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Schmoller, Gustav: Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. Frankfurt (Main), 1893.

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ANMERKUNGEN
1 Die wissenschaftliche Richtung, welche neuerdings an Stelle des Begriffs
Volkswirtschaft den der Sozialwirtschaft setzen oder neben der Volkswirtschaft
eine Sozialwirtschaft annehmen will (hauptsächlich Dietzel), verfolgt zwei
Zwecke: sie will mit dem Begriff andeuten, daß die wirtschaftlichen Be-
ziehungen der Einzelwirtschaften vielfach heute über die Grenzen der Staaten
hinausgehen, und sie will das Wirtschaftsleben ohne den Einfluß der Staats-
gewalt. der staatlichen und rechtlichen Institutionen sich vorstellen. Sie ope-
riert mit einer abstrakten vom Staat losgelösten Sozialwirtschaft, nimmt aber
dabei als Voraussetzung neben dem abstrakten sog. Wirtschaftsmenschen eine
fiktive Rechtsverfassung, d. h. absolute wirtschaftliche Freiheit, unbedingt
freie Konkurrenz an. Eine solch neue Begriffsbildung scheint mir nicht nötig,
nicht zweckmäßig, sie hat jedenfalls in Deutschland nicht viel Nachfolge ge-
funden. Und darin liegt für mich das Kriterium der Berechtigung oder Nicht-
berechtigung neuer von einzelnen Forschern vorgeschlagenen Begriffen.
Der bei den Amerikanern, teilweise auch bei den Engländern angenom-
mene Begriff "Economics" an Stelle der Volkswirtschaft hat ähnlichen Ur-
sprung. Er wird von den abstrakt deduktiven Theoretikern bevorzugt, welche
nur den Mechanismus der Wertbildung und der Güterverteilung im Auge ha-
ben. Er scheint mir noch wesentlich unzweckmäßiger, weil er gleichsam auch
die handelnden Menschen, die Gesellschaft, die soziale Seite des wirtschaft-
lichen Prozesses ausscheiden will, indem er die Wirtschaft als bloßen Güter-
prozeß zur Bezeichnung verwendet. Es ist ein Rückfall auf Ricardo.
2 Immer ist klar, daß in erster Linie praktische Unterrichtszwecke und das
Anwachsen des wissenschaftlichen Wissens zu der Teilung in den Büchern und
in den Vorlesungen geführt haben. Auch über die Frage, ob die Scheidung
häufig noch weiter gehen soll, wird in erster Linie das praktische Bedürfnis
und die Art entscheiden, wie die Vorschläge durchgeführt werden. Bis jetzt
fehlt es an Vorschlägen nicht, wohl aber an erfolgreichen Versuchen der Aus-
führung. Keynes z. B. will neben die theoretische eine normative und dann
noch eine praktische Nationalökonomie stellen; was er dafür anführt, ist fast
kindlich. Menger will vier Wissensgebiete unterschieden wissen: 1. die Wirt-
schaftsstatistik und -Geschichte; 2. die Morphologie der Wirtschaftserschei-
nungen; 3. die Theorie der Wirtschaftserscheinungen, die einerseits aus letz-
ten Prämissen (Egoismus, Bedürfnissen usw.) als allgemeingültige Gesetze ab-
strahiert, andererseits realistisch durch Beobachtung des Lebens der Gesamt-
erscheinungen der Wirtschaft gewonnen werden soll; beides will er verbinden,
während er auf die Trennung dieser beiden Methoden Wert legt; 4. die prak-
tische oder angewandte Wirtschaftswissenschaft. An anderer Stelle meint Menger
freilich noch weitergehend, neben eine Wirtschaftstheorie des Egoismus müß-
ten mehrere andere treten, die von den anderen psychologischen Ursachen
des Handelns ausgehen. Dietzel schlägt eine Einteilung in eine theoretische
und in eine praktische Sozialökonomie vor; die erstere will er scheiden in
Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie, die letztere in Wirtschaftsethik
und in Wirtschaftspolitik. Ich kann gegenüber all diesen weiteren Teilungsvor-
schlägen meine Meinung nur dahin aussprechen: Vorschläge, deren Ausfüh-
ANMERKUNGEN
1 Die wissenschaftliche Richtung, welche neuerdings an Stelle des Begriffs
Volkswirtschaft den der Sozialwirtschaft setzen oder neben der Volkswirtschaft
eine Sozialwirtschaft annehmen will (hauptsächlich Dietzel), verfolgt zwei
Zwecke: sie will mit dem Begriff andeuten, daß die wirtschaftlichen Be-
ziehungen der Einzelwirtschaften vielfach heute über die Grenzen der Staaten
hinausgehen, und sie will das Wirtschaftsleben ohne den Einfluß der Staats-
gewalt. der staatlichen und rechtlichen Institutionen sich vorstellen. Sie ope-
riert mit einer abstrakten vom Staat losgelösten Sozialwirtschaft, nimmt aber
dabei als Voraussetzung neben dem abstrakten sog. Wirtschaftsmenschen eine
fiktive Rechtsverfassung, d. h. absolute wirtschaftliche Freiheit, unbedingt
freie Konkurrenz an. Eine solch neue Begriffsbildung scheint mir nicht nötig,
nicht zweckmäßig, sie hat jedenfalls in Deutschland nicht viel Nachfolge ge-
funden. Und darin liegt für mich das Kriterium der Berechtigung oder Nicht-
berechtigung neuer von einzelnen Forschern vorgeschlagenen Begriffen.
Der bei den Amerikanern, teilweise auch bei den Engländern angenom-
mene Begriff „Economics“ an Stelle der Volkswirtschaft hat ähnlichen Ur-
sprung. Er wird von den abstrakt deduktiven Theoretikern bevorzugt, welche
nur den Mechanismus der Wertbildung und der Güterverteilung im Auge ha-
ben. Er scheint mir noch wesentlich unzweckmäßiger, weil er gleichsam auch
die handelnden Menschen, die Gesellschaft, die soziale Seite des wirtschaft-
lichen Prozesses ausscheiden will, indem er die Wirtschaft als bloßen Güter-
prozeß zur Bezeichnung verwendet. Es ist ein Rückfall auf Ricardo.
2 Immer ist klar, daß in erster Linie praktische Unterrichtszwecke und das
Anwachsen des wissenschaftlichen Wissens zu der Teilung in den Büchern und
in den Vorlesungen geführt haben. Auch über die Frage, ob die Scheidung
häufig noch weiter gehen soll, wird in erster Linie das praktische Bedürfnis
und die Art entscheiden, wie die Vorschläge durchgeführt werden. Bis jetzt
fehlt es an Vorschlägen nicht, wohl aber an erfolgreichen Versuchen der Aus-
führung. Keynes z. B. will neben die theoretische eine normative und dann
noch eine praktische Nationalökonomie stellen; was er dafür anführt, ist fast
kindlich. Menger will vier Wissensgebiete unterschieden wissen: 1. die Wirt-
schaftsstatistik und -Geschichte; 2. die Morphologie der Wirtschaftserschei-
nungen; 3. die Theorie der Wirtschaftserscheinungen, die einerseits aus letz-
ten Prämissen (Egoismus, Bedürfnissen usw.) als allgemeingültige Gesetze ab-
strahiert, andererseits realistisch durch Beobachtung des Lebens der Gesamt-
erscheinungen der Wirtschaft gewonnen werden soll; beides will er verbinden,
während er auf die Trennung dieser beiden Methoden Wert legt; 4. die prak-
tische oder angewandte Wirtschaftswissenschaft. An anderer Stelle meint Menger
freilich noch weitergehend, neben eine Wirtschaftstheorie des Egoismus müß-
ten mehrere andere treten, die von den anderen psychologischen Ursachen
des Handelns ausgehen. Dietzel schlägt eine Einteilung in eine theoretische
und in eine praktische Sozialökonomie vor; die erstere will er scheiden in
Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie, die letztere in Wirtschaftsethik
und in Wirtschaftspolitik. Ich kann gegenüber all diesen weiteren Teilungsvor-
schlägen meine Meinung nur dahin aussprechen: Vorschläge, deren Ausfüh-
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[74/0078] ANMERKUNGEN ¹ Die wissenschaftliche Richtung, welche neuerdings an Stelle des Begriffs Volkswirtschaft den der Sozialwirtschaft setzen oder neben der Volkswirtschaft eine Sozialwirtschaft annehmen will (hauptsächlich Dietzel), verfolgt zwei Zwecke: sie will mit dem Begriff andeuten, daß die wirtschaftlichen Be- ziehungen der Einzelwirtschaften vielfach heute über die Grenzen der Staaten hinausgehen, und sie will das Wirtschaftsleben ohne den Einfluß der Staats- gewalt. der staatlichen und rechtlichen Institutionen sich vorstellen. Sie ope- riert mit einer abstrakten vom Staat losgelösten Sozialwirtschaft, nimmt aber dabei als Voraussetzung neben dem abstrakten sog. Wirtschaftsmenschen eine fiktive Rechtsverfassung, d. h. absolute wirtschaftliche Freiheit, unbedingt freie Konkurrenz an. Eine solch neue Begriffsbildung scheint mir nicht nötig, nicht zweckmäßig, sie hat jedenfalls in Deutschland nicht viel Nachfolge ge- funden. Und darin liegt für mich das Kriterium der Berechtigung oder Nicht- berechtigung neuer von einzelnen Forschern vorgeschlagenen Begriffen. Der bei den Amerikanern, teilweise auch bei den Engländern angenom- mene Begriff „Economics“ an Stelle der Volkswirtschaft hat ähnlichen Ur- sprung. Er wird von den abstrakt deduktiven Theoretikern bevorzugt, welche nur den Mechanismus der Wertbildung und der Güterverteilung im Auge ha- ben. Er scheint mir noch wesentlich unzweckmäßiger, weil er gleichsam auch die handelnden Menschen, die Gesellschaft, die soziale Seite des wirtschaft- lichen Prozesses ausscheiden will, indem er die Wirtschaft als bloßen Güter- prozeß zur Bezeichnung verwendet. Es ist ein Rückfall auf Ricardo. ² Immer ist klar, daß in erster Linie praktische Unterrichtszwecke und das Anwachsen des wissenschaftlichen Wissens zu der Teilung in den Büchern und in den Vorlesungen geführt haben. Auch über die Frage, ob die Scheidung häufig noch weiter gehen soll, wird in erster Linie das praktische Bedürfnis und die Art entscheiden, wie die Vorschläge durchgeführt werden. Bis jetzt fehlt es an Vorschlägen nicht, wohl aber an erfolgreichen Versuchen der Aus- führung. Keynes z. B. will neben die theoretische eine normative und dann noch eine praktische Nationalökonomie stellen; was er dafür anführt, ist fast kindlich. Menger will vier Wissensgebiete unterschieden wissen: 1. die Wirt- schaftsstatistik und -Geschichte; 2. die Morphologie der Wirtschaftserschei- nungen; 3. die Theorie der Wirtschaftserscheinungen, die einerseits aus letz- ten Prämissen (Egoismus, Bedürfnissen usw.) als allgemeingültige Gesetze ab- strahiert, andererseits realistisch durch Beobachtung des Lebens der Gesamt- erscheinungen der Wirtschaft gewonnen werden soll; beides will er verbinden, während er auf die Trennung dieser beiden Methoden Wert legt; 4. die prak- tische oder angewandte Wirtschaftswissenschaft. An anderer Stelle meint Menger freilich noch weitergehend, neben eine Wirtschaftstheorie des Egoismus müß- ten mehrere andere treten, die von den anderen psychologischen Ursachen des Handelns ausgehen. Dietzel schlägt eine Einteilung in eine theoretische und in eine praktische Sozialökonomie vor; die erstere will er scheiden in Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftstheorie, die letztere in Wirtschaftsethik und in Wirtschaftspolitik. Ich kann gegenüber all diesen weiteren Teilungsvor- schlägen meine Meinung nur dahin aussprechen: Vorschläge, deren Ausfüh-

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Zitationshilfe: Schmoller, Gustav: Die Volkswirtschaft, die Volkswirtschaftslehre und ihre Methode. Frankfurt (Main), 1893, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schmoller_volkswirtschaftslehre_1893/78>, abgerufen am 23.04.2019.