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Schleicher, August: Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Bd. 1. Weimar, 1861.

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Indogerman. ursprache. Consonanten.
B. Consonanten.§. 115.
Consonanten der indogermanischen ursprache.

Die consonanten unterscheiden sich im indogermanischen,
ab gesehen von ihrer physiologischen beschaffenheit, vor allem
dadurch von den vocalen, daß sie in den wurzeln fest und un-
veränderlich sind (ab gesehen von den veränderungen, welchen
sie zufolge der stäts secundären lautgesetze unterworfen sind),
nicht aber, wie die vocale, in einer bestimten reihe von abstu-
fungen sich bewegen können. Wärend die neun (acht) ursprüng-
lichen vocallaute des indogermanischen auf drei grundvocale
zurück füren, sind die consonanten sämtlich unabhängig von ein-
ander. Wärend die vocale durch ire steigerbarkeit neben der
bedeutung zugleich dem beziehungsaußdrucke dienen, sind die
consonanten nur elemente des bedeutungsaußdruckes; an den
wurzelconsonanten kann im indogermanischen die beziehung nicht
an gedeutet werden.

Die indogermanische ursprache besaß 15 consonanten, wel-
che in §. 1 irer physiologischen beschaffenheit nach zusammen
gestelt sind, nämlich 3 momentane stumme, 3 momentane tö-
nende, 3 momentane tönende aspirierte, 3 spiranten, 3 so genante
liquiden, d. h. 2 nasale und r. Das vorhandensein des b (des
labialen momentanen tönenden consonanten, der labialen me-
dia) in der ursprache, läßt sich durch kein volkommen sicheres
beispil nach weisen; vorhanden war es aber höchst warschein-
lich, da es hauptelement der häufigen aspirate bh ist. Die an-
zal der ursprünglichen consonanten ist also bei weitem größer,
als die der vocale (deren warscheinlich drei mal drei, gewis
aber zwei mal drei vorhanden waren).

Die aspiraten, als doppellaute, scheinen dem ursprünglich-
sten stande der sprache fremd gewesen zu sein und sich erst
später entwickelt zu haben. Vor der ersten teilung der ur-
sprache waren sie aber sicher vorhanden, da sie in den drei
abteilungen des indogermanischen vor ligen, oder doch sicher
erkenbar sind. Sie finden sich nämlich im arischen und im süd-

Indogerman. ursprache. Consonanten.
B. Consonanten.§. 115.
Consonanten der indogermanischen ursprache.

Die consonanten unterscheiden sich im indogermanischen,
ab gesehen von ihrer physiologischen beschaffenheit, vor allem
dadurch von den vocalen, daß sie in den wurzeln fest und un-
veränderlich sind (ab gesehen von den veränderungen, welchen
sie zufolge der stäts secundären lautgesetze unterworfen sind),
nicht aber, wie die vocale, in einer bestimten reihe von abstu-
fungen sich bewegen können. Wärend die neun (acht) ursprüng-
lichen vocallaute des indogermanischen auf drei grundvocale
zurück füren, sind die consonanten sämtlich unabhängig von ein-
ander. Wärend die vocale durch ire steigerbarkeit neben der
bedeutung zugleich dem beziehungsaußdrucke dienen, sind die
consonanten nur elemente des bedeutungsaußdruckes; an den
wurzelconsonanten kann im indogermanischen die beziehung nicht
an gedeutet werden.

Die indogermanische ursprache besaß 15 consonanten, wel-
che in §. 1 irer physiologischen beschaffenheit nach zusammen
gestelt sind, nämlich 3 momentane stumme, 3 momentane tö-
nende, 3 momentane tönende aspirierte, 3 spiranten, 3 so genante
liquiden, d. h. 2 nasale und r. Das vorhandensein des b (des
labialen momentanen tönenden consonanten, der labialen me-
dia) in der ursprache, läßt sich durch kein volkommen sicheres
beispil nach weisen; vorhanden war es aber höchst warschein-
lich, da es hauptelement der häufigen aspirate bh ist. Die an-
zal der ursprünglichen consonanten ist also bei weitem größer,
als die der vocale (deren warscheinlich drei mal drei, gewis
aber zwei mal drei vorhanden waren).

Die aspiraten, als doppellaute, scheinen dem ursprünglich-
sten stande der sprache fremd gewesen zu sein und sich erst
später entwickelt zu haben. Vor der ersten teilung der ur-
sprache waren sie aber sicher vorhanden, da sie in den drei
abteilungen des indogermanischen vor ligen, oder doch sicher
erkenbar sind. Sie finden sich nämlich im arischen und im süd-

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[136/0150] Indogerman. ursprache. Consonanten. B. Consonanten. Consonanten der indogermanischen ursprache. Die consonanten unterscheiden sich im indogermanischen, ab gesehen von ihrer physiologischen beschaffenheit, vor allem dadurch von den vocalen, daß sie in den wurzeln fest und un- veränderlich sind (ab gesehen von den veränderungen, welchen sie zufolge der stäts secundären lautgesetze unterworfen sind), nicht aber, wie die vocale, in einer bestimten reihe von abstu- fungen sich bewegen können. Wärend die neun (acht) ursprüng- lichen vocallaute des indogermanischen auf drei grundvocale zurück füren, sind die consonanten sämtlich unabhängig von ein- ander. Wärend die vocale durch ire steigerbarkeit neben der bedeutung zugleich dem beziehungsaußdrucke dienen, sind die consonanten nur elemente des bedeutungsaußdruckes; an den wurzelconsonanten kann im indogermanischen die beziehung nicht an gedeutet werden. Die indogermanische ursprache besaß 15 consonanten, wel- che in §. 1 irer physiologischen beschaffenheit nach zusammen gestelt sind, nämlich 3 momentane stumme, 3 momentane tö- nende, 3 momentane tönende aspirierte, 3 spiranten, 3 so genante liquiden, d. h. 2 nasale und r. Das vorhandensein des b (des labialen momentanen tönenden consonanten, der labialen me- dia) in der ursprache, läßt sich durch kein volkommen sicheres beispil nach weisen; vorhanden war es aber höchst warschein- lich, da es hauptelement der häufigen aspirate bh ist. Die an- zal der ursprünglichen consonanten ist also bei weitem größer, als die der vocale (deren warscheinlich drei mal drei, gewis aber zwei mal drei vorhanden waren). Die aspiraten, als doppellaute, scheinen dem ursprünglich- sten stande der sprache fremd gewesen zu sein und sich erst später entwickelt zu haben. Vor der ersten teilung der ur- sprache waren sie aber sicher vorhanden, da sie in den drei abteilungen des indogermanischen vor ligen, oder doch sicher erkenbar sind. Sie finden sich nämlich im arischen und im süd-

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Zitationshilfe: Schleicher, August: Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Bd. 1. Weimar, 1861, S. 136. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schleicher_indogermanische01_1861/150>, abgerufen am 23.04.2019.