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Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Bd. 1. Leipzig, 1900.

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Die Sparsamkeit, der Unternehmungsgeist.
verkehrs wachsende Chancen sich bilden, durch kluge Kombinationen einen Erwerb zu
gewinnen. Die bisher erörterten wirtschaftlichen Tugenden sind zumal für den kleinen
Unternehmer wesentliche Stützen des Unternehmungsgeistes; aber der psychologische
Schwerpunkt liegt anderswo. Der Händler und Unternehmer muß einerseits eine um-
fassende Kenntnis des Bedarfes, des Geschmackes, der Absatzwege und eine technische
Beherrschung der möglichen und üblichen Produktionsmethoden, andererseits Organisations-
talent, Menschenkenntnis, Kombinationsgabe, eine gewisse geschäftliche Phantasie, die sich
ein Bild von der Zukunft machen kann, vor allem aber Mut, Energie, Thatkraft und
Rücksichtslosigkeit besitzen. Es sind nicht die höchsten sittlichen Eigenschaften, aber Quali-
täten, welche nur in bestimmter gesellschaftlicher Umgebung und Schulung erlernt werden.
Es sind zu einem Teil dieselben Eigenschaften, die für einen Truppenführer, einen
Bürgermeister, einen Landrat oder Minister nötig sind. Die Unternehmer sind die
Offiziere und der Generalstab der Volkswirtschaft. Je komplizierter dieselbe wird, desto
größer sind die Anforderungen an sie. Und zwar steigen sie fast nicht so sehr in Bezug auf
Kenntnisse und Geschicklichkeit, als auf den Charakter. Und wenn es auch nur bestimmte
Seiten desselben sind, die in erster Linie gefordert werden, wenn andere weiche und
edlere Seiten des sittlichen Charakters in einer Zeit harten Konkurrenzkampfes sogar
dem Unternehmer schädlich sein können, so sind doch der energische, wagende Mut, die
Fähigkeit, Hunderten zu befehlen und sie mit Gerechtigkeit in Ordnung zu halten, die
findige Entschlossenheit, neue Absatzwege zu eröffnen, sittliche und männliche Charakterzüge.

Ohne diese hat es bis jetzt keine höher entwickelte Volkswirtschaft gegeben und
wird auch in Zukunft die Leitung der wirtschaftlichen Geschäfte nicht möglich sein.

7. Das Wesen des Sittlichen.
Jodl, Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie. 1, 1882. 2, 1889. -- Adam
Smith
, Theory of moral Sentiments. 1759. Deutsch 1770 u. 1791. --
Hegel, Grundlinien der
Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundriß. 1821. 3. Aufl. 1854. --

Schleiermacher, System der Sittenlehre. 1835. -- Herbart, Allg. praktische Philosophie, Werke
Bd. 8. --
Hartenstein, Die Grundbegriffe der ethischen Wissenschaften. 1844. -- Herbert Spencer,
Die Thatsachen der Ethik. Deutsch von Vetter. 1879. --
Steinthal, Allgem. Ethik. 1885. --
Wundt, Ethik. 1886. -- Paulsen, System der Ethik. 2. Aufl. 1891. 2 Bde. -- G. Simmel,
Einleitung in die Moralwissenschaft. 1892--93.
Lippert, Die Religionen der europäischen Kulturvölker. 1881. --
Pfleiderer, Die Religion,
ihr Wesen und ihre Geschichte. 1869.

Wir haben das Wesen des Sittlichen schon in unseren bisherigen Betrachtungen
wiederholt berührt. Wir haben die Sprache als das Instrument kennen gelernt, das
die Menschen denken lehrte und sie zu gesellschaftlichem Dasein erhob. Wir sahen, daß
mit dem unterscheidenden Denken eine Wertung, Ordnung und Hierarchie der Gefühle
und der Triebe entsteht, daß die Triebe, und besonders die höheren, durch ihre Regu-
lierung und richtige Einfügung in das System des menschlichen Handelns zu Tugenden
werden. Von da ist es nur ein Schritt bis zur Erkenntnis, daß die Rückwirkung der
reflektierenden Werturteile auf unsere Gefühle und Handlungen uns zu sittlichen Wesen
mache, uns jenen Adelsbrief gebe, durch den wir gleichsam zu Gliedern einer höheren
Welt werden.

Aber wir haben hier doch noch etwas näher das Wesen des sittlichen Urteils und
des sittlichen Handelns zu untersuchen, über die sittliche Entwickelung und ihre Zucht-
mittel uns zu verständigen und uns klar zu machen, inwiefern das Sittliche die Grund-
lage und die Voraussetzung aller gesellschaftlichen Organisation, also auch der volks-
wirtschaftlichen sei.

22. Das sittliche Urteil und das sittliche Handeln. Das sittliche
Denken besteht stets in einem Urteil, daß etwas gut oder böse sei; das sittliche Handeln
in einer thatsächlichen Bevorzugung dessen, was wir für das Gute halten. Die letzte
Erklärung des Sittlichen kann immer nur eine psychologische sein: wie kommen wir zu
sittlichen Urteilen und sittlichem Handeln? Dabei kann die Rückwirkung anderer Menschen

Die Sparſamkeit, der Unternehmungsgeiſt.
verkehrs wachſende Chancen ſich bilden, durch kluge Kombinationen einen Erwerb zu
gewinnen. Die bisher erörterten wirtſchaftlichen Tugenden ſind zumal für den kleinen
Unternehmer weſentliche Stützen des Unternehmungsgeiſtes; aber der pſychologiſche
Schwerpunkt liegt anderswo. Der Händler und Unternehmer muß einerſeits eine um-
faſſende Kenntnis des Bedarfes, des Geſchmackes, der Abſatzwege und eine techniſche
Beherrſchung der möglichen und üblichen Produktionsmethoden, andererſeits Organiſations-
talent, Menſchenkenntnis, Kombinationsgabe, eine gewiſſe geſchäftliche Phantaſie, die ſich
ein Bild von der Zukunft machen kann, vor allem aber Mut, Energie, Thatkraft und
Rückſichtsloſigkeit beſitzen. Es ſind nicht die höchſten ſittlichen Eigenſchaften, aber Quali-
täten, welche nur in beſtimmter geſellſchaftlicher Umgebung und Schulung erlernt werden.
Es ſind zu einem Teil dieſelben Eigenſchaften, die für einen Truppenführer, einen
Bürgermeiſter, einen Landrat oder Miniſter nötig ſind. Die Unternehmer ſind die
Offiziere und der Generalſtab der Volkswirtſchaft. Je komplizierter dieſelbe wird, deſto
größer ſind die Anforderungen an ſie. Und zwar ſteigen ſie faſt nicht ſo ſehr in Bezug auf
Kenntniſſe und Geſchicklichkeit, als auf den Charakter. Und wenn es auch nur beſtimmte
Seiten desſelben ſind, die in erſter Linie gefordert werden, wenn andere weiche und
edlere Seiten des ſittlichen Charakters in einer Zeit harten Konkurrenzkampfes ſogar
dem Unternehmer ſchädlich ſein können, ſo ſind doch der energiſche, wagende Mut, die
Fähigkeit, Hunderten zu befehlen und ſie mit Gerechtigkeit in Ordnung zu halten, die
findige Entſchloſſenheit, neue Abſatzwege zu eröffnen, ſittliche und männliche Charakterzüge.

Ohne dieſe hat es bis jetzt keine höher entwickelte Volkswirtſchaft gegeben und
wird auch in Zukunft die Leitung der wirtſchaftlichen Geſchäfte nicht möglich ſein.

7. Das Weſen des Sittlichen.
Jodl, Geſchichte der Ethik in der neueren Philoſophie. 1, 1882. 2, 1889. — Adam
Smith
, Theory of moral Sentiments. 1759. Deutſch 1770 u. 1791. —
Hegel, Grundlinien der
Philoſophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswiſſenſchaft im Grundriß. 1821. 3. Aufl. 1854. —

Schleiermacher, Syſtem der Sittenlehre. 1835. — Herbart, Allg. praktiſche Philoſophie, Werke
Bd. 8. —
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Die Thatſachen der Ethik. Deutſch von Vetter. 1879. —
Steinthal, Allgem. Ethik. 1885. —
Wundt, Ethik. 1886. — Paulſen, Syſtem der Ethik. 2. Aufl. 1891. 2 Bde. — G. Simmel,
Einleitung in die Moralwiſſenſchaft. 1892—93.
Lippert, Die Religionen der europäiſchen Kulturvölker. 1881. —
Pfleiderer, Die Religion,
ihr Weſen und ihre Geſchichte. 1869.

Wir haben das Weſen des Sittlichen ſchon in unſeren bisherigen Betrachtungen
wiederholt berührt. Wir haben die Sprache als das Inſtrument kennen gelernt, das
die Menſchen denken lehrte und ſie zu geſellſchaftlichem Daſein erhob. Wir ſahen, daß
mit dem unterſcheidenden Denken eine Wertung, Ordnung und Hierarchie der Gefühle
und der Triebe entſteht, daß die Triebe, und beſonders die höheren, durch ihre Regu-
lierung und richtige Einfügung in das Syſtem des menſchlichen Handelns zu Tugenden
werden. Von da iſt es nur ein Schritt bis zur Erkenntnis, daß die Rückwirkung der
reflektierenden Werturteile auf unſere Gefühle und Handlungen uns zu ſittlichen Weſen
mache, uns jenen Adelsbrief gebe, durch den wir gleichſam zu Gliedern einer höheren
Welt werden.

Aber wir haben hier doch noch etwas näher das Weſen des ſittlichen Urteils und
des ſittlichen Handelns zu unterſuchen, über die ſittliche Entwickelung und ihre Zucht-
mittel uns zu verſtändigen und uns klar zu machen, inwiefern das Sittliche die Grund-
lage und die Vorausſetzung aller geſellſchaftlichen Organiſation, alſo auch der volks-
wirtſchaftlichen ſei.

22. Das ſittliche Urteil und das ſittliche Handeln. Das ſittliche
Denken beſteht ſtets in einem Urteil, daß etwas gut oder böſe ſei; das ſittliche Handeln
in einer thatſächlichen Bevorzugung deſſen, was wir für das Gute halten. Die letzte
Erklärung des Sittlichen kann immer nur eine pſychologiſche ſein: wie kommen wir zu
ſittlichen Urteilen und ſittlichem Handeln? Dabei kann die Rückwirkung anderer Menſchen

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[41/0057] Die Sparſamkeit, der Unternehmungsgeiſt. verkehrs wachſende Chancen ſich bilden, durch kluge Kombinationen einen Erwerb zu gewinnen. Die bisher erörterten wirtſchaftlichen Tugenden ſind zumal für den kleinen Unternehmer weſentliche Stützen des Unternehmungsgeiſtes; aber der pſychologiſche Schwerpunkt liegt anderswo. Der Händler und Unternehmer muß einerſeits eine um- faſſende Kenntnis des Bedarfes, des Geſchmackes, der Abſatzwege und eine techniſche Beherrſchung der möglichen und üblichen Produktionsmethoden, andererſeits Organiſations- talent, Menſchenkenntnis, Kombinationsgabe, eine gewiſſe geſchäftliche Phantaſie, die ſich ein Bild von der Zukunft machen kann, vor allem aber Mut, Energie, Thatkraft und Rückſichtsloſigkeit beſitzen. Es ſind nicht die höchſten ſittlichen Eigenſchaften, aber Quali- täten, welche nur in beſtimmter geſellſchaftlicher Umgebung und Schulung erlernt werden. Es ſind zu einem Teil dieſelben Eigenſchaften, die für einen Truppenführer, einen Bürgermeiſter, einen Landrat oder Miniſter nötig ſind. Die Unternehmer ſind die Offiziere und der Generalſtab der Volkswirtſchaft. Je komplizierter dieſelbe wird, deſto größer ſind die Anforderungen an ſie. Und zwar ſteigen ſie faſt nicht ſo ſehr in Bezug auf Kenntniſſe und Geſchicklichkeit, als auf den Charakter. Und wenn es auch nur beſtimmte Seiten desſelben ſind, die in erſter Linie gefordert werden, wenn andere weiche und edlere Seiten des ſittlichen Charakters in einer Zeit harten Konkurrenzkampfes ſogar dem Unternehmer ſchädlich ſein können, ſo ſind doch der energiſche, wagende Mut, die Fähigkeit, Hunderten zu befehlen und ſie mit Gerechtigkeit in Ordnung zu halten, die findige Entſchloſſenheit, neue Abſatzwege zu eröffnen, ſittliche und männliche Charakterzüge. Ohne dieſe hat es bis jetzt keine höher entwickelte Volkswirtſchaft gegeben und wird auch in Zukunft die Leitung der wirtſchaftlichen Geſchäfte nicht möglich ſein. 7. Das Weſen des Sittlichen. Jodl, Geſchichte der Ethik in der neueren Philoſophie. 1, 1882. 2, 1889. — Adam Smith, Theory of moral Sentiments. 1759. Deutſch 1770 u. 1791. — Hegel, Grundlinien der Philoſophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswiſſenſchaft im Grundriß. 1821. 3. Aufl. 1854. — Schleiermacher, Syſtem der Sittenlehre. 1835. — Herbart, Allg. praktiſche Philoſophie, Werke Bd. 8. — Hartenſtein, Die Grundbegriffe der ethiſchen Wiſſenſchaften. 1844. — Herbert Spencer, Die Thatſachen der Ethik. Deutſch von Vetter. 1879. — Steinthal, Allgem. Ethik. 1885. — Wundt, Ethik. 1886. — Paulſen, Syſtem der Ethik. 2. Aufl. 1891. 2 Bde. — G. Simmel, Einleitung in die Moralwiſſenſchaft. 1892—93. Lippert, Die Religionen der europäiſchen Kulturvölker. 1881. — Pfleiderer, Die Religion, ihr Weſen und ihre Geſchichte. 1869. Wir haben das Weſen des Sittlichen ſchon in unſeren bisherigen Betrachtungen wiederholt berührt. Wir haben die Sprache als das Inſtrument kennen gelernt, das die Menſchen denken lehrte und ſie zu geſellſchaftlichem Daſein erhob. Wir ſahen, daß mit dem unterſcheidenden Denken eine Wertung, Ordnung und Hierarchie der Gefühle und der Triebe entſteht, daß die Triebe, und beſonders die höheren, durch ihre Regu- lierung und richtige Einfügung in das Syſtem des menſchlichen Handelns zu Tugenden werden. Von da iſt es nur ein Schritt bis zur Erkenntnis, daß die Rückwirkung der reflektierenden Werturteile auf unſere Gefühle und Handlungen uns zu ſittlichen Weſen mache, uns jenen Adelsbrief gebe, durch den wir gleichſam zu Gliedern einer höheren Welt werden. Aber wir haben hier doch noch etwas näher das Weſen des ſittlichen Urteils und des ſittlichen Handelns zu unterſuchen, über die ſittliche Entwickelung und ihre Zucht- mittel uns zu verſtändigen und uns klar zu machen, inwiefern das Sittliche die Grund- lage und die Vorausſetzung aller geſellſchaftlichen Organiſation, alſo auch der volks- wirtſchaftlichen ſei. 22. Das ſittliche Urteil und das ſittliche Handeln. Das ſittliche Denken beſteht ſtets in einem Urteil, daß etwas gut oder böſe ſei; das ſittliche Handeln in einer thatſächlichen Bevorzugung deſſen, was wir für das Gute halten. Die letzte Erklärung des Sittlichen kann immer nur eine pſychologiſche ſein: wie kommen wir zu ſittlichen Urteilen und ſittlichem Handeln? Dabei kann die Rückwirkung anderer Menſchen

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Zitationshilfe: Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Bd. 1. Leipzig, 1900, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_grundriss01_1900/57>, abgerufen am 22.07.2019.