Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite
Pentheus.

Zu Theben ward Bacchus oder Dionysos, der
Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus,
wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬
finder des Weinstocks. In Indien erzogen, verließ er
bald die Nymphen, seine Pflegerinnen, und durchreiste
die Länder, um allenthalben die Menschen zu bilden, den
Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬
ehrung seiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen
seine Freunde war, so hart bestrafte er diejenigen, die
seinen Gottesdienst nicht anerkennen wollten. Schon war
sein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur
Stadt seiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber
herrschte Pentheus, welchem Kadmus das Königreich über¬
geben hatte, der Sohn des erdentsproßenen Echion und
der Agave, einer Mutterschwester des Bacchus. Dieser
war ein Verächter der Götter und zu meist seines Ver¬
wandten, des Dionysos. Als nun der Gott mit seinem
jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um sich
dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte
dieser nicht auf die Warnung des blinden, greisen Se¬
hers Tiresias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam,
daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen
zur Verehrung des neuen Gottes hinausströmten, fing er
an ergrimmt zu schelten: "Welch ein Wahnsinn hat euch
bethört, ihr drachenentsprossenen Thebaner, daß ihr, die
kein Schlachtschwert, keine Trompete jemals geschreckt hat,
jetzt ein weichlicher Zug von berauschten Thoren und
Weibern besiegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit über

Schwab, das klass. Alterthum. I. 4
Pentheus.

Zu Theben ward Bacchus oder Dionysos, der
Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus,
wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬
finder des Weinſtocks. In Indien erzogen, verließ er
bald die Nymphen, ſeine Pflegerinnen, und durchreiste
die Länder, um allenthalben die Menſchen zu bilden, den
Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬
ehrung ſeiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen
ſeine Freunde war, ſo hart beſtrafte er diejenigen, die
ſeinen Gottesdienſt nicht anerkennen wollten. Schon war
ſein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur
Stadt ſeiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber
herrſchte Pentheus, welchem Kadmus das Königreich über¬
geben hatte, der Sohn des erdentſproßenen Echion und
der Agave, einer Mutterſchweſter des Bacchus. Dieſer
war ein Verächter der Götter und zu meiſt ſeines Ver¬
wandten, des Dionyſos. Als nun der Gott mit ſeinem
jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um ſich
dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte
dieſer nicht auf die Warnung des blinden, greiſen Se¬
hers Tireſias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam,
daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen
zur Verehrung des neuen Gottes hinausſtrömten, fing er
an ergrimmt zu ſchelten: „Welch ein Wahnſinn hat euch
bethört, ihr drachenentſproſſenen Thebaner, daß ihr, die
kein Schlachtſchwert, keine Trompete jemals geſchreckt hat,
jetzt ein weichlicher Zug von berauſchten Thoren und
Weibern beſiegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit über

Schwab, das klaſſ. Alterthum. I. 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0075" n="49"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b #g">Pentheus.</hi><lb/>
          </head>
          <p>Zu Theben ward <hi rendition="#g">Bacchus</hi> oder <hi rendition="#g">Dionysos</hi>, der<lb/>
Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus,<lb/>
wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬<lb/>
finder des Wein&#x017F;tocks. In Indien erzogen, verließ er<lb/>
bald die Nymphen, &#x017F;eine Pflegerinnen, und durchreiste<lb/>
die Länder, um allenthalben die Men&#x017F;chen zu bilden, den<lb/>
Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬<lb/>
ehrung &#x017F;einer Gottheit zu gründen. So gütig er gegen<lb/>
&#x017F;eine Freunde war, &#x017F;o hart be&#x017F;trafte er diejenigen, die<lb/>
&#x017F;einen Gottesdien&#x017F;t nicht anerkennen wollten. Schon war<lb/>
&#x017F;ein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur<lb/>
Stadt &#x017F;einer Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber<lb/>
herr&#x017F;chte <hi rendition="#g">Pentheus</hi>, welchem Kadmus das Königreich über¬<lb/>
geben hatte, der Sohn des erdent&#x017F;proßenen Echion und<lb/>
der Agave, einer Mutter&#x017F;chwe&#x017F;ter des Bacchus. Die&#x017F;er<lb/>
war ein Verächter der Götter und zu mei&#x017F;t &#x017F;eines Ver¬<lb/>
wandten, des Diony&#x017F;os. Als nun der Gott mit &#x017F;einem<lb/>
jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um &#x017F;ich<lb/>
dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte<lb/>
die&#x017F;er nicht auf die Warnung des blinden, grei&#x017F;en Se¬<lb/>
hers Tire&#x017F;ias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam,<lb/>
daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen<lb/>
zur Verehrung des neuen Gottes hinaus&#x017F;trömten, fing er<lb/>
an ergrimmt zu &#x017F;chelten: &#x201E;Welch ein Wahn&#x017F;inn hat euch<lb/>
bethört, ihr drachenent&#x017F;pro&#x017F;&#x017F;enen Thebaner, daß ihr, die<lb/>
kein Schlacht&#x017F;chwert, keine Trompete jemals ge&#x017F;chreckt hat,<lb/>
jetzt ein weichlicher Zug von berau&#x017F;chten Thoren und<lb/>
Weibern be&#x017F;iegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit über<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Schwab, das kla&#x017F;&#x017F;. Alterthum. <hi rendition="#aq">I</hi>. 4<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[49/0075] Pentheus. Zu Theben ward Bacchus oder Dionysos, der Sohn Jupiters und Semele's, der Enkel des Kadmus, wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Er¬ finder des Weinſtocks. In Indien erzogen, verließ er bald die Nymphen, ſeine Pflegerinnen, und durchreiste die Länder, um allenthalben die Menſchen zu bilden, den Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren, und die Ver¬ ehrung ſeiner Gottheit zu gründen. So gütig er gegen ſeine Freunde war, ſo hart beſtrafte er diejenigen, die ſeinen Gottesdienſt nicht anerkennen wollten. Schon war ſein Ruhm durch die Städte Griechenlands und bis zur Stadt ſeiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber herrſchte Pentheus, welchem Kadmus das Königreich über¬ geben hatte, der Sohn des erdentſproßenen Echion und der Agave, einer Mutterſchweſter des Bacchus. Dieſer war ein Verächter der Götter und zu meiſt ſeines Ver¬ wandten, des Dionyſos. Als nun der Gott mit ſeinem jauchzenden Gefolge von Bacchanten herannahte, um ſich dem Könige von Theben als Gott zu offenbaren, hörte dieſer nicht auf die Warnung des blinden, greiſen Se¬ hers Tireſias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam, daß auch aus Theben Männer, Frauen und Jungfrauen zur Verehrung des neuen Gottes hinausſtrömten, fing er an ergrimmt zu ſchelten: „Welch ein Wahnſinn hat euch bethört, ihr drachenentſproſſenen Thebaner, daß ihr, die kein Schlachtſchwert, keine Trompete jemals geſchreckt hat, jetzt ein weichlicher Zug von berauſchten Thoren und Weibern beſiegt? Und ihr Phönizier, die ihr weit über Schwab, das klaſſ. Alterthum. I. 4

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/75
Zitationshilfe: Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums. Bd. 1. Stuttgart, 1838. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schwab_sagen01_1838/75>, S. 49, abgerufen am 23.06.2017.