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Schleicher, August: Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Bd. 1. Weimar, 1861.

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Griechisch. Vocale.

Man sondere in der außsprache ei von ai sorgfältig, da es ver-
schidene laute sind; man spreche sie so, wie sie geschriben wer-
den, d. h. ai wie unser deutsches ai oder ei, ei aber als e mit
an geschliffenen i, ein diphthong, der sich dialectisch im deutschen
findet, und der in andern sprachen durch ej bezeichnet wird.

Vocale des altgriechischen.§. 31.

Die hauptsächlichste abweichung vom ursprünglichen be-
steht in der färbung von a zu e und o, die sowol bei a als bei
a neben bewarung des ursprünglichen lautes statt findet; bei
letzterem sind die archäischen dialecte (dorisch) dem älteren
lautstande treuer verbliben; o hat doppelte function, es ist 1. wie
a und e vertreter von urspr. a, aber auch (dem e = a gegen-
über) 2. vertreter von urspr. a; durch die differenzierung von a
zu o, a, e, o ward es möglich o als zweite steigerung von der
ersten steigerung o, a, e zu sondern. Die schwächungen von
a zu i, u, so wie der schwund des a treten verhältnismäßig sel-
ten ein.

Die selbe färbung des a-lautes zu e, o fand statt, wenn er
mit i und u diphthonge bildet; hier bildet e (= a) die erste,
o (= a) die zweite steigerung, welche jedoch in der u-reihe
fast stäts durch die erste steigerung ersezt wird (ei, eu =
urspr. ai, au; oi, ou = urspr. ai, au). Nur da, wo die spra-
che der lebendigen beweglichkeit der vocale in irer reihe ver-
gaß, erscheinen ai und au als steigerungslaute von i und u.

Eine große anzal vocalischer laute, besonders diphthonge
und langer vocale entsteht im griechischen in folge von auß-
stoßung, wandlung und versetzung der diser sprache ganz oder
in gewissen verbindungen unerträglichen ursprünglichen spiran-
ten j, v, s. Dise so entstandenen vocallaute sind also sämtlich
unursprüngliche, dem urstande der sprache fremde producte
der eigentümlichen lautgesetze der griechischen sprache.

Der vocalismus des griechischen, in vilen stücken unur-
sprünglich, erinnert in manchem an den des altbaktrischen, wä-
rend wir auf der andern seite die gröste übereinstimmung mit
dem des altlateinischen finden werden.

Griechisch. Vocale.

Man sondere in der außsprache ει von αι sorgfältig, da es ver-
schidene laute sind; man spreche sie so, wie sie geschriben wer-
den, d. h. αι wie unser deutsches ai oder ei, ει aber als e mit
an geschliffenen i, ein diphthong, der sich dialectisch im deutschen
findet, und der in andern sprachen durch ej bezeichnet wird.

Vocale des altgriechischen.§. 31.

Die hauptsächlichste abweichung vom ursprünglichen be-
steht in der färbung von a zu e und o, die sowol bei a als bei
â neben bewarung des ursprünglichen lautes statt findet; bei
letzterem sind die archäischen dialecte (dorisch) dem älteren
lautstande treuer verbliben; o hat doppelte function, es ist 1. wie
α und ε vertreter von urspr. a, aber auch (dem ε = a gegen-
über) 2. vertreter von urspr. â; durch die differenzierung von â
zu ο, , η, ω ward es möglich ω als zweite steigerung von der
ersten steigerung ο, , η zu sondern. Die schwächungen von
a zu ι, υ, so wie der schwund des a treten verhältnismäßig sel-
ten ein.

Die selbe färbung des a-lautes zu e, o fand statt, wenn er
mit i und u diphthonge bildet; hier bildet ε (= a) die erste,
o (= â) die zweite steigerung, welche jedoch in der u-reihe
fast stäts durch die erste steigerung ersezt wird (ει, ευ =
urspr. ai, au; οι, ου = urspr. âi, âu). Nur da, wo die spra-
che der lebendigen beweglichkeit der vocale in irer reihe ver-
gaß, erscheinen αι und αυ als steigerungslaute von ι und υ.

Eine große anzal vocalischer laute, besonders diphthonge
und langer vocale entsteht im griechischen in folge von auß-
stoßung, wandlung und versetzung der diser sprache ganz oder
in gewissen verbindungen unerträglichen ursprünglichen spiran-
ten j, v, s. Dise so entstandenen vocallaute sind also sämtlich
unursprüngliche, dem urstande der sprache fremde producte
der eigentümlichen lautgesetze der griechischen sprache.

Der vocalismus des griechischen, in vilen stücken unur-
sprünglich, erinnert in manchem an den des altbaktrischen, wä-
rend wir auf der andern seite die gröste übereinstimmung mit
dem des altlateinischen finden werden.

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[47/0061] Griechisch. Vocale. Man sondere in der außsprache ει von αι sorgfältig, da es ver- schidene laute sind; man spreche sie so, wie sie geschriben wer- den, d. h. αι wie unser deutsches ai oder ei, ει aber als e mit an geschliffenen i, ein diphthong, der sich dialectisch im deutschen findet, und der in andern sprachen durch ej bezeichnet wird. Vocale des altgriechischen. Die hauptsächlichste abweichung vom ursprünglichen be- steht in der färbung von a zu e und o, die sowol bei a als bei â neben bewarung des ursprünglichen lautes statt findet; bei letzterem sind die archäischen dialecte (dorisch) dem älteren lautstande treuer verbliben; o hat doppelte function, es ist 1. wie α und ε vertreter von urspr. a, aber auch (dem ε = a gegen- über) 2. vertreter von urspr. â; durch die differenzierung von â zu ο, ᾱ, η, ω ward es möglich ω als zweite steigerung von der ersten steigerung ο, ᾱ, η zu sondern. Die schwächungen von a zu ι, υ, so wie der schwund des a treten verhältnismäßig sel- ten ein. Die selbe färbung des a-lautes zu e, o fand statt, wenn er mit i und u diphthonge bildet; hier bildet ε (= a) die erste, o (= â) die zweite steigerung, welche jedoch in der u-reihe fast stäts durch die erste steigerung ersezt wird (ει, ευ = urspr. ai, au; οι, ου = urspr. âi, âu). Nur da, wo die spra- che der lebendigen beweglichkeit der vocale in irer reihe ver- gaß, erscheinen αι und αυ als steigerungslaute von ι und υ. Eine große anzal vocalischer laute, besonders diphthonge und langer vocale entsteht im griechischen in folge von auß- stoßung, wandlung und versetzung der diser sprache ganz oder in gewissen verbindungen unerträglichen ursprünglichen spiran- ten j, v, s. Dise so entstandenen vocallaute sind also sämtlich unursprüngliche, dem urstande der sprache fremde producte der eigentümlichen lautgesetze der griechischen sprache. Der vocalismus des griechischen, in vilen stücken unur- sprünglich, erinnert in manchem an den des altbaktrischen, wä- rend wir auf der andern seite die gröste übereinstimmung mit dem des altlateinischen finden werden.

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Zitationshilfe: Schleicher, August: Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen. Bd. 1. Weimar, 1861, S. 47. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schleicher_indogermanische01_1861/61>, abgerufen am 25.04.2019.