Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900.

Bild:
<< vorherige Seite
Vorrede.

Jede Forschungsprovinz hat zwei Grenzen, an denen die Denk-
bewegung aus der exakten in die philosophische Form übergeht. Die
Voraussetzungen des Erkennens überhaupt, wie die Axiome jedes
Sondergebietes verlegen ihre Darstellung und Prüfung aus diesem
letzteren hinaus in eine prinzipiellere Wissenschaft, deren im Unend-
lichen liegendes Ziel ist: voraussetzungslos zu denken -- ein Ziel, das
die Einzelwissenschaften sich grundsätzlich versagen, weil sie keinen
Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzungen sachlicher und metho-
discher Natur, thun; wogegen nur eine Selbsttäuschung die Philosophie
den Punkt in ihr verleugnen lässt, an dem ein Machtspruch und der
Appell an das Unbeweisbare in uns einsetzt und der freilich vermöge
des Fortschritts der Beweisbarkeiten nie definitiv festliegt. Zeichnet der
Beginn des philosophischen Gebietes hier gleichsam die untere Grenze
des exakten, so liegt dessen obere da, wo die immer fragmentarischen
Inhalte des positiven Wissens sich durch abschliessende Begriffe zu
einem Weltbild zu ergänzen und auf die Ganzheit des Lebens zu be-
ziehen verlangen. Wenn die Geschichte der Wissenschaften wirklich
die philosophische Erkenntnisart als die primitive zeigt, als einen blossen
Überschlag über die Erscheinungen in allgemeinen Begriffen -- so ist
dieses vorläufige Verfahren doch noch nicht allen Fragen gegenüber
entbehrlich, nämlich denjenigen, besonders den Wertungen und den
allgemeinsten Zusammenhängen des geistigen Lebens angehörigen, auf
die uns bis jetzt weder eine exakte Antwort noch ein Verzicht möglich
ist. Ja vielleicht würde selbst die vollendete Empirie die Philosophie
als eine Deutung, Färbung und individuell auswählende Betonung des
Wirklichen grade so wenig ablösen, wie die Vollendung der mecha-
nischen Reproduktion der Erscheinungen die bildende Kunst überflüssig
machen würde.

Vorrede.

Jede Forschungsprovinz hat zwei Grenzen, an denen die Denk-
bewegung aus der exakten in die philosophische Form übergeht. Die
Voraussetzungen des Erkennens überhaupt, wie die Axiome jedes
Sondergebietes verlegen ihre Darstellung und Prüfung aus diesem
letzteren hinaus in eine prinzipiellere Wissenschaft, deren im Unend-
lichen liegendes Ziel ist: voraussetzungslos zu denken — ein Ziel, das
die Einzelwissenschaften sich grundsätzlich versagen, weil sie keinen
Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzungen sachlicher und metho-
discher Natur, thun; wogegen nur eine Selbsttäuschung die Philosophie
den Punkt in ihr verleugnen läſst, an dem ein Machtspruch und der
Appell an das Unbeweisbare in uns einsetzt und der freilich vermöge
des Fortschritts der Beweisbarkeiten nie definitiv festliegt. Zeichnet der
Beginn des philosophischen Gebietes hier gleichsam die untere Grenze
des exakten, so liegt dessen obere da, wo die immer fragmentarischen
Inhalte des positiven Wissens sich durch abschlieſsende Begriffe zu
einem Weltbild zu ergänzen und auf die Ganzheit des Lebens zu be-
ziehen verlangen. Wenn die Geschichte der Wissenschaften wirklich
die philosophische Erkenntnisart als die primitive zeigt, als einen bloſsen
Überschlag über die Erscheinungen in allgemeinen Begriffen — so ist
dieses vorläufige Verfahren doch noch nicht allen Fragen gegenüber
entbehrlich, nämlich denjenigen, besonders den Wertungen und den
allgemeinsten Zusammenhängen des geistigen Lebens angehörigen, auf
die uns bis jetzt weder eine exakte Antwort noch ein Verzicht möglich
ist. Ja vielleicht würde selbst die vollendete Empirie die Philosophie
als eine Deutung, Färbung und individuell auswählende Betonung des
Wirklichen grade so wenig ablösen, wie die Vollendung der mecha-
nischen Reproduktion der Erscheinungen die bildende Kunst überflüssig
machen würde.

<TEI>
  <text>
    <front>
      <pb facs="#f0015" n="[VII]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Vorrede</hi>.</hi> </head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <p>Jede Forschungsprovinz hat zwei Grenzen, an denen die Denk-<lb/>
bewegung aus der exakten in die philosophische Form übergeht. Die<lb/>
Voraussetzungen des Erkennens überhaupt, wie die Axiome jedes<lb/>
Sondergebietes verlegen ihre Darstellung und Prüfung aus diesem<lb/>
letzteren hinaus in eine prinzipiellere Wissenschaft, deren im Unend-<lb/>
lichen liegendes Ziel ist: voraussetzungslos zu denken &#x2014; ein Ziel, das<lb/>
die Einzelwissenschaften sich grundsätzlich versagen, weil sie keinen<lb/>
Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzungen sachlicher und metho-<lb/>
discher Natur, thun; wogegen nur eine Selbsttäuschung die Philosophie<lb/>
den Punkt in ihr verleugnen lä&#x017F;st, an dem ein Machtspruch und der<lb/>
Appell an das Unbeweisbare in uns einsetzt und der freilich vermöge<lb/>
des Fortschritts der Beweisbarkeiten nie definitiv festliegt. Zeichnet der<lb/>
Beginn des philosophischen Gebietes hier gleichsam die untere Grenze<lb/>
des exakten, so liegt dessen obere da, wo die immer fragmentarischen<lb/>
Inhalte des positiven Wissens sich durch abschlie&#x017F;sende Begriffe zu<lb/>
einem Weltbild zu ergänzen und auf die Ganzheit des Lebens zu be-<lb/>
ziehen verlangen. Wenn die Geschichte der Wissenschaften wirklich<lb/>
die philosophische Erkenntnisart als die primitive zeigt, als einen blo&#x017F;sen<lb/>
Überschlag über die Erscheinungen in allgemeinen Begriffen &#x2014; so ist<lb/>
dieses vorläufige Verfahren doch noch nicht allen Fragen gegenüber<lb/>
entbehrlich, nämlich denjenigen, besonders den Wertungen und den<lb/>
allgemeinsten Zusammenhängen des geistigen Lebens angehörigen, auf<lb/>
die uns bis jetzt weder eine exakte Antwort noch ein Verzicht möglich<lb/>
ist. Ja vielleicht würde selbst die vollendete Empirie die Philosophie<lb/>
als eine Deutung, Färbung und individuell auswählende Betonung des<lb/>
Wirklichen grade so wenig ablösen, wie die Vollendung der mecha-<lb/>
nischen Reproduktion der Erscheinungen die bildende Kunst überflüssig<lb/>
machen würde.</p><lb/>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[[VII]/0015] Vorrede. Jede Forschungsprovinz hat zwei Grenzen, an denen die Denk- bewegung aus der exakten in die philosophische Form übergeht. Die Voraussetzungen des Erkennens überhaupt, wie die Axiome jedes Sondergebietes verlegen ihre Darstellung und Prüfung aus diesem letzteren hinaus in eine prinzipiellere Wissenschaft, deren im Unend- lichen liegendes Ziel ist: voraussetzungslos zu denken — ein Ziel, das die Einzelwissenschaften sich grundsätzlich versagen, weil sie keinen Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzungen sachlicher und metho- discher Natur, thun; wogegen nur eine Selbsttäuschung die Philosophie den Punkt in ihr verleugnen läſst, an dem ein Machtspruch und der Appell an das Unbeweisbare in uns einsetzt und der freilich vermöge des Fortschritts der Beweisbarkeiten nie definitiv festliegt. Zeichnet der Beginn des philosophischen Gebietes hier gleichsam die untere Grenze des exakten, so liegt dessen obere da, wo die immer fragmentarischen Inhalte des positiven Wissens sich durch abschlieſsende Begriffe zu einem Weltbild zu ergänzen und auf die Ganzheit des Lebens zu be- ziehen verlangen. Wenn die Geschichte der Wissenschaften wirklich die philosophische Erkenntnisart als die primitive zeigt, als einen bloſsen Überschlag über die Erscheinungen in allgemeinen Begriffen — so ist dieses vorläufige Verfahren doch noch nicht allen Fragen gegenüber entbehrlich, nämlich denjenigen, besonders den Wertungen und den allgemeinsten Zusammenhängen des geistigen Lebens angehörigen, auf die uns bis jetzt weder eine exakte Antwort noch ein Verzicht möglich ist. Ja vielleicht würde selbst die vollendete Empirie die Philosophie als eine Deutung, Färbung und individuell auswählende Betonung des Wirklichen grade so wenig ablösen, wie die Vollendung der mecha- nischen Reproduktion der Erscheinungen die bildende Kunst überflüssig machen würde.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/15
Zitationshilfe: Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900, S. [VII]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/15>, abgerufen am 23.03.2019.