Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten über Nepi
und Monterosi, wo sie in die Strasse von Florenz
fällt. Ich dachte mit dem alten Sprichwort: Nun
gehen alle Strassen nach Rom; und hielt mich halb
unwillkührlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte
Weg kann wohl nicht viel schlimmer seyn; als ich
den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit mei¬
nen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten
in einem andern Lande schlimmer als bey uns in
Sachsen.

Erlaube mir über die Strassen im Allgemeinen
eine kleine vielleicht nicht überflüssige Expektoration.
Es ist empörend, wenn dem Reisenden Geleite und
Wegegeld abgefodert wird und er sich kaum aus dem
Koth heraus winden kann um dieses Geld zu bezahlen.
Die Strassen sind einer der ersten Polizeyartikel, an
den man fast überall zuletzt denkt. Geleite und We¬
gegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn,
wenn daraus nicht für den Fürsten die Verbindlich¬
keit entspringt, für die Strassen zu sorgen; und die
Unterthanen sind nur dann zum Zuschuss verpflichtet,
wenn jene Einkünfte nicht hinreichen. Denn der
Staat hat unbezweifelt die Befugniss, die Natur und
Zweckmässigkeit und den gesetzlichen Gebrauch aller
Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und
auf rechtliche Verwendung zu dringen. Das giebt sich
aus dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, wenn
gleich nichts davon im Justinianischen Rechte steht,
welches überhaupt als jus publicum das traurigste ist,
das die Vernunft ersinnen konnte; so sehr es auch ein
Meisterwerk des bürgerlichen seyn mag. Bey den

Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten über Nepi
und Monterosi, wo sie in die Straſse von Florenz
fällt. Ich dachte mit dem alten Sprichwort: Nun
gehen alle Straſsen nach Rom; und hielt mich halb
unwillkührlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte
Weg kann wohl nicht viel schlimmer seyn; als ich
den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit mei¬
nen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten
in einem andern Lande schlimmer als bey uns in
Sachsen.

Erlaube mir über die Straſsen im Allgemeinen
eine kleine vielleicht nicht überflüssige Expektoration.
Es ist empörend, wenn dem Reisenden Geleite und
Wegegeld abgefodert wird und er sich kaum aus dem
Koth heraus winden kann um dieses Geld zu bezahlen.
Die Straſsen sind einer der ersten Polizeyartikel, an
den man fast überall zuletzt denkt. Geleite und We¬
gegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn,
wenn daraus nicht für den Fürsten die Verbindlich¬
keit entspringt, für die Straſsen zu sorgen; und die
Unterthanen sind nur dann zum Zuschuſs verpflichtet,
wenn jene Einkünfte nicht hinreichen. Denn der
Staat hat unbezweifelt die Befugniſs, die Natur und
Zweckmäſsigkeit und den gesetzlichen Gebrauch aller
Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und
auf rechtliche Verwendung zu dringen. Das giebt sich
aus dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, wenn
gleich nichts davon im Justinianischen Rechte steht,
welches überhaupt als jus publicum das traurigste ist,
das die Vernunft ersinnen konnte; so sehr es auch ein
Meisterwerk des bürgerlichen seyn mag. Bey den

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0181" n="155"/>
Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten über Nepi<lb/>
und Monterosi, wo sie in die Stra&#x017F;se von Florenz<lb/>
fällt. Ich dachte mit dem alten Sprichwort: Nun<lb/>
gehen alle Stra&#x017F;sen nach Rom; und hielt mich halb<lb/>
unwillkührlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte<lb/>
Weg kann wohl nicht viel schlimmer seyn; als ich<lb/>
den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit mei¬<lb/>
nen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten<lb/>
in einem andern Lande schlimmer als bey uns in<lb/>
Sachsen.</p><lb/>
        <p>Erlaube mir über die Stra&#x017F;sen im Allgemeinen<lb/>
eine kleine vielleicht nicht überflüssige Expektoration.<lb/>
Es ist empörend, wenn dem Reisenden Geleite und<lb/>
Wegegeld abgefodert wird und er sich kaum aus dem<lb/>
Koth heraus winden kann um dieses Geld zu bezahlen.<lb/>
Die Stra&#x017F;sen sind einer der ersten Polizeyartikel, an<lb/>
den man fast überall zuletzt denkt. Geleite und We¬<lb/>
gegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn,<lb/>
wenn daraus nicht für den Fürsten die Verbindlich¬<lb/>
keit entspringt, für die Stra&#x017F;sen zu sorgen; und die<lb/>
Unterthanen sind nur dann zum Zuschu&#x017F;s verpflichtet,<lb/>
wenn jene Einkünfte nicht hinreichen. Denn der<lb/>
Staat hat unbezweifelt die Befugni&#x017F;s, die Natur und<lb/>
Zweckmä&#x017F;sigkeit und den gesetzlichen Gebrauch aller<lb/>
Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und<lb/>
auf rechtliche Verwendung zu dringen. Das giebt sich<lb/>
aus dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, wenn<lb/>
gleich nichts davon im Justinianischen Rechte steht,<lb/>
welches überhaupt als <hi rendition="#i">jus publicum</hi> das traurigste ist,<lb/>
das die Vernunft ersinnen konnte; so sehr es auch ein<lb/>
Meisterwerk des bürgerlichen seyn mag. Bey den<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[155/0181] Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten über Nepi und Monterosi, wo sie in die Straſse von Florenz fällt. Ich dachte mit dem alten Sprichwort: Nun gehen alle Straſsen nach Rom; und hielt mich halb unwillkührlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte Weg kann wohl nicht viel schlimmer seyn; als ich den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit mei¬ nen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten in einem andern Lande schlimmer als bey uns in Sachsen. Erlaube mir über die Straſsen im Allgemeinen eine kleine vielleicht nicht überflüssige Expektoration. Es ist empörend, wenn dem Reisenden Geleite und Wegegeld abgefodert wird und er sich kaum aus dem Koth heraus winden kann um dieses Geld zu bezahlen. Die Straſsen sind einer der ersten Polizeyartikel, an den man fast überall zuletzt denkt. Geleite und We¬ gegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn, wenn daraus nicht für den Fürsten die Verbindlich¬ keit entspringt, für die Straſsen zu sorgen; und die Unterthanen sind nur dann zum Zuschuſs verpflichtet, wenn jene Einkünfte nicht hinreichen. Denn der Staat hat unbezweifelt die Befugniſs, die Natur und Zweckmäſsigkeit und den gesetzlichen Gebrauch aller Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und auf rechtliche Verwendung zu dringen. Das giebt sich aus dem Begriff der bürgerlichen Gesellschaft, wenn gleich nichts davon im Justinianischen Rechte steht, welches überhaupt als jus publicum das traurigste ist, das die Vernunft ersinnen konnte; so sehr es auch ein Meisterwerk des bürgerlichen seyn mag. Bey den

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/181
Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 155. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/181>, abgerufen am 22.09.2019.