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Spener, Philipp Jakob: Theologische Bedencken. Bd. 1. Halle (Saale), 1700.

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Das andere Capitel.
sonderlich die einige scheinbare exceptiones leiden/ übergehet. Sonsten geschie-
het leicht/ daß ein wiedriger sich an die schwächste macht/ und wenn er denn etwas
dagegen findet/ damit die gantze sache gewonnen achtet. Wie ich weiß/ daß ge-
lehrten leuten begegnet/ wo sie einen widersacher zu widerlegen vorgenommen/
und in ihm alles/ auch zuweilen ort/ die noch hätten passiret werden können/ angegrif-
fen/ daß sie damit gelegenheit gegeben haben/ daß diese mit rettung einiger solchen
unnöthig angegriffener stellen/ das ansehen einer völligen victorie sich gemacht ha-
ben. Also wo wir eine sünde straffen/ und bey denen argumentis allein bleiben-
de/ die unwiedersprechlich sind/ die gewissen convinciren könten/ geschiehet hinge-
gen wol/ wann wir sie in einigen dinge exaggeriren/ da noch etwas dagegen zu sa-
gen ist/ das die schuldige so bald dadurch ihr schlupffloch nehmen.

Dieses wären meine unmaßgebliche gedancken über die sache/ wo sich mein
werther bruder versichern kan/ daß solche mit redlichen hertzen und liebreicher vor-
sorge vor ihn hiermit communicire/ als der ich in der gantzen sache (wo mir auch
der adversarius, nicht bekannt/ und ich aus allem nicht die beste impression von
ihm machen kan) nichts anders suche/ als wie ihre kirche in ruhe gebracht und er-
halten/ die mehrere erbauung auff füglichste weise introduciret/ allen ärgernissen
abgeholffen/ und seine liebe person und gaben also so wohl erhalten/ als mit meh-
rern seegen und succeß von oben herab befördert werden mögen/ darzu ein grosses
thun wird/ wo mein geliebter bruder nach 2. Tim. 2/ 24. 25. 26. (welchen ort ich
mir sonderlich auch vor mich selbs zur regel genommen habe) sich mehr und mehr
gewehnen wird/ zwar die widerspenstige zu straffen/ aber auch die bösen mit sanfft-
muth/ freundlichkeit und grosser gedult zutragen/ damit die liebe erweiche/ was
sonsten aller schein einer härtigkeit mehr verhärtete. Jch unterlasse auch nicht dem
HErrn davor hertzlich anzuruffen/ mich gleicher brüderlicher vorbitte versichren-
de. 1687.

SECTIO XXXII.
Von denen aus dem Papstum zu unskommenden/
und wie man ihnen zubegegnen.

ES ist nicht ohne/ daß den leuten (den Päpst. Proselytis) nicht insge-
mein begegnet werde/ wie solte; aber gewißlich der allermeisten condi-
te ist schuld daran. Jch beschuldige sie nicht insgemein der unbeständig-
keit in der confession und besorglichen rückfalls/ aber dieses bekenne/ daß ich all
zuwenige gesehen/ unter denen so vielen/ welche mir vorgekommen/ von denen
wahrhafftig hätte sagen können/ daß sie bekehrt gewesen/ sondern es war insge-
mein eine änderung allein der profession, da im übrigen die hertzen einmal so fleisch-

lich

Das andere Capitel.
ſonderlich die einige ſcheinbare exceptiones leiden/ uͤbergehet. Sonſten geſchie-
het leicht/ daß ein wiedriger ſich an die ſchwaͤchſte macht/ und wenn er denn etwas
dagegen findet/ damit die gantze ſache gewonnen achtet. Wie ich weiß/ daß ge-
lehrten leuten begegnet/ wo ſie einen widerſacher zu widerlegen vorgenommen/
und in ihm alles/ auch zuweilen ort/ die noch haͤtten paſſiret werden koͤñen/ angegrif-
fen/ daß ſie damit gelegenheit gegeben haben/ daß dieſe mit rettung einiger ſolchen
unnoͤthig angegriffener ſtellen/ das anſehen einer voͤlligen victorie ſich gemacht ha-
ben. Alſo wo wir eine ſuͤnde ſtraffen/ und bey denen argumentis allein bleiben-
de/ die unwiederſprechlich ſind/ die gewiſſen convinciren koͤnten/ geſchiehet hinge-
gen wol/ wann wir ſie in einigen dinge exaggeriren/ da noch etwas dagegen zu ſa-
gen iſt/ das die ſchuldige ſo bald dadurch ihr ſchlupffloch nehmen.

Dieſes waͤren meine unmaßgebliche gedancken uͤber die ſache/ wo ſich mein
werther bruder verſichern kan/ daß ſolche mit redlichen hertzen und liebreicher vor-
ſorge vor ihn hiermit communicire/ als der ich in der gantzen ſache (wo mir auch
der adverſarius, nicht bekannt/ und ich aus allem nicht die beſte impreſſion von
ihm machen kan) nichts anders ſuche/ als wie ihre kirche in ruhe gebracht und er-
halten/ die mehrere erbauung auff fuͤglichſte weiſe introduciret/ allen aͤrgerniſſen
abgeholffen/ und ſeine liebe perſon und gaben alſo ſo wohl erhalten/ als mit meh-
rern ſeegen und ſucceß von oben herab befoͤrdert werden moͤgen/ darzu ein groſſes
thun wird/ wo mein geliebter bruder nach 2. Tim. 2/ 24. 25. 26. (welchen ort ich
mir ſonderlich auch vor mich ſelbs zur regel genommen habe) ſich mehr und mehr
gewehnen wird/ zwar die widerſpenſtige zu ſtraffen/ aber auch die boͤſen mit ſanfft-
muth/ freundlichkeit und groſſer gedult zutragen/ damit die liebe erweiche/ was
ſonſten aller ſchein einer haͤrtigkeit mehr verhaͤrtete. Jch unterlaſſe auch nicht dem
HErrn davor hertzlich anzuruffen/ mich gleicher bruͤderlicher vorbitte verſichren-
de. 1687.

SECTIO XXXII.
Von denen aus dem Papſtum zu unskommenden/
und wie man ihnen zubegegnen.

ES iſt nicht ohne/ daß den leuten (den Paͤpſt. Proſelytis) nicht insge-
mein begegnet werde/ wie ſolte; aber gewißlich der allermeiſten condi-
te iſt ſchuld daran. Jch beſchuldige ſie nicht insgemein der unbeſtaͤndig-
keit in der confeſſion und beſorglichen ruͤckfalls/ aber dieſes bekenne/ daß ich all
zuwenige geſehen/ unter denen ſo vielen/ welche mir vorgekommen/ von denen
wahrhafftig haͤtte ſagen koͤnnen/ daß ſie bekehrt geweſen/ ſondern es war insge-
mein eine aͤnderung allein der profeſſion, da im uͤbrigen die hertzen einmal ſo fleiſch-

lich
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[116/0916] Das andere Capitel. ſonderlich die einige ſcheinbare exceptiones leiden/ uͤbergehet. Sonſten geſchie- het leicht/ daß ein wiedriger ſich an die ſchwaͤchſte macht/ und wenn er denn etwas dagegen findet/ damit die gantze ſache gewonnen achtet. Wie ich weiß/ daß ge- lehrten leuten begegnet/ wo ſie einen widerſacher zu widerlegen vorgenommen/ und in ihm alles/ auch zuweilen ort/ die noch haͤtten paſſiret werden koͤñen/ angegrif- fen/ daß ſie damit gelegenheit gegeben haben/ daß dieſe mit rettung einiger ſolchen unnoͤthig angegriffener ſtellen/ das anſehen einer voͤlligen victorie ſich gemacht ha- ben. Alſo wo wir eine ſuͤnde ſtraffen/ und bey denen argumentis allein bleiben- de/ die unwiederſprechlich ſind/ die gewiſſen convinciren koͤnten/ geſchiehet hinge- gen wol/ wann wir ſie in einigen dinge exaggeriren/ da noch etwas dagegen zu ſa- gen iſt/ das die ſchuldige ſo bald dadurch ihr ſchlupffloch nehmen. Dieſes waͤren meine unmaßgebliche gedancken uͤber die ſache/ wo ſich mein werther bruder verſichern kan/ daß ſolche mit redlichen hertzen und liebreicher vor- ſorge vor ihn hiermit communicire/ als der ich in der gantzen ſache (wo mir auch der adverſarius, nicht bekannt/ und ich aus allem nicht die beſte impreſſion von ihm machen kan) nichts anders ſuche/ als wie ihre kirche in ruhe gebracht und er- halten/ die mehrere erbauung auff fuͤglichſte weiſe introduciret/ allen aͤrgerniſſen abgeholffen/ und ſeine liebe perſon und gaben alſo ſo wohl erhalten/ als mit meh- rern ſeegen und ſucceß von oben herab befoͤrdert werden moͤgen/ darzu ein groſſes thun wird/ wo mein geliebter bruder nach 2. Tim. 2/ 24. 25. 26. (welchen ort ich mir ſonderlich auch vor mich ſelbs zur regel genommen habe) ſich mehr und mehr gewehnen wird/ zwar die widerſpenſtige zu ſtraffen/ aber auch die boͤſen mit ſanfft- muth/ freundlichkeit und groſſer gedult zutragen/ damit die liebe erweiche/ was ſonſten aller ſchein einer haͤrtigkeit mehr verhaͤrtete. Jch unterlaſſe auch nicht dem HErrn davor hertzlich anzuruffen/ mich gleicher bruͤderlicher vorbitte verſichren- de. 1687. SECTIO XXXII. Von denen aus dem Papſtum zu unskommenden/ und wie man ihnen zubegegnen. ES iſt nicht ohne/ daß den leuten (den Paͤpſt. Proſelytis) nicht insge- mein begegnet werde/ wie ſolte; aber gewißlich der allermeiſten condi- te iſt ſchuld daran. Jch beſchuldige ſie nicht insgemein der unbeſtaͤndig- keit in der confeſſion und beſorglichen ruͤckfalls/ aber dieſes bekenne/ daß ich all zuwenige geſehen/ unter denen ſo vielen/ welche mir vorgekommen/ von denen wahrhafftig haͤtte ſagen koͤnnen/ daß ſie bekehrt geweſen/ ſondern es war insge- mein eine aͤnderung allein der profeſſion, da im uͤbrigen die hertzen einmal ſo fleiſch- lich

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Zitationshilfe: Spener, Philipp Jakob: Theologische Bedencken. Bd. 1. Halle (Saale), 1700, S. 116. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/spener_bedencken01_1700/916>, abgerufen am 17.01.2020.