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Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

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In der langen Vorstadt von Messina traf ich einige
sehr gut gearbeitete Brunnen, mit pompösen lateini¬
schen Inschriften, worin ein Brunnen mit Recht als
eine grosse Wohlthat gepriesen wurde. Nur Schade,
dass sie kein Wasser hatten. Die Hafenseite ist noch
eine furchtbare Trümmer, und doch der einzige nahe
Spaziergang für die Stadt. Noch der jetzige Anblick
zeigt, was das Ganze muss gewesen seyn; und ich
glaube wirklich, die Messinesen haben Recht gehabt,
wenn sie sagten: es sey in der Welt nicht so etwas
prächtiges mehr gewesen, als ihre Fassade an dem Ha¬
fen, die sie nur vorzugsweise den Pallast nannten, und
ihn noch jetzt in den Trümmern so nennen. Das
Schicksal scheint hier eine schreckliche Erinnerung an
unsere Ohnmacht gegeben zu haben: Das könnt ihr
mit Macht und angestrengtem Fleiss in Jahrhunder¬
ten; und das kann ich in einem Momente! Die Mo¬
numente stürzten, und die ganze Felsenküste jenseits
und diesseits wurde zerrüttet! -- Nur die Heiligenni¬
schen an den Enden werden wieder aufgebaut und
Bettelmönche hineingesetzt, den geistlichen Tribut ein¬
zutreiben. Aufwärts in der Stadt wird sehr lebhaft
und sehr solid wieder aufgebaut. Die Häuser bekom¬
men durchaus nicht mehr als zwey Stockwerke, um
bey künftigen Erderschütterungen nicht zu sehr unter
ihrer Last zu leiden. Das unterste Stockwerk hat
selbst in den furchtbaren Erdbeben überall wenig ge¬
litten.


In der langen Vorstadt von Messina traf ich einige
sehr gut gearbeitete Brunnen, mit pompösen lateini¬
schen Inschriften, worin ein Brunnen mit Recht als
eine groſse Wohlthat gepriesen wurde. Nur Schade,
daſs sie kein Wasser hatten. Die Hafenseite ist noch
eine furchtbare Trümmer, und doch der einzige nahe
Spaziergang für die Stadt. Noch der jetzige Anblick
zeigt, was das Ganze muſs gewesen seyn; und ich
glaube wirklich, die Messinesen haben Recht gehabt,
wenn sie sagten: es sey in der Welt nicht so etwas
prächtiges mehr gewesen, als ihre Faſsade an dem Ha¬
fen, die sie nur vorzugsweise den Pallast nannten, und
ihn noch jetzt in den Trümmern so nennen. Das
Schicksal scheint hier eine schreckliche Erinnerung an
unsere Ohnmacht gegeben zu haben: Das könnt ihr
mit Macht und angestrengtem Fleiſs in Jahrhunder¬
ten; und das kann ich in einem Momente! Die Mo¬
numente stürzten, und die ganze Felsenküste jenseits
und diesseits wurde zerrüttet! — Nur die Heiligenni¬
schen an den Enden werden wieder aufgebaut und
Bettelmönche hineingesetzt, den geistlichen Tribut ein¬
zutreiben. Aufwärts in der Stadt wird sehr lebhaft
und sehr solid wieder aufgebaut. Die Häuser bekom¬
men durchaus nicht mehr als zwey Stockwerke, um
bey künftigen Erderschütterungen nicht zu sehr unter
ihrer Last zu leiden. Das unterste Stockwerk hat
selbst in den furchtbaren Erdbeben überall wenig ge¬
litten.

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[[299]/0325] Messina. In der langen Vorstadt von Messina traf ich einige sehr gut gearbeitete Brunnen, mit pompösen lateini¬ schen Inschriften, worin ein Brunnen mit Recht als eine groſse Wohlthat gepriesen wurde. Nur Schade, daſs sie kein Wasser hatten. Die Hafenseite ist noch eine furchtbare Trümmer, und doch der einzige nahe Spaziergang für die Stadt. Noch der jetzige Anblick zeigt, was das Ganze muſs gewesen seyn; und ich glaube wirklich, die Messinesen haben Recht gehabt, wenn sie sagten: es sey in der Welt nicht so etwas prächtiges mehr gewesen, als ihre Faſsade an dem Ha¬ fen, die sie nur vorzugsweise den Pallast nannten, und ihn noch jetzt in den Trümmern so nennen. Das Schicksal scheint hier eine schreckliche Erinnerung an unsere Ohnmacht gegeben zu haben: Das könnt ihr mit Macht und angestrengtem Fleiſs in Jahrhunder¬ ten; und das kann ich in einem Momente! Die Mo¬ numente stürzten, und die ganze Felsenküste jenseits und diesseits wurde zerrüttet! — Nur die Heiligenni¬ schen an den Enden werden wieder aufgebaut und Bettelmönche hineingesetzt, den geistlichen Tribut ein¬ zutreiben. Aufwärts in der Stadt wird sehr lebhaft und sehr solid wieder aufgebaut. Die Häuser bekom¬ men durchaus nicht mehr als zwey Stockwerke, um bey künftigen Erderschütterungen nicht zu sehr unter ihrer Last zu leiden. Das unterste Stockwerk hat selbst in den furchtbaren Erdbeben überall wenig ge¬ litten.

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Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. [299]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/325>, abgerufen am 26.04.2019.