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Siegmeyer, Johann Gottlieb: Theorie der Tonsetzkunst. Berlin, 1822.

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Vorwort.


Diese Theorie der Tonsetzkunst; wenn ich sie so nennen darf, ist zwar die
Frucht eines schnellen Entschlusses und einer raschen Ausführung, jedoch das
Resultat eines mehrjährigen Nachdenkens und mancher Bemerkungen, die sich
mir bei Anhörung aller Arten von Musik oft unwillkührlich aufdrängten. Es
hat mich dabei weiter keine andre Absicht geleitet als die: zu nützen, ich
wünschte daher wohl, daß wenigstens mein guter Wille diesen Zweck zu errei-
chen, gefällig aufgenommen werden möchte. Die mir dazu verbleibende Zeit
erlaubte mir nicht, auf irgend eine Eleganz der Schreibart denken und das
Ganze hier und da verbessern zu können; auch gestattete der Plan des Werks
nicht, mehreres so ausführlich zu behandeln wie ich wohl gewünscht hätte.

Die Idee, die Harmonie zu erklären, gehört mir ursprünglich nicht, son-
dern dem achtungswerthen Portmann, ob ich schon gestehen muß, daß mir
von der Zeit her, wo ich sein System las, nichts weiter im Gedächtniße ver-
blieben war als die Grundzüge seines Planes.

Wenn manches in den Abhandlungen dunkel geblieben ist, so liegt die
Schuld nicht an einem fehlerhaften Zusammenhange der Theorie selbst, sondern
an dem Mangel einer vollkommenen Erklärung, und daher rührt es auch, daß
ich einiges vielleicht wiederholt, und hin und wieder etwas wesentliches weg-
gelassen habe.

Ich läugne es nicht, daß ich mehr die Absicht gehabt habe, den Grund
der Schönheiten in der Musik aufzusuchen und wo möglich einen Fingerzeig
zu Erreichung der Stufe, zu geben, worauf Mozart, Gluck und Haydn
standen, als der Welt noch einmal alle Regeln früherer General-Baß-Schu-
len und Theorien zu wiederholen, deren Qualität und Quantität oft gerade

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Vorwort.


Dieſe Theorie der Tonſetzkunſt; wenn ich ſie ſo nennen darf, iſt zwar die
Frucht eines ſchnellen Entſchluſſes und einer raſchen Ausfuͤhrung, jedoch das
Reſultat eines mehrjaͤhrigen Nachdenkens und mancher Bemerkungen, die ſich
mir bei Anhoͤrung aller Arten von Muſik oft unwillkuͤhrlich aufdraͤngten. Es
hat mich dabei weiter keine andre Abſicht geleitet als die: zu nuͤtzen, ich
wuͤnſchte daher wohl, daß wenigſtens mein guter Wille dieſen Zweck zu errei-
chen, gefaͤllig aufgenommen werden moͤchte. Die mir dazu verbleibende Zeit
erlaubte mir nicht, auf irgend eine Eleganz der Schreibart denken und das
Ganze hier und da verbeſſern zu koͤnnen; auch geſtattete der Plan des Werks
nicht, mehreres ſo ausfuͤhrlich zu behandeln wie ich wohl gewuͤnſcht haͤtte.

Die Idee, die Harmonie zu erklaͤren, gehoͤrt mir urſpruͤnglich nicht, ſon-
dern dem achtungswerthen Portmann, ob ich ſchon geſtehen muß, daß mir
von der Zeit her, wo ich ſein Syſtem las, nichts weiter im Gedaͤchtniße ver-
blieben war als die Grundzuͤge ſeines Planes.

Wenn manches in den Abhandlungen dunkel geblieben iſt, ſo liegt die
Schuld nicht an einem fehlerhaften Zuſammenhange der Theorie ſelbſt, ſondern
an dem Mangel einer vollkommenen Erklaͤrung, und daher ruͤhrt es auch, daß
ich einiges vielleicht wiederholt, und hin und wieder etwas weſentliches weg-
gelaſſen habe.

Ich laͤugne es nicht, daß ich mehr die Abſicht gehabt habe, den Grund
der Schoͤnheiten in der Muſik aufzuſuchen und wo moͤglich einen Fingerzeig
zu Erreichung der Stufe, zu geben, worauf Mozart, Gluck und Haydn
ſtanden, als der Welt noch einmal alle Regeln fruͤherer General-Baß-Schu-
len und Theorien zu wiederholen, deren Qualitaͤt und Quantitaͤt oft gerade

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Zitationshilfe: Siegmeyer, Johann Gottlieb: Theorie der Tonsetzkunst. Berlin, 1822, S. [III]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/siegmeyer_tonsetzkunst_1822/9>, abgerufen am 26.04.2019.