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Schweiger-Lerchenfeld, Amand von: Im Reiche der Cyklopen: eine populäre Darstellung der Stahl- und Eisentechnik. Wien u. a., 1900.

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Erster Abschnitt.


Fahrräder. -- Draisinen.

Die Erfindung des Fahrrade's, das im modernen Verkehrswesen eine nicht
zu unerschätzende Rolle spielt, wird gewöhnlich auf den badischen Ober-
forstmeister Freiherrn v. Drais zurückgeführt. Derselbe soll gewisser-
maßen in der Ausübung seiner Berufspflichten, welche es ihm auferlegten, weite
Strecken der badischen Forste zu inspiciren, auf die Idee eines mechanischen Fahr-
zeuges verfallen sein. Wir werden sofort auf dasselbe zurückkommen, bemerken
jedoch, daß, entgegen der herrschenden Meinung, Drais nicht der Urheber, be-
ziehungsweise erste Constructeur eines solchen Vehikels war. Einer Nürnberger
Chronik zufolge hätte schon 1649 Hans v. Hautsch einen "Kunstwagen" gebaut,
mit welchem eine Person im Stande war, in einer Minute 2000 Schritte weit zu
fahren, was wohl nicht glaublich ist. Einige Zeit später trat Stephan Farfler,
gleichfalls ein Nürnberger, mit einem ähnlichen Vehikel hervor, dem bald darauf
ein Dreirad folgte. Bekannt ist ferner, daß gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein
Pariser Arzt eine "Carosse" bauen ließ, welche von einer Person bewegt werden
konnte.

Von allen diesen Constructionen sind Einzelheiten nicht bekannt, und es ist
demnach schwer, sich darüber Rechenschaft zu geben, inwieweit Karl v. Drais
bei seinem Fahrzeuge an ältere Vorbilder sich anlehnte. Hierbei ist auch in Bezug
auf die Benennung des Vehikels ein Irrthum unterlaufen. Dasselbe erhielt nämlich
nach seinem Erfinder den Namen "Draisine" und wurde bald nach Einführung
der Eisenbahnen für den Betrieb auf Schienen umgebaut, wobei es natürlich im
Laufe der Zeit mancherlei Formen annahm. Bekanntlich leistet die Draisine (richtig
Draisine und nicht Dräsine auszusprechen) noch heute dem Streckenpersonale der
Eisenbahnen vorzügliche Dienste.

Karl v. Drais führte seine "Laufmaschine" zum erstenmale im Jahre
1815 auf dem Wiener Congreß vor. Es war ein sonderbares Ding, was da in
die Welt gesetzt wurde. Wie aus der Fig. 681 zu ersehen, bestand es aus zwei

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Erſter Abſchnitt.


Fahrräder. — Draiſinen.

Die Erfindung des Fahrrade's, das im modernen Verkehrsweſen eine nicht
zu unerſchätzende Rolle ſpielt, wird gewöhnlich auf den badiſchen Ober-
forſtmeiſter Freiherrn v. Drais zurückgeführt. Derſelbe ſoll gewiſſer-
maßen in der Ausübung ſeiner Berufspflichten, welche es ihm auferlegten, weite
Strecken der badiſchen Forſte zu inſpiciren, auf die Idee eines mechaniſchen Fahr-
zeuges verfallen ſein. Wir werden ſofort auf dasſelbe zurückkommen, bemerken
jedoch, daß, entgegen der herrſchenden Meinung, Drais nicht der Urheber, be-
ziehungsweiſe erſte Conſtructeur eines ſolchen Vehikels war. Einer Nürnberger
Chronik zufolge hätte ſchon 1649 Hans v. Hautſch einen »Kunſtwagen« gebaut,
mit welchem eine Perſon im Stande war, in einer Minute 2000 Schritte weit zu
fahren, was wohl nicht glaublich iſt. Einige Zeit ſpäter trat Stephan Farfler,
gleichfalls ein Nürnberger, mit einem ähnlichen Vehikel hervor, dem bald darauf
ein Dreirad folgte. Bekannt iſt ferner, daß gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein
Pariſer Arzt eine »Caroſſe« bauen ließ, welche von einer Perſon bewegt werden
konnte.

Von allen dieſen Conſtructionen ſind Einzelheiten nicht bekannt, und es iſt
demnach ſchwer, ſich darüber Rechenſchaft zu geben, inwieweit Karl v. Drais
bei ſeinem Fahrzeuge an ältere Vorbilder ſich anlehnte. Hierbei iſt auch in Bezug
auf die Benennung des Vehikels ein Irrthum unterlaufen. Dasſelbe erhielt nämlich
nach ſeinem Erfinder den Namen »Draiſine« und wurde bald nach Einführung
der Eiſenbahnen für den Betrieb auf Schienen umgebaut, wobei es natürlich im
Laufe der Zeit mancherlei Formen annahm. Bekanntlich leiſtet die Draiſine (richtig
Draiſine und nicht Dräſine auszuſprechen) noch heute dem Streckenperſonale der
Eiſenbahnen vorzügliche Dienſte.

Karl v. Drais führte ſeine »Laufmaſchine« zum erſtenmale im Jahre
1815 auf dem Wiener Congreß vor. Es war ein ſonderbares Ding, was da in
die Welt geſetzt wurde. Wie aus der Fig. 681 zu erſehen, beſtand es aus zwei

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[819/0901] Erſter Abſchnitt. Fahrräder. — Draiſinen. Die Erfindung des Fahrrade's, das im modernen Verkehrsweſen eine nicht zu unerſchätzende Rolle ſpielt, wird gewöhnlich auf den badiſchen Ober- forſtmeiſter Freiherrn v. Drais zurückgeführt. Derſelbe ſoll gewiſſer- maßen in der Ausübung ſeiner Berufspflichten, welche es ihm auferlegten, weite Strecken der badiſchen Forſte zu inſpiciren, auf die Idee eines mechaniſchen Fahr- zeuges verfallen ſein. Wir werden ſofort auf dasſelbe zurückkommen, bemerken jedoch, daß, entgegen der herrſchenden Meinung, Drais nicht der Urheber, be- ziehungsweiſe erſte Conſtructeur eines ſolchen Vehikels war. Einer Nürnberger Chronik zufolge hätte ſchon 1649 Hans v. Hautſch einen »Kunſtwagen« gebaut, mit welchem eine Perſon im Stande war, in einer Minute 2000 Schritte weit zu fahren, was wohl nicht glaublich iſt. Einige Zeit ſpäter trat Stephan Farfler, gleichfalls ein Nürnberger, mit einem ähnlichen Vehikel hervor, dem bald darauf ein Dreirad folgte. Bekannt iſt ferner, daß gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein Pariſer Arzt eine »Caroſſe« bauen ließ, welche von einer Perſon bewegt werden konnte. Von allen dieſen Conſtructionen ſind Einzelheiten nicht bekannt, und es iſt demnach ſchwer, ſich darüber Rechenſchaft zu geben, inwieweit Karl v. Drais bei ſeinem Fahrzeuge an ältere Vorbilder ſich anlehnte. Hierbei iſt auch in Bezug auf die Benennung des Vehikels ein Irrthum unterlaufen. Dasſelbe erhielt nämlich nach ſeinem Erfinder den Namen »Draiſine« und wurde bald nach Einführung der Eiſenbahnen für den Betrieb auf Schienen umgebaut, wobei es natürlich im Laufe der Zeit mancherlei Formen annahm. Bekanntlich leiſtet die Draiſine (richtig Draiſine und nicht Dräſine auszuſprechen) noch heute dem Streckenperſonale der Eiſenbahnen vorzügliche Dienſte. Karl v. Drais führte ſeine »Laufmaſchine« zum erſtenmale im Jahre 1815 auf dem Wiener Congreß vor. Es war ein ſonderbares Ding, was da in die Welt geſetzt wurde. Wie aus der Fig. 681 zu erſehen, beſtand es aus zwei 52*

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Zitationshilfe: Schweiger-Lerchenfeld, Amand von: Im Reiche der Cyklopen: eine populäre Darstellung der Stahl- und Eisentechnik. Wien u. a., 1900, S. 819. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schweiger_cyklopen_1900/901>, abgerufen am 27.03.2019.