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Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

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günstig; ich liess mich indessen nicht abhalten, und
stieg bis ziemlich auf den höchsten Gipfel des Felsen¬
bergs hinauf. Wo das Kloster steht ist ein Absatz von
etwas fruchtbarem Erdreich, das noch sehr gutes Ge¬
treide hält. Ich ging hinaus bis an die äusserste Spi¬
tze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia stehet mit
ihrem Bilde, das füglich etwas besser seyn sollte. Die
Fremden aller Länder hatten sich hier verewigt und
mir wenig Platz gelassen. Alles war voll, und Stirn
und Wange und Busen des heiligen Rosenmädchens
waren beschrieben; es blieb mir nichts übrig als ihr
meinen Namen auf die Nasenspitze zu setzen. Viel¬
leicht dachte jeder durch die Aufsetzung seines Na¬
mens das Gemälde zu verbessern; die Nasenspitze
ist wenigstens durch den meinigen nicht verdorben
worden: und dieses ist das einzige Mal, dass ich auf
der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben ha¬
be, wenn mich nicht die Polizey dazu nöthigte.

Zwischen diesem isolierten Felsen und der höhe¬
ren Bergkette liegt ein herrliches kleines Thal, das
sich von der Stadt immer enger bis an die See vor¬
zieht. Es ist reichlich gesegnet und der Fleiss könnte
noch mehr gewinnen. Hier muss nach der Topogra¬
phie das Städchen Hykkara gelegen haben, aus wel¬
chem Micias die schöne Lais holte und nach Griechen¬
land brachte. Weiter hinaus suchte ich mit meinen
Hofmannischen Augen den Eryx bey Trapani, und
knüpfte in vielen schnellen Uebergängen Wieland,
Aristipp, und die erycinische Göttin zusammen. Weiss
der Himmel wie ich in diesem Thema auf den Hudi¬
bras kam; die Ideenverbindung mag wohl etwas

günstig; ich lieſs mich indessen nicht abhalten, und
stieg bis ziemlich auf den höchsten Gipfel des Felsen¬
bergs hinauf. Wo das Kloster steht ist ein Absatz von
etwas fruchtbarem Erdreich, das noch sehr gutes Ge¬
treide hält. Ich ging hinaus bis an die äuſserste Spi¬
tze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia stehet mit
ihrem Bilde, das füglich etwas besser seyn sollte. Die
Fremden aller Länder hatten sich hier verewigt und
mir wenig Platz gelassen. Alles war voll, und Stirn
und Wange und Busen des heiligen Rosenmädchens
waren beschrieben; es blieb mir nichts übrig als ihr
meinen Namen auf die Nasenspitze zu setzen. Viel¬
leicht dachte jeder durch die Aufsetzung seines Na¬
mens das Gemälde zu verbessern; die Nasenspitze
ist wenigstens durch den meinigen nicht verdorben
worden: und dieses ist das einzige Mal, daſs ich auf
der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben ha¬
be, wenn mich nicht die Polizey dazu nöthigte.

Zwischen diesem isolierten Felsen und der höhe¬
ren Bergkette liegt ein herrliches kleines Thal, das
sich von der Stadt immer enger bis an die See vor¬
zieht. Es ist reichlich gesegnet und der Fleiſs könnte
noch mehr gewinnen. Hier muſs nach der Topogra¬
phie das Städchen Hykkara gelegen haben, aus wel¬
chem Micias die schöne Lais holte und nach Griechen¬
land brachte. Weiter hinaus suchte ich mit meinen
Hofmannischen Augen den Eryx bey Trapani, und
knüpfte in vielen schnellen Uebergängen Wieland,
Aristipp, und die erycinische Göttin zusammen. Weiſs
der Himmel wie ich in diesem Thema auf den Hudi¬
bras kam; die Ideenverbindung mag wohl etwas

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[318/0344] günstig; ich lieſs mich indessen nicht abhalten, und stieg bis ziemlich auf den höchsten Gipfel des Felsen¬ bergs hinauf. Wo das Kloster steht ist ein Absatz von etwas fruchtbarem Erdreich, das noch sehr gutes Ge¬ treide hält. Ich ging hinaus bis an die äuſserste Spi¬ tze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia stehet mit ihrem Bilde, das füglich etwas besser seyn sollte. Die Fremden aller Länder hatten sich hier verewigt und mir wenig Platz gelassen. Alles war voll, und Stirn und Wange und Busen des heiligen Rosenmädchens waren beschrieben; es blieb mir nichts übrig als ihr meinen Namen auf die Nasenspitze zu setzen. Viel¬ leicht dachte jeder durch die Aufsetzung seines Na¬ mens das Gemälde zu verbessern; die Nasenspitze ist wenigstens durch den meinigen nicht verdorben worden: und dieses ist das einzige Mal, daſs ich auf der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben ha¬ be, wenn mich nicht die Polizey dazu nöthigte. Zwischen diesem isolierten Felsen und der höhe¬ ren Bergkette liegt ein herrliches kleines Thal, das sich von der Stadt immer enger bis an die See vor¬ zieht. Es ist reichlich gesegnet und der Fleiſs könnte noch mehr gewinnen. Hier muſs nach der Topogra¬ phie das Städchen Hykkara gelegen haben, aus wel¬ chem Micias die schöne Lais holte und nach Griechen¬ land brachte. Weiter hinaus suchte ich mit meinen Hofmannischen Augen den Eryx bey Trapani, und knüpfte in vielen schnellen Uebergängen Wieland, Aristipp, und die erycinische Göttin zusammen. Weiſs der Himmel wie ich in diesem Thema auf den Hudi¬ bras kam; die Ideenverbindung mag wohl etwas

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Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 318. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/344>, abgerufen am 01.10.2020.