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Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900.

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Erstes Kapitel.
Wert und Geld.

I.

Die Ordnung der Dinge, in die sie sich als natürliche Wirklich-
keiten einstellen, ruht auf der Voraussetzung, dass alle Mannigfaltig-
keit ihrer Eigenschaften von einer Einheit des Wesens getragen werde:
die Gleichheit vor dem Naturgesetz, die beharrenden Summen der Stoffe
und der Energien, die Umsetzbarkeit der verschiedenartigsten Er-
scheinungen ineinander versöhnen die Abstände des ersten Anblicks
in eine durchgängige Verwandtschaft, in eine Gleichberechtigtheit Aller.
Allein bei näherem Hinsehen bedeutet dieser Begriff doch nur, dass
die Erzeugnisse des Naturmechanismus als solche jenseits der Frage nach
einem Rechte stehen: ihre unverbrüchliche Bestimmtheit giebt keiner
Betonung Raum, von der ihrem Sein und Sosein noch Bestätigung
oder Abzug kommen könnte. Mit dieser gleichgültigen Notwendigkeit,
die das naturwissenschaftliche Bild der Dinge ausmacht, geben wir
uns dennoch ihnen gegenüber nicht zufrieden. Sondern, unbekümmert
um ihre Ordnung in jener Reihe, verleihen wir ihrem inneren Bilde
eine andere, in der die Allgleichheit völlig durchbrochen ist, in der
die höchste Erhebung des einen Punktes neben dem entschiedensten
Herabdrücken des anderen steht und deren tiefstes Wesen nicht die
Einheit, sondern der Unterschied ist: die Rangierung nach Werten.
Dass Gegenstände, Gedanken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist
aus ihrem bloss natürlichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen;
und ihre Ordnung, den Werten gemäss vollzogen, weicht von der
natürlichen aufs weiteste ab. Unzählige Male vernichtet die Natur
das, was vom Gesichtspunkt seines Wertes aus eine längste Dauer
fordern könnte und konserviert das Wertloseste, ja, dasjenige, was dem
Wertvollen den Existenzraum benimmt. Damit ist nicht etwa eine

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Erstes Kapitel.
Wert und Geld.

I.

Die Ordnung der Dinge, in die sie sich als natürliche Wirklich-
keiten einstellen, ruht auf der Voraussetzung, daſs alle Mannigfaltig-
keit ihrer Eigenschaften von einer Einheit des Wesens getragen werde:
die Gleichheit vor dem Naturgesetz, die beharrenden Summen der Stoffe
und der Energien, die Umsetzbarkeit der verschiedenartigsten Er-
scheinungen ineinander versöhnen die Abstände des ersten Anblicks
in eine durchgängige Verwandtschaft, in eine Gleichberechtigtheit Aller.
Allein bei näherem Hinsehen bedeutet dieser Begriff doch nur, daſs
die Erzeugnisse des Naturmechanismus als solche jenseits der Frage nach
einem Rechte stehen: ihre unverbrüchliche Bestimmtheit giebt keiner
Betonung Raum, von der ihrem Sein und Sosein noch Bestätigung
oder Abzug kommen könnte. Mit dieser gleichgültigen Notwendigkeit,
die das naturwissenschaftliche Bild der Dinge ausmacht, geben wir
uns dennoch ihnen gegenüber nicht zufrieden. Sondern, unbekümmert
um ihre Ordnung in jener Reihe, verleihen wir ihrem inneren Bilde
eine andere, in der die Allgleichheit völlig durchbrochen ist, in der
die höchste Erhebung des einen Punktes neben dem entschiedensten
Herabdrücken des anderen steht und deren tiefstes Wesen nicht die
Einheit, sondern der Unterschied ist: die Rangierung nach Werten.
Daſs Gegenstände, Gedanken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist
aus ihrem bloſs natürlichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen;
und ihre Ordnung, den Werten gemäſs vollzogen, weicht von der
natürlichen aufs weiteste ab. Unzählige Male vernichtet die Natur
das, was vom Gesichtspunkt seines Wertes aus eine längste Dauer
fordern könnte und konserviert das Wertloseste, ja, dasjenige, was dem
Wertvollen den Existenzraum benimmt. Damit ist nicht etwa eine

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[[3]/0027] Erstes Kapitel. Wert und Geld. I. Die Ordnung der Dinge, in die sie sich als natürliche Wirklich- keiten einstellen, ruht auf der Voraussetzung, daſs alle Mannigfaltig- keit ihrer Eigenschaften von einer Einheit des Wesens getragen werde: die Gleichheit vor dem Naturgesetz, die beharrenden Summen der Stoffe und der Energien, die Umsetzbarkeit der verschiedenartigsten Er- scheinungen ineinander versöhnen die Abstände des ersten Anblicks in eine durchgängige Verwandtschaft, in eine Gleichberechtigtheit Aller. Allein bei näherem Hinsehen bedeutet dieser Begriff doch nur, daſs die Erzeugnisse des Naturmechanismus als solche jenseits der Frage nach einem Rechte stehen: ihre unverbrüchliche Bestimmtheit giebt keiner Betonung Raum, von der ihrem Sein und Sosein noch Bestätigung oder Abzug kommen könnte. Mit dieser gleichgültigen Notwendigkeit, die das naturwissenschaftliche Bild der Dinge ausmacht, geben wir uns dennoch ihnen gegenüber nicht zufrieden. Sondern, unbekümmert um ihre Ordnung in jener Reihe, verleihen wir ihrem inneren Bilde eine andere, in der die Allgleichheit völlig durchbrochen ist, in der die höchste Erhebung des einen Punktes neben dem entschiedensten Herabdrücken des anderen steht und deren tiefstes Wesen nicht die Einheit, sondern der Unterschied ist: die Rangierung nach Werten. Daſs Gegenstände, Gedanken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist aus ihrem bloſs natürlichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen; und ihre Ordnung, den Werten gemäſs vollzogen, weicht von der natürlichen aufs weiteste ab. Unzählige Male vernichtet die Natur das, was vom Gesichtspunkt seines Wertes aus eine längste Dauer fordern könnte und konserviert das Wertloseste, ja, dasjenige, was dem Wertvollen den Existenzraum benimmt. Damit ist nicht etwa eine 1*

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Zitationshilfe: Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900, S. [3]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/27>, abgerufen am 24.03.2019.