Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schmidt, Johann Georg: Die gestriegelte Rocken-Philosophia, oder auffrichtige Untersuchung derer von vielen super-klugen Weibern hochgehaltenen Aberglauben. Bd. 2. Chemnitz, 1705.

Bild:
<< vorherige Seite
Untersuchung derer von super-klugen
Das 54. Capitel.

Wer Brod isset/ davon ein anderer
gebissen hat/ der wird dem andern feind
oder gram.

DIeses will sich mit der täglichen Erfah-
rung auff keine wege reimen. Denn/ wenn
einer sich hat satt gegessen/ und lässet Brod
liegen/ davon er mit denen Zähnen abgebissen
hat/ (welches zwar keine Gewohnheit reputir-
li
cher und erbarer Leute ist) und ein anderer ist
diesem so gewogen/ daß er keinen Eckel hat/ die-
ses sein Gebissens zu essen/ so wird jener hier-
durch keinen Haß erwecken/ sondern/ wenn et-
was natürliches in ihm oder in seinem Gemü-
the hierdurch solte rege gemacht werden/ so wol-
te ich vielmehr glauben/ daß es eine noch grösse-
re Liebe verursachen würde/ wie ich aus unter-
schiedlichen Historien anführen könte/ wenn ich
nicht mich der Kürtze zu befleißigen mir für ge-
nommen hätte. Trägt sich aber die Sache an-
ders zu/ und einer frißt des andern sein Brod/
davon er gebissen hat/ aus Geitz und Mißgunst/
also/ daß er dem andern lieber gar den Bissen aus
dem Maule riß und frässe/ auff daß der andere
nur hungern müste; zwischen solchen Personen
ist schon ein würcklicher Haß/ und entstehet nicht
erst aus der Geniessung des gebissenen Brods/

sondern
Unterſuchung derer von ſuper-klugen
Das 54. Capitel.

Wer Brod iſſet/ davon ein anderer
gebiſſen hat/ der wird dem andern feind
oder gram.

DIeſes will ſich mit der taͤglichen Erfah-
rung auff keine wege reimen. Denn/ wenn
einer ſich hat ſatt gegeſſen/ und laͤſſet Brod
liegen/ davon er mit denen Zaͤhnen abgebiſſen
hat/ (welches zwar keine Gewohnheit reputir-
li
cher und erbarer Leute iſt) und ein anderer iſt
dieſem ſo gewogen/ daß er keinen Eckel hat/ die-
ſes ſein Gebiſſens zu eſſen/ ſo wird jener hier-
durch keinen Haß erwecken/ ſondern/ wenn et-
was natuͤrliches in ihm oder in ſeinem Gemuͤ-
the hierdurch ſolte rege gemacht werden/ ſo wol-
te ich vielmehr glauben/ daß es eine noch groͤſſe-
re Liebe verurſachen wuͤrde/ wie ich aus unter-
ſchiedlichen Hiſtorien anfuͤhren koͤnte/ wenn ich
nicht mich der Kuͤrtze zu befleißigen mir fuͤr ge-
nommen haͤtte. Traͤgt ſich aber die Sache an-
ders zu/ und einer frißt des andern ſein Brod/
davon er gebiſſen hat/ aus Geitz und Mißgunſt/
alſo/ daß er dem andern lieber gar den Biſſen aus
dem Maule riß und fraͤſſe/ auff daß der andere
nur hungern muͤſte; zwiſchen ſolchen Perſonen
iſt ſchon ein wuͤrcklicher Haß/ und entſtehet nicht
erſt aus der Genieſſung des gebiſſenen Brods/

ſondern
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0136" n="312"/>
      <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#fr">Unter&#x017F;uchung derer von</hi> <hi rendition="#i"> <hi rendition="#aq">&#x017F;uper-</hi> </hi> <hi rendition="#fr">klugen</hi> </fw><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b">Das 54. Capitel.</hi> </head><lb/>
        <argument>
          <p>Wer Brod i&#x017F;&#x017F;et/ davon ein anderer<lb/><hi rendition="#c">gebi&#x017F;&#x017F;en hat/ der wird dem andern feind<lb/>
oder gram.</hi></p>
        </argument><lb/>
        <p><hi rendition="#in">D</hi>Ie&#x017F;es will &#x017F;ich mit der ta&#x0364;glichen Erfah-<lb/>
rung auff keine wege reimen. Denn/ wenn<lb/>
einer &#x017F;ich hat &#x017F;att gege&#x017F;&#x017F;en/ und la&#x0364;&#x017F;&#x017F;et Brod<lb/>
liegen/ davon er mit denen Za&#x0364;hnen abgebi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
hat/ (welches zwar keine Gewohnheit <hi rendition="#aq">reputir-<lb/>
li</hi>cher und erbarer Leute i&#x017F;t) und ein anderer i&#x017F;t<lb/>
die&#x017F;em &#x017F;o gewogen/ daß er keinen Eckel hat/ die-<lb/>
&#x017F;es &#x017F;ein Gebi&#x017F;&#x017F;ens zu e&#x017F;&#x017F;en/ &#x017F;o wird jener hier-<lb/>
durch keinen Haß erwecken/ &#x017F;ondern/ wenn et-<lb/>
was natu&#x0364;rliches in ihm oder in &#x017F;einem Gemu&#x0364;-<lb/>
the hierdurch &#x017F;olte rege gemacht werden/ &#x017F;o wol-<lb/>
te ich vielmehr glauben/ daß es eine noch gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;e-<lb/>
re Liebe verur&#x017F;achen wu&#x0364;rde/ wie ich aus unter-<lb/>
&#x017F;chiedlichen Hi&#x017F;torien anfu&#x0364;hren ko&#x0364;nte/ wenn ich<lb/>
nicht mich der Ku&#x0364;rtze zu befleißigen mir fu&#x0364;r ge-<lb/>
nommen ha&#x0364;tte. Tra&#x0364;gt &#x017F;ich aber die Sache an-<lb/>
ders zu/ und einer frißt des andern &#x017F;ein Brod/<lb/>
davon er gebi&#x017F;&#x017F;en hat/ aus Geitz und Mißgun&#x017F;t/<lb/>
al&#x017F;o/ daß er dem andern lieber gar den Bi&#x017F;&#x017F;en aus<lb/>
dem Maule riß und fra&#x0364;&#x017F;&#x017F;e/ auff daß der andere<lb/>
nur hungern mu&#x0364;&#x017F;te; zwi&#x017F;chen &#x017F;olchen Per&#x017F;onen<lb/>
i&#x017F;t &#x017F;chon ein wu&#x0364;rcklicher Haß/ und ent&#x017F;tehet nicht<lb/>
er&#x017F;t aus der Genie&#x017F;&#x017F;ung des gebi&#x017F;&#x017F;enen Brods/<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;ondern</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[312/0136] Unterſuchung derer von ſuper-klugen Das 54. Capitel. Wer Brod iſſet/ davon ein anderer gebiſſen hat/ der wird dem andern feind oder gram. DIeſes will ſich mit der taͤglichen Erfah- rung auff keine wege reimen. Denn/ wenn einer ſich hat ſatt gegeſſen/ und laͤſſet Brod liegen/ davon er mit denen Zaͤhnen abgebiſſen hat/ (welches zwar keine Gewohnheit reputir- licher und erbarer Leute iſt) und ein anderer iſt dieſem ſo gewogen/ daß er keinen Eckel hat/ die- ſes ſein Gebiſſens zu eſſen/ ſo wird jener hier- durch keinen Haß erwecken/ ſondern/ wenn et- was natuͤrliches in ihm oder in ſeinem Gemuͤ- the hierdurch ſolte rege gemacht werden/ ſo wol- te ich vielmehr glauben/ daß es eine noch groͤſſe- re Liebe verurſachen wuͤrde/ wie ich aus unter- ſchiedlichen Hiſtorien anfuͤhren koͤnte/ wenn ich nicht mich der Kuͤrtze zu befleißigen mir fuͤr ge- nommen haͤtte. Traͤgt ſich aber die Sache an- ders zu/ und einer frißt des andern ſein Brod/ davon er gebiſſen hat/ aus Geitz und Mißgunſt/ alſo/ daß er dem andern lieber gar den Biſſen aus dem Maule riß und fraͤſſe/ auff daß der andere nur hungern muͤſte; zwiſchen ſolchen Perſonen iſt ſchon ein wuͤrcklicher Haß/ und entſtehet nicht erſt aus der Genieſſung des gebiſſenen Brods/ ſondern

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705/136
Zitationshilfe: Schmidt, Johann Georg: Die gestriegelte Rocken-Philosophia, oder auffrichtige Untersuchung derer von vielen super-klugen Weibern hochgehaltenen Aberglauben. Bd. 2. Chemnitz, 1705, S. 312. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_rockenphilosophia02_1705/136>, abgerufen am 23.04.2019.