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Simmel, Georg: Über sociale Differenzierung. Leipzig, 1890.

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III.
Die Ausdehnung der Gruppe und die Ausbildung
der Individualität.


Bei 1 dem Verhältnis zwischen der Ausbildung der Indi-
vidualität und dem socialen Interesse ist vielfach zu beobachten,
dass die Höhe der ersteren Schritt hält mit der Erweiterung
des Kreises, auf den sich das letztere erstreckt. Haben wir
zwei sociale Gruppen, M und N, die sich scharf von einander
unterscheiden, sowohl nach den charakteristischen Eigen-
schaften wie nach den gegenseitigen Gesinnungen, deren jede
aber in sich aus homogenen und eng zusammenhängenden
Elementen besteht: so bringt die gewöhnliche Entwicklung
unter den letzteren eine steigende Differenzierung hervor; die
ursprünglich minimalen Unterschiede unter den Individuen
nach äusserlichen und innerlichen Anlagen und deren Bethä-
tigung verschärfen sich durch die Notwendigkeit, den um-
kämpften Lebensunterhalt durch immer eigenartigere Mittel
zu gewinnen; die Konkurrenz bildet bekanntlich die Specia-
lität des Individuums aus. Wie verschieden nun auch der
Ausgangspunkt dieses Prozesses in M und N gewesen sei, so
muss er diese doch allmählich einander verähnlichen. Es ist
von vornherein wahrscheinlich, dass, je grösser die Unähnlich-
keit der Bestandteile von M unter sich und derer von N unter
sich wird, sich eine immer wachsende Anzahl von Bildungen
im einen finden werden, die solchen im andern ähnlich sind;
die nach allen Seiten gehende Abweichung von der bis dahin
für jeden Complex für sich giltigen Norm muss notwendig
eine Annäherung der Glieder des einen an die des andern

1 Dieses Kapitel erschien in verkürzter Form vor mehreren Jahren
in der Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XII, Heft 1.
III.
Die Ausdehnung der Gruppe und die Ausbildung
der Individualität.


Bei 1 dem Verhältnis zwischen der Ausbildung der Indi-
vidualität und dem socialen Interesse ist vielfach zu beobachten,
daſs die Höhe der ersteren Schritt hält mit der Erweiterung
des Kreises, auf den sich das letztere erstreckt. Haben wir
zwei sociale Gruppen, M und N, die sich scharf von einander
unterscheiden, sowohl nach den charakteristischen Eigen-
schaften wie nach den gegenseitigen Gesinnungen, deren jede
aber in sich aus homogenen und eng zusammenhängenden
Elementen besteht: so bringt die gewöhnliche Entwicklung
unter den letzteren eine steigende Differenzierung hervor; die
ursprünglich minimalen Unterschiede unter den Individuen
nach äuſserlichen und innerlichen Anlagen und deren Bethä-
tigung verschärfen sich durch die Notwendigkeit, den um-
kämpften Lebensunterhalt durch immer eigenartigere Mittel
zu gewinnen; die Konkurrenz bildet bekanntlich die Specia-
lität des Individuums aus. Wie verschieden nun auch der
Ausgangspunkt dieses Prozesses in M und N gewesen sei, so
muſs er diese doch allmählich einander verähnlichen. Es ist
von vornherein wahrscheinlich, daſs, je gröſser die Unähnlich-
keit der Bestandteile von M unter sich und derer von N unter
sich wird, sich eine immer wachsende Anzahl von Bildungen
im einen finden werden, die solchen im andern ähnlich sind;
die nach allen Seiten gehende Abweichung von der bis dahin
für jeden Complex für sich giltigen Norm muſs notwendig
eine Annäherung der Glieder des einen an die des andern

1 Dieses Kapitel erschien in verkürzter Form vor mehreren Jahren
in der Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XII, Heft 1.
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[[45]/0059] III. Die Ausdehnung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität. Bei 1 dem Verhältnis zwischen der Ausbildung der Indi- vidualität und dem socialen Interesse ist vielfach zu beobachten, daſs die Höhe der ersteren Schritt hält mit der Erweiterung des Kreises, auf den sich das letztere erstreckt. Haben wir zwei sociale Gruppen, M und N, die sich scharf von einander unterscheiden, sowohl nach den charakteristischen Eigen- schaften wie nach den gegenseitigen Gesinnungen, deren jede aber in sich aus homogenen und eng zusammenhängenden Elementen besteht: so bringt die gewöhnliche Entwicklung unter den letzteren eine steigende Differenzierung hervor; die ursprünglich minimalen Unterschiede unter den Individuen nach äuſserlichen und innerlichen Anlagen und deren Bethä- tigung verschärfen sich durch die Notwendigkeit, den um- kämpften Lebensunterhalt durch immer eigenartigere Mittel zu gewinnen; die Konkurrenz bildet bekanntlich die Specia- lität des Individuums aus. Wie verschieden nun auch der Ausgangspunkt dieses Prozesses in M und N gewesen sei, so muſs er diese doch allmählich einander verähnlichen. Es ist von vornherein wahrscheinlich, daſs, je gröſser die Unähnlich- keit der Bestandteile von M unter sich und derer von N unter sich wird, sich eine immer wachsende Anzahl von Bildungen im einen finden werden, die solchen im andern ähnlich sind; die nach allen Seiten gehende Abweichung von der bis dahin für jeden Complex für sich giltigen Norm muſs notwendig eine Annäherung der Glieder des einen an die des andern 1 Dieses Kapitel erschien in verkürzter Form vor mehreren Jahren in der Zeitschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XII, Heft 1.

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Zitationshilfe: Simmel, Georg: Über sociale Differenzierung. Leipzig, 1890, S. [45]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/simmel_differenzierung_1890/59>, abgerufen am 21.04.2019.