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Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

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Medea raubt das goldne Vließ.

Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aeetes
die Häupter seines Volkes um sich im Pallaste versam¬
melt und rathschlagte, wie die Argonauten zu überlisten
wären, denn er war es wohl inne geworden, daß Alles,
was sich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mit¬
wirkung seiner Töchter geschehen war. Juno, die Göt¬
tin, sah die Gefahr, in welcher Jason schwebte; deßwegen
erfüllte sie das Herz Medea's mit zagender Furcht, daß
sie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagd¬
hunde Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte sie, daß
ihre Hülfe dem Vater nicht verborgen sey; sie fürchtete
auch die Mitwissenschaft der Mägde; darum brannten
ihre Augen von Thränen und die Ohren sausten ihr.
Ihr Haar ließ sie wie in Trauer hängen, und, wäre das
Schicksal nicht zuwider gewesen, so hätte die Jungfrau
durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht.
Schon hatte sie die gefüllte Schale in der Hand, als
Juno ihr den Muth aufs Neue beflügelte und sie mit
verwandelten Gedanken das Gift wieder in seinen Be¬
hälter goß. Jetzt raffte sie sich zusammen; sie war ent¬
schlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Thürpfo¬
sten mit Abschiedsküssen, berührte mit den Händen noch
einmal die Wände ihres Zimmers, schnitt sich eine Haar¬
locke ab und legte sie zum Andenken für ihre Mutter
auf's Bett. "Lebewohl, geliebte Mutter," sprach sie wei¬
nend, "lebe wohl, Schwester Chalciope und das ganze Haus!
O Fremdling! hätte dich das Meer verschlungen, ehe du
nach Kolchis gekommen wärest!" Und so verließ sie ihre

Medea raubt das goldne Vließ.

Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aeetes
die Häupter ſeines Volkes um ſich im Pallaſte verſam¬
melt und rathſchlagte, wie die Argonauten zu überliſten
wären, denn er war es wohl inne geworden, daß Alles,
was ſich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mit¬
wirkung ſeiner Töchter geſchehen war. Juno, die Göt¬
tin, ſah die Gefahr, in welcher Jaſon ſchwebte; deßwegen
erfüllte ſie das Herz Medea's mit zagender Furcht, daß
ſie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagd¬
hunde Gebell aufgeſchreckt hat. Sogleich ahnte ſie, daß
ihre Hülfe dem Vater nicht verborgen ſey; ſie fürchtete
auch die Mitwiſſenſchaft der Mägde; darum brannten
ihre Augen von Thränen und die Ohren ſauſten ihr.
Ihr Haar ließ ſie wie in Trauer hängen, und, wäre das
Schickſal nicht zuwider geweſen, ſo hätte die Jungfrau
durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht.
Schon hatte ſie die gefüllte Schale in der Hand, als
Juno ihr den Muth aufs Neue beflügelte und ſie mit
verwandelten Gedanken das Gift wieder in ſeinen Be¬
hälter goß. Jetzt raffte ſie ſich zuſammen; ſie war ent¬
ſchloſſen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Thürpfo¬
ſten mit Abſchiedsküſſen, berührte mit den Händen noch
einmal die Wände ihres Zimmers, ſchnitt ſich eine Haar¬
locke ab und legte ſie zum Andenken für ihre Mutter
auf's Bett. „Lebewohl, geliebte Mutter,“ ſprach ſie wei¬
nend, „lebe wohl, Schweſter Chalciope und das ganze Haus!
O Fremdling! hätte dich das Meer verſchlungen, ehe du
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[144/0170] Medea raubt das goldne Vließ. Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aeetes die Häupter ſeines Volkes um ſich im Pallaſte verſam¬ melt und rathſchlagte, wie die Argonauten zu überliſten wären, denn er war es wohl inne geworden, daß Alles, was ſich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mit¬ wirkung ſeiner Töchter geſchehen war. Juno, die Göt¬ tin, ſah die Gefahr, in welcher Jaſon ſchwebte; deßwegen erfüllte ſie das Herz Medea's mit zagender Furcht, daß ſie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagd¬ hunde Gebell aufgeſchreckt hat. Sogleich ahnte ſie, daß ihre Hülfe dem Vater nicht verborgen ſey; ſie fürchtete auch die Mitwiſſenſchaft der Mägde; darum brannten ihre Augen von Thränen und die Ohren ſauſten ihr. Ihr Haar ließ ſie wie in Trauer hängen, und, wäre das Schickſal nicht zuwider geweſen, ſo hätte die Jungfrau durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht. Schon hatte ſie die gefüllte Schale in der Hand, als Juno ihr den Muth aufs Neue beflügelte und ſie mit verwandelten Gedanken das Gift wieder in ſeinen Be¬ hälter goß. Jetzt raffte ſie ſich zuſammen; ſie war ent¬ ſchloſſen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Thürpfo¬ ſten mit Abſchiedsküſſen, berührte mit den Händen noch einmal die Wände ihres Zimmers, ſchnitt ſich eine Haar¬ locke ab und legte ſie zum Andenken für ihre Mutter auf's Bett. „Lebewohl, geliebte Mutter,“ ſprach ſie wei¬ nend, „lebe wohl, Schweſter Chalciope und das ganze Haus! O Fremdling! hätte dich das Meer verſchlungen, ehe du nach Kolchis gekommen wäreſt!“ Und ſo verließ ſie ihre

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Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/170>, S. 144, abgerufen am 23.06.2017.