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Schröder, Ernst: Vorlesungen über die Algebra der Logik. Bd. 1. Leipzig, 1890.

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Erste Vorlesung.
§ 1. Subsumtion.

Hauptmittel des Gedankenausdrucks und eine Hauptform des Ge-
dankenvollzuges ist, wie schon gesagt, die Sprache.

Untersuchungen über die Gesetze des Denkens werden wir des-
halb naturgemäss damit beginnen, dass wir deren einfachste Bildungen
in's Auge fassen. Rein äusserlich betrachtet wären dies allerdings
Buchstaben, Silben und Worte -- die Ergebnisse eines an den sprach-
lichen Gebilden vorgenommenen und möglichst weit getriebenen Zer-
gliederungsprozesses. In wesentlicher Hinsicht sind es Sätze, welche
Aussagen, Urteile, Behauptungen darstellen.

Alles*) auf das Erkennen gerichtete Denken vollendet sich näm-
lich in Urteilen, die als Sätze innerlich gedacht oder äusserlich aus-
gesprochen, in Worte gefasst werden. In Urteilen endigt jede prak-
tische Überlegung über Zwecke und Mittel, gipfelt jede Übereinkunft,
um sie dreht sich jeder Streit. In die Form von Urteilen kleidet sich
der Irrtum, in ihnen auch wird die Erkenntniss der Wahrheit nieder-
gelegt; in Urteilen schliesst sich jede Überzeugung ab. Und nur in-
sofern sich eine individuelle Überzeugung im Satze ausspricht, kann
sie Gegenstand gemeinsamer Betrachtung werden und auf die Aner-
kennung vonseiten Aller Anspruch erhebeu. Alle andern sprachlichen
Gebilde kommen nur in Betracht als Bestandteile oder Elemente des
Satzes, alle andern Geistesthätigkeiten nur als Bedingungen oder Vor-
bereitungen, als Begleiterscheinungen und Wirkungen des Urteils.

Beginnen wir sonach damit, die Urteile in's Auge zu fassen, wie
sie die Wortsprache als Sätze formulirt! Es muss sich uns hierbei
empfehlen, unter Beiseitelassung der zusammengesetzteren, zunächst
uns an die einfachsten Arten der Urteile zu halten. Als solche er-
scheinen die sogenannten "kategorischen" Urteile, welche sich dar-
stellen in Form eines Satzes, der mit einem "Subjekt" ein "Prädikat"
verknüpft.

Wie aus der Grammatik bekannt, ist das Subjekt Dasjenige, wor-

*) Vergl. Sigwart1 p. 9 sq.
Erste Vorlesung.
§ 1. Subsumtion.

Hauptmittel des Gedankenausdrucks und eine Hauptform des Ge-
dankenvollzuges ist, wie schon gesagt, die Sprache.

Untersuchungen über die Gesetze des Denkens werden wir des-
halb naturgemäss damit beginnen, dass wir deren einfachste Bildungen
in's Auge fassen. Rein äusserlich betrachtet wären dies allerdings
Buchstaben, Silben und Worte — die Ergebnisse eines an den sprach-
lichen Gebilden vorgenommenen und möglichst weit getriebenen Zer-
gliederungsprozesses. In wesentlicher Hinsicht sind es Sätze, welche
Aussagen, Urteile, Behauptungen darstellen.

Alles*) auf das Erkennen gerichtete Denken vollendet sich näm-
lich in Urteilen, die als Sätze innerlich gedacht oder äusserlich aus-
gesprochen, in Worte gefasst werden. In Urteilen endigt jede prak-
tische Überlegung über Zwecke und Mittel, gipfelt jede Übereinkunft,
um sie dreht sich jeder Streit. In die Form von Urteilen kleidet sich
der Irrtum, in ihnen auch wird die Erkenntniss der Wahrheit nieder-
gelegt; in Urteilen schliesst sich jede Überzeugung ab. Und nur in-
sofern sich eine individuelle Überzeugung im Satze ausspricht, kann
sie Gegenstand gemeinsamer Betrachtung werden und auf die Aner-
kennung vonseiten Aller Anspruch erhebeu. Alle andern sprachlichen
Gebilde kommen nur in Betracht als Bestandteile oder Elemente des
Satzes, alle andern Geistesthätigkeiten nur als Bedingungen oder Vor-
bereitungen, als Begleiterscheinungen und Wirkungen des Urteils.

Beginnen wir sonach damit, die Urteile in's Auge zu fassen, wie
sie die Wortsprache als Sätze formulirt! Es muss sich uns hierbei
empfehlen, unter Beiseitelassung der zusammengesetzteren, zunächst
uns an die einfachsten Arten der Urteile zu halten. Als solche er-
scheinen die sogenannten „kategorischen“ Urteile, welche sich dar-
stellen in Form eines Satzes, der mit einem „Subjekt“ ein „Prädikat
verknüpft.

Wie aus der Grammatik bekannt, ist das Subjekt Dasjenige, wor-

*) Vergl. Sigwart1 p. 9 sq.
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[[126]/0146] Erste Vorlesung. § 1. Subsumtion. Hauptmittel des Gedankenausdrucks und eine Hauptform des Ge- dankenvollzuges ist, wie schon gesagt, die Sprache. Untersuchungen über die Gesetze des Denkens werden wir des- halb naturgemäss damit beginnen, dass wir deren einfachste Bildungen in's Auge fassen. Rein äusserlich betrachtet wären dies allerdings Buchstaben, Silben und Worte — die Ergebnisse eines an den sprach- lichen Gebilden vorgenommenen und möglichst weit getriebenen Zer- gliederungsprozesses. In wesentlicher Hinsicht sind es Sätze, welche Aussagen, Urteile, Behauptungen darstellen. Alles *) auf das Erkennen gerichtete Denken vollendet sich näm- lich in Urteilen, die als Sätze innerlich gedacht oder äusserlich aus- gesprochen, in Worte gefasst werden. In Urteilen endigt jede prak- tische Überlegung über Zwecke und Mittel, gipfelt jede Übereinkunft, um sie dreht sich jeder Streit. In die Form von Urteilen kleidet sich der Irrtum, in ihnen auch wird die Erkenntniss der Wahrheit nieder- gelegt; in Urteilen schliesst sich jede Überzeugung ab. Und nur in- sofern sich eine individuelle Überzeugung im Satze ausspricht, kann sie Gegenstand gemeinsamer Betrachtung werden und auf die Aner- kennung vonseiten Aller Anspruch erhebeu. Alle andern sprachlichen Gebilde kommen nur in Betracht als Bestandteile oder Elemente des Satzes, alle andern Geistesthätigkeiten nur als Bedingungen oder Vor- bereitungen, als Begleiterscheinungen und Wirkungen des Urteils. Beginnen wir sonach damit, die Urteile in's Auge zu fassen, wie sie die Wortsprache als Sätze formulirt! Es muss sich uns hierbei empfehlen, unter Beiseitelassung der zusammengesetzteren, zunächst uns an die einfachsten Arten der Urteile zu halten. Als solche er- scheinen die sogenannten „kategorischen“ Urteile, welche sich dar- stellen in Form eines Satzes, der mit einem „Subjekt“ ein „Prädikat“ verknüpft. Wie aus der Grammatik bekannt, ist das Subjekt Dasjenige, wor- *) Vergl. Sigwart1 p. 9 sq.

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Zitationshilfe: Schröder, Ernst: Vorlesungen über die Algebra der Logik. Bd. 1. Leipzig, 1890. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schroeder_logik01_1890/146>, S. [126], abgerufen am 20.09.2017.