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Semmelweis, Ignaz Philipp: Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers. Pest u. a., 1861.

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Protocoll
der Sectionssitzung für Physiologie und Pathologie vom
27. Juni 1851 *).

Docent und supplirender Primararzt Dr. Chiari hält ei-
nen Vortrag über Pyaemie im Puerperio ohne Gebärmutter-
leiden.

Es kommen bei Wöchnerinnen nicht selten Erkrankungs-
fälle mit sogenannten typhösen Erscheinungen vor, wobei we-
gen Abwesenheit eines nachweisbaren Uterusleidens die Dia-
gnose sehr häufig auf Typhus gestellt wird. Der Verlauf die-
ser Krankheitsfälle ist meist folgender:

Nach anscheinend geringer Unpässlichkeit in der ersten
Woche des Wochenbettes tritt mit heftigem Froste sehr star-
kes Fieber auf, das Bauchfell sowohl als der Uterus zeigen
keine Schmerzhaftigkeit; der Lochialfluss weicht nicht von
der Norm ab; die Milz wird grösser; in den Lungen finden
sich häufig die Zeichen eines bedeutenden Katarrhes; der Harn
enthält manchmal Eiter; die Hitze der Haut ist bedeutend,
letztere trocken; Delirien sind meist vorhanden. Unter diesen
Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger Dauer der
Krankheit rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein.

In einzelnen Fällen treten noch in den letzten Tagen
Schüttelfröste und gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyae-
mie auf.

Bei den Sectionen finden sich in verschiedenen Organen
metastatische Entzündungen, ohne dass man im Uterus Phle-
bitis oder Endometritis als Ausgangspunct der Pyaemie auf-
finden kann. Die Milz ist immer gross, matsch, wenn auch
von Entzündungsherden frei.

Es frägt sich nun, wie die Entstehung der metastatischen
Entzündungen zu erklären sei.

*) Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien. 7. Jahrgang.
Decemberheft 1851. P. CLXI.
Protocoll
der Sectionssitzung für Physiologie und Pathologie vom
27. Juni 1851 *).

Docent und supplirender Primararzt Dr. Chiari hält ei-
nen Vortrag über Pyaemie im Puerperio ohne Gebärmutter-
leiden.

Es kommen bei Wöchnerinnen nicht selten Erkrankungs-
fälle mit sogenannten typhösen Erscheinungen vor, wobei we-
gen Abwesenheit eines nachweisbaren Uterusleidens die Dia-
gnose sehr häufig auf Typhus gestellt wird. Der Verlauf die-
ser Krankheitsfälle ist meist folgender:

Nach anscheinend geringer Unpässlichkeit in der ersten
Woche des Wochenbettes tritt mit heftigem Froste sehr star-
kes Fieber auf, das Bauchfell sowohl als der Uterus zeigen
keine Schmerzhaftigkeit; der Lochialfluss weicht nicht von
der Norm ab; die Milz wird grösser; in den Lungen finden
sich häufig die Zeichen eines bedeutenden Katarrhes; der Harn
enthält manchmal Eiter; die Hitze der Haut ist bedeutend,
letztere trocken; Delirien sind meist vorhanden. Unter diesen
Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger Dauer der
Krankheit rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein.

In einzelnen Fällen treten noch in den letzten Tagen
Schüttelfröste und gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyae-
mie auf.

Bei den Sectionen finden sich in verschiedenen Organen
metastatische Entzündungen, ohne dass man im Uterus Phle-
bitis oder Endometritis als Ausgangspunct der Pyaemie auf-
finden kann. Die Milz ist immer gross, matsch, wenn auch
von Entzündungsherden frei.

Es frägt sich nun, wie die Entstehung der metastatischen
Entzündungen zu erklären sei.

*) Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien. 7. Jahrgang.
Decemberheft 1851. P. CLXI.
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[528/0540] Protocoll der Sectionssitzung für Physiologie und Pathologie vom 27. Juni 1851 *). Docent und supplirender Primararzt Dr. Chiari hält ei- nen Vortrag über Pyaemie im Puerperio ohne Gebärmutter- leiden. Es kommen bei Wöchnerinnen nicht selten Erkrankungs- fälle mit sogenannten typhösen Erscheinungen vor, wobei we- gen Abwesenheit eines nachweisbaren Uterusleidens die Dia- gnose sehr häufig auf Typhus gestellt wird. Der Verlauf die- ser Krankheitsfälle ist meist folgender: Nach anscheinend geringer Unpässlichkeit in der ersten Woche des Wochenbettes tritt mit heftigem Froste sehr star- kes Fieber auf, das Bauchfell sowohl als der Uterus zeigen keine Schmerzhaftigkeit; der Lochialfluss weicht nicht von der Norm ab; die Milz wird grösser; in den Lungen finden sich häufig die Zeichen eines bedeutenden Katarrhes; der Harn enthält manchmal Eiter; die Hitze der Haut ist bedeutend, letztere trocken; Delirien sind meist vorhanden. Unter diesen Erscheinungen tritt nach sechs- bis achttägiger Dauer der Krankheit rascher Verfall der Kräfte und meist baldiger Tod ein. In einzelnen Fällen treten noch in den letzten Tagen Schüttelfröste und gelbliche Hautfarbe als Zeichen der Pyae- mie auf. Bei den Sectionen finden sich in verschiedenen Organen metastatische Entzündungen, ohne dass man im Uterus Phle- bitis oder Endometritis als Ausgangspunct der Pyaemie auf- finden kann. Die Milz ist immer gross, matsch, wenn auch von Entzündungsherden frei. Es frägt sich nun, wie die Entstehung der metastatischen Entzündungen zu erklären sei. *) Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Aerzte zu Wien. 7. Jahrgang. Decemberheft 1851. P. CLXI.

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Zitationshilfe: Semmelweis, Ignaz Philipp: Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers. Pest u. a., 1861, S. 528. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/semmelweis_kindbettfieber_1861/540>, abgerufen am 21.07.2019.