Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schmoller, Gustav: Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. Frankfurt (Main), 1893.

Bild:
<< vorherige Seite

wußtsein der Übereinstimmung in viel stärkerer Progression wachsen,
als der Zahl der Bekenner entspräche, wie 20 Versammlungen von je
50 verständigen Leuten, die getrennt Verständiges beschließen, in
eine Versammlung vereinigt, so leicht zu unverständigen Ergebnissen
kommen, wie jede Mehrheit von Willen sich teils steigert, teils neu-
tralisiert. Kurz, so wahr der Satz ist, daß eine bereits vollendete indi-
viduelle und Massenpsychologie der Nationalökonomie die Möglichkeit
biete, sich überwiegend der Deduktion zu bedienen, so wenig reichen
bei dem jetzigen Zustande der Psychologie die vorhandenen Wahr-
heiten aus; sie sind erst zu finden und zwar teilweise mit Hilfe
psychologisch-volkswirtschaftlicher Induktionen.

Die Auffassung Mills in bezug auf diese Fragen hängt endlich zu-
sammen mit einem schiefen Bilde, das ihm in seiner Jugend kam,
als sein Vater und Macaulay sich über politische Dinge stritten und
der Sohn beklemmt von diesem Konflikt nach einem Auswege suchte.
Er kam zu dem Schlusse, sein radikal doktrinärer Vater wolle gesell-
schaftliche Fragen geometrisch behandeln, der historisch auf die Er-
fahrung sich berufende Macaulay aber behandle sie chemisch, d. h. er
behaupte, daß aus der Verbindung zweier Ursachen gesellschaftliche
Folgen ganz neuer Art sich ergeben, wie in der Chemie aus zwei Ele-
menten ein neuer Stoff entstehe, dessen Eigenschaften mit denen
der Elemente nichts zu tun haben. Beides sei falsch; man müsse nicht
geometrisch oder chemisch, sondern physikalisch verfahren. Und an
diesem schiefen Bilde von der chemischen und physikalischen Metho-
de der Gesellschaftswissenschaften hat er nicht bloß zeitlebens festge-
halten, sondern er hat auch den kühnen Satz beigefügt, die Leube,
welche über Politik urteilten, würden nicht so oft irren, wenn sie
besser mit den Methoden der physikalischen Forschung vertraut wären.
Daß ausschließlich mathematisch-naturwissenschaftliche Studien in
der Regel zum politisch-volkswirtschaftlichen Urteilen verunfähigen,
ist für mich wenigstens eine Lebenserfahrung, die außer allem Zwei-
fel steht, die in der Verschiedenheit der zu beobachtenden Erschei-
nungen, der Methoden und der vorwiegenden Denkgewohnheiten ihre
einfache Ursache hat.

XIII.
DIE REGELMÄSSIGKEITEN UND DIE GESETZE.

Der unabänderlich gleichmäßige Verlauf der Natur im Großen, die
Wiederkehr von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Mond
und Sternen, wie die Wiederkehr von Hunger und Durst, von Wa-
chen und Schlafen, von Jugend und Alter, sie sind es ohne Zweifel

5

wußtsein der Übereinstimmung in viel stärkerer Progression wachsen,
als der Zahl der Bekenner entspräche, wie 20 Versammlungen von je
50 verständigen Leuten, die getrennt Verständiges beschließen, in
eine Versammlung vereinigt, so leicht zu unverständigen Ergebnissen
kommen, wie jede Mehrheit von Willen sich teils steigert, teils neu-
tralisiert. Kurz, so wahr der Satz ist, daß eine bereits vollendete indi-
viduelle und Massenpsychologie der Nationalökonomie die Möglichkeit
biete, sich überwiegend der Deduktion zu bedienen, so wenig reichen
bei dem jetzigen Zustande der Psychologie die vorhandenen Wahr-
heiten aus; sie sind erst zu finden und zwar teilweise mit Hilfe
psychologisch-volkswirtschaftlicher Induktionen.

Die Auffassung Mills in bezug auf diese Fragen hängt endlich zu-
sammen mit einem schiefen Bilde, das ihm in seiner Jugend kam,
als sein Vater und Macaulay sich über politische Dinge stritten und
der Sohn beklemmt von diesem Konflikt nach einem Auswege suchte.
Er kam zu dem Schlusse, sein radikal doktrinärer Vater wolle gesell-
schaftliche Fragen geometrisch behandeln, der historisch auf die Er-
fahrung sich berufende Macaulay aber behandle sie chemisch, d. h. er
behaupte, daß aus der Verbindung zweier Ursachen gesellschaftliche
Folgen ganz neuer Art sich ergeben, wie in der Chemie aus zwei Ele-
menten ein neuer Stoff entstehe, dessen Eigenschaften mit denen
der Elemente nichts zu tun haben. Beides sei falsch; man müsse nicht
geometrisch oder chemisch, sondern physikalisch verfahren. Und an
diesem schiefen Bilde von der chemischen und physikalischen Metho-
de der Gesellschaftswissenschaften hat er nicht bloß zeitlebens festge-
halten, sondern er hat auch den kühnen Satz beigefügt, die Leube,
welche über Politik urteilten, würden nicht so oft irren, wenn sie
besser mit den Methoden der physikalischen Forschung vertraut wären.
Daß ausschließlich mathematisch-naturwissenschaftliche Studien in
der Regel zum politisch-volkswirtschaftlichen Urteilen verunfähigen,
ist für mich wenigstens eine Lebenserfahrung, die außer allem Zwei-
fel steht, die in der Verschiedenheit der zu beobachtenden Erschei-
nungen, der Methoden und der vorwiegenden Denkgewohnheiten ihre
einfache Ursache hat.

XIII.
DIE REGELMÄSSIGKEITEN UND DIE GESETZE.

Der unabänderlich gleichmäßige Verlauf der Natur im Großen, die
Wiederkehr von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Mond
und Sternen, wie die Wiederkehr von Hunger und Durst, von Wa-
chen und Schlafen, von Jugend und Alter, sie sind es ohne Zweifel

5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0069" n="65"/>
wußtsein der Übereinstimmung in viel stärkerer Progression wachsen,<lb/>
als der Zahl der Bekenner entspräche, wie 20 Versammlungen von je<lb/>
50 verständigen Leuten, die getrennt Verständiges beschließen, in<lb/>
eine Versammlung vereinigt, so leicht zu unverständigen Ergebnissen<lb/>
kommen, wie jede Mehrheit von Willen sich teils steigert, teils neu-<lb/>
tralisiert. Kurz, so wahr der Satz ist, daß eine bereits vollendete indi-<lb/>
viduelle und Massenpsychologie der Nationalökonomie die Möglichkeit<lb/>
biete, sich überwiegend der Deduktion zu bedienen, so wenig reichen<lb/>
bei dem jetzigen Zustande der Psychologie die vorhandenen Wahr-<lb/>
heiten aus; sie sind erst zu finden und zwar teilweise mit Hilfe<lb/>
psychologisch-volkswirtschaftlicher Induktionen.</p><lb/>
        <p>Die Auffassung Mills in bezug auf diese Fragen hängt endlich zu-<lb/>
sammen mit einem schiefen Bilde, das ihm in seiner Jugend kam,<lb/>
als sein Vater und Macaulay sich über politische Dinge stritten und<lb/>
der Sohn beklemmt von diesem Konflikt nach einem Auswege suchte.<lb/>
Er kam zu dem Schlusse, sein radikal doktrinärer Vater wolle gesell-<lb/>
schaftliche Fragen geometrisch behandeln, der historisch auf die Er-<lb/>
fahrung sich berufende Macaulay aber behandle sie chemisch, d. h. er<lb/>
behaupte, daß aus der Verbindung zweier Ursachen gesellschaftliche<lb/>
Folgen ganz neuer Art sich ergeben, wie in der Chemie aus zwei Ele-<lb/>
menten ein neuer Stoff entstehe, dessen Eigenschaften mit denen<lb/>
der Elemente nichts zu tun haben. Beides sei falsch; man müsse nicht<lb/>
geometrisch oder chemisch, sondern physikalisch verfahren. Und an<lb/>
diesem schiefen Bilde von der chemischen und physikalischen Metho-<lb/>
de der Gesellschaftswissenschaften hat er nicht bloß zeitlebens festge-<lb/>
halten, sondern er hat auch den kühnen Satz beigefügt, die Leube,<lb/>
welche über Politik urteilten, würden nicht so oft irren, wenn sie<lb/>
besser mit den Methoden der physikalischen Forschung vertraut wären.<lb/>
Daß ausschließlich mathematisch-naturwissenschaftliche Studien in<lb/>
der Regel zum politisch-volkswirtschaftlichen Urteilen verunfähigen,<lb/>
ist für mich wenigstens eine Lebenserfahrung, die außer allem Zwei-<lb/>
fel steht, die in der Verschiedenheit der zu beobachtenden Erschei-<lb/>
nungen, der Methoden und der vorwiegenden Denkgewohnheiten ihre<lb/>
einfache Ursache hat.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>XIII.<lb/>
DIE REGELMÄSSIGKEITEN UND DIE GESETZE.</head><lb/>
        <p>Der unabänderlich gleichmäßige Verlauf der Natur im Großen, die<lb/>
Wiederkehr von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Mond<lb/>
und Sternen, wie die Wiederkehr von Hunger und Durst, von Wa-<lb/>
chen und Schlafen, von Jugend und Alter, sie sind es ohne Zweifel<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">5</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[65/0069] wußtsein der Übereinstimmung in viel stärkerer Progression wachsen, als der Zahl der Bekenner entspräche, wie 20 Versammlungen von je 50 verständigen Leuten, die getrennt Verständiges beschließen, in eine Versammlung vereinigt, so leicht zu unverständigen Ergebnissen kommen, wie jede Mehrheit von Willen sich teils steigert, teils neu- tralisiert. Kurz, so wahr der Satz ist, daß eine bereits vollendete indi- viduelle und Massenpsychologie der Nationalökonomie die Möglichkeit biete, sich überwiegend der Deduktion zu bedienen, so wenig reichen bei dem jetzigen Zustande der Psychologie die vorhandenen Wahr- heiten aus; sie sind erst zu finden und zwar teilweise mit Hilfe psychologisch-volkswirtschaftlicher Induktionen. Die Auffassung Mills in bezug auf diese Fragen hängt endlich zu- sammen mit einem schiefen Bilde, das ihm in seiner Jugend kam, als sein Vater und Macaulay sich über politische Dinge stritten und der Sohn beklemmt von diesem Konflikt nach einem Auswege suchte. Er kam zu dem Schlusse, sein radikal doktrinärer Vater wolle gesell- schaftliche Fragen geometrisch behandeln, der historisch auf die Er- fahrung sich berufende Macaulay aber behandle sie chemisch, d. h. er behaupte, daß aus der Verbindung zweier Ursachen gesellschaftliche Folgen ganz neuer Art sich ergeben, wie in der Chemie aus zwei Ele- menten ein neuer Stoff entstehe, dessen Eigenschaften mit denen der Elemente nichts zu tun haben. Beides sei falsch; man müsse nicht geometrisch oder chemisch, sondern physikalisch verfahren. Und an diesem schiefen Bilde von der chemischen und physikalischen Metho- de der Gesellschaftswissenschaften hat er nicht bloß zeitlebens festge- halten, sondern er hat auch den kühnen Satz beigefügt, die Leube, welche über Politik urteilten, würden nicht so oft irren, wenn sie besser mit den Methoden der physikalischen Forschung vertraut wären. Daß ausschließlich mathematisch-naturwissenschaftliche Studien in der Regel zum politisch-volkswirtschaftlichen Urteilen verunfähigen, ist für mich wenigstens eine Lebenserfahrung, die außer allem Zwei- fel steht, die in der Verschiedenheit der zu beobachtenden Erschei- nungen, der Methoden und der vorwiegenden Denkgewohnheiten ihre einfache Ursache hat. XIII. DIE REGELMÄSSIGKEITEN UND DIE GESETZE. Der unabänderlich gleichmäßige Verlauf der Natur im Großen, die Wiederkehr von Tag und Nacht, von Sommer und Winter, von Mond und Sternen, wie die Wiederkehr von Hunger und Durst, von Wa- chen und Schlafen, von Jugend und Alter, sie sind es ohne Zweifel 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_volkswirtschaftslehre_1893
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_volkswirtschaftslehre_1893/69
Zitationshilfe: Schmoller, Gustav: Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. Frankfurt (Main), 1893, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_volkswirtschaftslehre_1893/69>, abgerufen am 26.04.2019.