Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

Diana's. Aber siehst du dort die zwei Helden, am Grabe
der Niobe'stöchter? Der ältere ist Adrastus, der Führer
des ganzen Zuges: den jüngeren, kennst du den?" --
"Ich sehe," rief Antigone schmerzlich bewegt, "nur die
Brust und den Umriß seines Leibes, und doch erkenne
ich ihn: es ist mein Bruder Polynices! O könnte ich mit
den Wolken fliegen und bei ihm seyn und meinen Arm
um den Hals des lieben Flüchtlings schlagen! Wie fun¬
kelt seine goldne Rüstung gleich der Sonne Morgenstrahl!
doch wer ist der dort, der mit fester Hand die Rosse zü¬
gelnd, einen weißen Wagen lenkt, und die Geißel so ru¬
hig und besonnen schwingt?" -- "Das ist," sprach der
Greis, "der Seher Amphiaraus, meine Herrin!" -- "Aber
siehest du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und
sie mißt, und sorglich die Stellen erkundet, an welchen
die Basteien dem Sturme zugänglich wären?" -- "Das ist der
übermüthige Kapaneus, der unserer Stadt so schrecklich
Hohn spricht, der euch zarte Jungfrauen an Lerna's Ge¬
wässer in die Knechtschaft führen will!" -- Antigone er¬
blaßte, und verlangte umzukehren: der Greis reichte ihr
die Hand und geleitete sie hinunter in die Mädchenzelle.


Menökeus.

Inzwischen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrath,
und besetzten in Folge der gefaßten Beschlüsse jedes der
sieben Thore Thebens mit einem Führer, in dem sie der
Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüber stellten. Doch
wollten sie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach,
auch vorher die Zeichen erforschen, welche die Vogelschau
ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte.

23 *

Diana's. Aber ſiehſt du dort die zwei Helden, am Grabe
der Niobe'stöchter? Der ältere iſt Adraſtus, der Führer
des ganzen Zuges: den jüngeren, kennſt du den?“ —
„Ich ſehe,“ rief Antigone ſchmerzlich bewegt, „nur die
Bruſt und den Umriß ſeines Leibes, und doch erkenne
ich ihn: es iſt mein Bruder Polynices! O könnte ich mit
den Wolken fliegen und bei ihm ſeyn und meinen Arm
um den Hals des lieben Flüchtlings ſchlagen! Wie fun¬
kelt ſeine goldne Rüſtung gleich der Sonne Morgenſtrahl!
doch wer iſt der dort, der mit feſter Hand die Roſſe zü¬
gelnd, einen weißen Wagen lenkt, und die Geißel ſo ru¬
hig und beſonnen ſchwingt?“ — „Das iſt,“ ſprach der
Greis, „der Seher Amphiaraus, meine Herrin!“ — „Aber
ſieheſt du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und
ſie mißt, und ſorglich die Stellen erkundet, an welchen
die Baſteien dem Sturme zugänglich wären?“ — „Das iſt der
übermüthige Kapaneus, der unſerer Stadt ſo ſchrecklich
Hohn ſpricht, der euch zarte Jungfrauen an Lerna's Ge¬
wäſſer in die Knechtſchaft führen will!“ — Antigone er¬
blaßte, und verlangte umzukehren: der Greis reichte ihr
die Hand und geleitete ſie hinunter in die Mädchenzelle.


Menökeus.

Inzwiſchen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrath,
und beſetzten in Folge der gefaßten Beſchlüſſe jedes der
ſieben Thore Thebens mit einem Führer, in dem ſie der
Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüber ſtellten. Doch
wollten ſie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach,
auch vorher die Zeichen erforſchen, welche die Vogelſchau
ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte.

23 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0381" n="355"/>
Diana's. Aber &#x017F;ieh&#x017F;t du dort die zwei Helden, am Grabe<lb/>
der Niobe'stöchter? Der ältere i&#x017F;t Adra&#x017F;tus, der Führer<lb/>
des ganzen Zuges: den jüngeren, kenn&#x017F;t du den?&#x201C; &#x2014;<lb/>
&#x201E;Ich &#x017F;ehe,&#x201C; rief Antigone &#x017F;chmerzlich bewegt, &#x201E;nur die<lb/>
Bru&#x017F;t und den Umriß &#x017F;eines Leibes, und doch erkenne<lb/>
ich ihn: es i&#x017F;t mein Bruder Polynices! O könnte ich mit<lb/>
den Wolken fliegen und bei ihm &#x017F;eyn und meinen Arm<lb/>
um den Hals des lieben Flüchtlings &#x017F;chlagen! Wie fun¬<lb/>
kelt &#x017F;eine goldne Rü&#x017F;tung gleich der Sonne Morgen&#x017F;trahl!<lb/>
doch wer i&#x017F;t der dort, der mit fe&#x017F;ter Hand die Ro&#x017F;&#x017F;e zü¬<lb/>
gelnd, einen weißen Wagen lenkt, und die Geißel &#x017F;o ru¬<lb/>
hig und be&#x017F;onnen &#x017F;chwingt?&#x201C; &#x2014; &#x201E;Das i&#x017F;t,&#x201C; &#x017F;prach der<lb/>
Greis, &#x201E;der Seher Amphiaraus, meine Herrin!&#x201C; &#x2014; &#x201E;Aber<lb/>
&#x017F;iehe&#x017F;t du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und<lb/>
&#x017F;ie mißt, und &#x017F;orglich die Stellen erkundet, an welchen<lb/>
die Ba&#x017F;teien dem Sturme zugänglich wären?&#x201C; &#x2014; &#x201E;Das i&#x017F;t der<lb/>
übermüthige Kapaneus, der un&#x017F;erer Stadt &#x017F;o &#x017F;chrecklich<lb/>
Hohn &#x017F;pricht, der euch zarte Jungfrauen an Lerna's Ge¬<lb/>&#x017F;&#x017F;er in die Knecht&#x017F;chaft führen will!&#x201C; &#x2014; Antigone er¬<lb/>
blaßte, und verlangte umzukehren: der Greis reichte ihr<lb/>
die Hand und geleitete &#x017F;ie hinunter in die Mädchenzelle.</p><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          </div>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b #g">Menökeus.</hi><lb/>
            </head>
            <p>Inzwi&#x017F;chen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrath,<lb/>
und be&#x017F;etzten in Folge der gefaßten Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e jedes der<lb/>
&#x017F;ieben Thore Thebens mit einem Führer, in dem &#x017F;ie der<lb/>
Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüber &#x017F;tellten. Doch<lb/>
wollten &#x017F;ie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach,<lb/>
auch vorher die Zeichen erfor&#x017F;chen, welche die Vogel&#x017F;chau<lb/>
ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte.<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">23 *<lb/></fw>
</p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[355/0381] Diana's. Aber ſiehſt du dort die zwei Helden, am Grabe der Niobe'stöchter? Der ältere iſt Adraſtus, der Führer des ganzen Zuges: den jüngeren, kennſt du den?“ — „Ich ſehe,“ rief Antigone ſchmerzlich bewegt, „nur die Bruſt und den Umriß ſeines Leibes, und doch erkenne ich ihn: es iſt mein Bruder Polynices! O könnte ich mit den Wolken fliegen und bei ihm ſeyn und meinen Arm um den Hals des lieben Flüchtlings ſchlagen! Wie fun¬ kelt ſeine goldne Rüſtung gleich der Sonne Morgenſtrahl! doch wer iſt der dort, der mit feſter Hand die Roſſe zü¬ gelnd, einen weißen Wagen lenkt, und die Geißel ſo ru¬ hig und beſonnen ſchwingt?“ — „Das iſt,“ ſprach der Greis, „der Seher Amphiaraus, meine Herrin!“ — „Aber ſieheſt du dort den, der an den Mauern auf und ab geht und ſie mißt, und ſorglich die Stellen erkundet, an welchen die Baſteien dem Sturme zugänglich wären?“ — „Das iſt der übermüthige Kapaneus, der unſerer Stadt ſo ſchrecklich Hohn ſpricht, der euch zarte Jungfrauen an Lerna's Ge¬ wäſſer in die Knechtſchaft führen will!“ — Antigone er¬ blaßte, und verlangte umzukehren: der Greis reichte ihr die Hand und geleitete ſie hinunter in die Mädchenzelle. Menökeus. Inzwiſchen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrath, und beſetzten in Folge der gefaßten Beſchlüſſe jedes der ſieben Thore Thebens mit einem Führer, in dem ſie der Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüber ſtellten. Doch wollten ſie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach, auch vorher die Zeichen erforſchen, welche die Vogelſchau ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte. 23 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/381
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/381>, S. 355, abgerufen am 20.09.2017.