloße Formen, die im Absoluten nicht anders
seyn können, als inwiefern sie als besondere wieder das
ganze Wesen des Absoluten in sich aufnehmen
. Dieß ist von
selbst klar, da das Wesen des Absoluten untheilbar ist. -- Hierdurch
allein sind sie in Ansehung des Absoluten, d. h. absolut möglich, eben
darum auch absolut wirklich, da im Absoluten keine Differenz der
Wirklichkeit und der Möglichkeit.

Zusatz. Dasselbe ist auch auf folgende Art einzusehen. Das
Universum (worunter hier immer das Universum an sich, das ewige,
unerzeugte verstanden wird) -- das Universum ist, wie das Absolute,
schlechthin Eines, untheilbar, denn es ist das Absolute selbst (§. 3),
es können also im wahren Universum keine besonderen Dinge seyn,

Zweiter Abſchnitt.
Conſtruktion des Stoffs der Kunſt.

In §. 24 iſt bewieſen worden: die Formen der Kunſt müſſen die
Formen der Dinge ſeyn, wie ſie im Abſoluten oder an ſich ſind.
Demnach wird vorausgeſetzt, dieſe beſonderen Formen, wodurch
eben das Schöne in einzelnen realen und wirklichen Dingen dargeſtellt
wird, ſeyen beſondere Formen, die im Abſoluten ſelbſt ſind. Die
Frage iſt, wie dieß möglich ſey. (Es iſt dieß ganz daſſelbe Problem,
welches in der allgemeinen Philoſophie durch Uebergehen des Unendlichen
ins Endliche, der Einheit in die Vielheit ausgedrückt wird).

§. 25. Die beſonderen Formen ſind als ſolche ohne
Weſenheit, bloße Formen, die im Abſoluten nicht anders
ſeyn können, als inwiefern ſie als beſondere wieder das
ganze Weſen des Abſoluten in ſich aufnehmen
. Dieß iſt von
ſelbſt klar, da das Weſen des Abſoluten untheilbar iſt. — Hierdurch
allein ſind ſie in Anſehung des Abſoluten, d. h. abſolut möglich, eben
darum auch abſolut wirklich, da im Abſoluten keine Differenz der
Wirklichkeit und der Möglichkeit.

Zuſatz. Dasſelbe iſt auch auf folgende Art einzuſehen. Das
Univerſum (worunter hier immer das Univerſum an ſich, das ewige,
unerzeugte verſtanden wird) — das Univerſum iſt, wie das Abſolute,
ſchlechthin Eines, untheilbar, denn es iſt das Abſolute ſelbſt (§. 3),
es können alſo im wahren Univerſum keine beſonderen Dinge ſeyn,

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[[388]/0064] Zweiter Abſchnitt. Conſtruktion des Stoffs der Kunſt. In §. 24 iſt bewieſen worden: die Formen der Kunſt müſſen die Formen der Dinge ſeyn, wie ſie im Abſoluten oder an ſich ſind. Demnach wird vorausgeſetzt, dieſe beſonderen Formen, wodurch eben das Schöne in einzelnen realen und wirklichen Dingen dargeſtellt wird, ſeyen beſondere Formen, die im Abſoluten ſelbſt ſind. Die Frage iſt, wie dieß möglich ſey. (Es iſt dieß ganz daſſelbe Problem, welches in der allgemeinen Philoſophie durch Uebergehen des Unendlichen ins Endliche, der Einheit in die Vielheit ausgedrückt wird). §. 25. Die beſonderen Formen ſind als ſolche ohne Weſenheit, bloße Formen, die im Abſoluten nicht anders ſeyn können, als inwiefern ſie als beſondere wieder das ganze Weſen des Abſoluten in ſich aufnehmen. Dieß iſt von ſelbſt klar, da das Weſen des Abſoluten untheilbar iſt. — Hierdurch allein ſind ſie in Anſehung des Abſoluten, d. h. abſolut möglich, eben darum auch abſolut wirklich, da im Abſoluten keine Differenz der Wirklichkeit und der Möglichkeit. Zuſatz. Dasſelbe iſt auch auf folgende Art einzuſehen. Das Univerſum (worunter hier immer das Univerſum an ſich, das ewige, unerzeugte verſtanden wird) — das Univerſum iſt, wie das Abſolute, ſchlechthin Eines, untheilbar, denn es iſt das Abſolute ſelbſt (§. 3), es können alſo im wahren Univerſum keine beſonderen Dinge ſeyn,

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Zitationshilfe: Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von: Philosophie der Kunst (in: Sämtliche Werke. Abt. 1, Bd. 5). Stuttgart, 1859, S. [388]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schelling_kunst_1859/64>, abgerufen am 22.03.2019.