Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stein, Lorenz von: Die Verwaltungslehre. Bd. 2 (2,1). Stuttgart, 1866.

Bild:
<< vorherige Seite

Bevölkerungslehre (Literatur der Staatswissenschaft III. S. 428. 429) bei
Gelegenheit der sächsischen Volkszählungsvorschriften mit großem Nach-
druck auf das Uebergreifen der amtlichen Fragstellung "über die Grän-
zen der erlaubten Erkundigung" aufmerksam gemacht und die praktischen
Bedenken eines solchen Verfahrens hervorgehoben. Indem wir dem-
jenigen, was Mohl an dieser Stelle sagt, vollkommen beistimmen,
glauben wir in den obigen Sätzen in dem Rechtsprincip der Volks-
zählung die grundsätzliche Gränzbestimmung aufgestellt zu haben. Wir
bemerken nur, daß, so viel wir sehen, Mohl der Einzige ist, der bis-
her auf diesen nicht so gar unwichtigen Punkt hingewiesen hat.

3) Grundlage der Geschichte des Zählungswesens.

Erst diese Scheidung des öffentlichen Rechts der Zählungen von
ihrem weitergehenden Zwecke ergibt nun die Idee der Geschichte der
letzteren. Das Wesen dieser Geschichte, der Kern des Wechsels in den
betreffenden Vorschriften, besteht nämlich in dem Einfluß, den der Ent-
wicklungsgang der Bevölkerungslehre auf den Entwicklungsgang der
administrativen Zählung gehabt hat. Es ist kein Zweifel, daß die
letztere von der erstern vollständig beherrscht ist, und daß anderseits dieß
nur als eine höchst fördernde Thatsache für beide anerkannt werden
muß. Nur hat diese Thatsache wieder bewirkt, daß wir eigentlich noch
keine Geschichte der Zählungen haben, sondern daß dieselbe nur noch
als ein untergeordnetes Moment in der Geschichte der Theorie der Be-
völkerungslehre erscheint. Es ist daher charakteristisch, daß die National-
ökonomie sich zwar der Bevölkerungslehre bemächtigt hat, aber die
Zählungslehre ganz beiseite liegen läßt, wobei ihr die allgemeinen Systeme
der Staatswissenschaft vielfach mit gleicher Vernachlässigung vorauf-
gehen. In denselben Widerspruch fällt Rau mit seiner Volkswirth-
schaftspflege, während es Mohls Verdienst ist, der Zählung in der
sogenannten Polizeiwissenschaft die Stelle wiedergegeben zu haben, die
ihr siebenzig Jahre früher Justi in so klarer und trefflicher Weise an-
wies. Mohls Geschichte der Bevölkerungslehre ist noch immer das
beste, was wir darüber haben, und diese schöne Arbeit macht es uns
zum Theil möglich, uns hier auf die allgemeinen Gesichtspunkte zu
beschränken, deren Verfolgung uns dereinst neben der Geschichte der
Bevölkerungslehre auch die specielle Geschichte der Zählungen geben
wird. Jedenfalls werden sie ausreichen, um den gegenwärtigen Stand-
punkt des öffentlichen Rechts der Zählungen als Verwaltungsmaßregel
zu charakterisiren.

Zu dem Ende muß man wieder eine wesentliche Unterscheidung

Bevölkerungslehre (Literatur der Staatswiſſenſchaft III. S. 428. 429) bei
Gelegenheit der ſächſiſchen Volkszählungsvorſchriften mit großem Nach-
druck auf das Uebergreifen der amtlichen Fragſtellung „über die Grän-
zen der erlaubten Erkundigung“ aufmerkſam gemacht und die praktiſchen
Bedenken eines ſolchen Verfahrens hervorgehoben. Indem wir dem-
jenigen, was Mohl an dieſer Stelle ſagt, vollkommen beiſtimmen,
glauben wir in den obigen Sätzen in dem Rechtsprincip der Volks-
zählung die grundſätzliche Gränzbeſtimmung aufgeſtellt zu haben. Wir
bemerken nur, daß, ſo viel wir ſehen, Mohl der Einzige iſt, der bis-
her auf dieſen nicht ſo gar unwichtigen Punkt hingewieſen hat.

3) Grundlage der Geſchichte des Zählungsweſens.

Erſt dieſe Scheidung des öffentlichen Rechts der Zählungen von
ihrem weitergehenden Zwecke ergibt nun die Idee der Geſchichte der
letzteren. Das Weſen dieſer Geſchichte, der Kern des Wechſels in den
betreffenden Vorſchriften, beſteht nämlich in dem Einfluß, den der Ent-
wicklungsgang der Bevölkerungslehre auf den Entwicklungsgang der
adminiſtrativen Zählung gehabt hat. Es iſt kein Zweifel, daß die
letztere von der erſtern vollſtändig beherrſcht iſt, und daß anderſeits dieß
nur als eine höchſt fördernde Thatſache für beide anerkannt werden
muß. Nur hat dieſe Thatſache wieder bewirkt, daß wir eigentlich noch
keine Geſchichte der Zählungen haben, ſondern daß dieſelbe nur noch
als ein untergeordnetes Moment in der Geſchichte der Theorie der Be-
völkerungslehre erſcheint. Es iſt daher charakteriſtiſch, daß die National-
ökonomie ſich zwar der Bevölkerungslehre bemächtigt hat, aber die
Zählungslehre ganz beiſeite liegen läßt, wobei ihr die allgemeinen Syſteme
der Staatswiſſenſchaft vielfach mit gleicher Vernachläſſigung vorauf-
gehen. In denſelben Widerſpruch fällt Rau mit ſeiner Volkswirth-
ſchaftspflege, während es Mohls Verdienſt iſt, der Zählung in der
ſogenannten Polizeiwiſſenſchaft die Stelle wiedergegeben zu haben, die
ihr ſiebenzig Jahre früher Juſti in ſo klarer und trefflicher Weiſe an-
wies. Mohls Geſchichte der Bevölkerungslehre iſt noch immer das
beſte, was wir darüber haben, und dieſe ſchöne Arbeit macht es uns
zum Theil möglich, uns hier auf die allgemeinen Geſichtspunkte zu
beſchränken, deren Verfolgung uns dereinſt neben der Geſchichte der
Bevölkerungslehre auch die ſpecielle Geſchichte der Zählungen geben
wird. Jedenfalls werden ſie ausreichen, um den gegenwärtigen Stand-
punkt des öffentlichen Rechts der Zählungen als Verwaltungsmaßregel
zu charakteriſiren.

Zu dem Ende muß man wieder eine weſentliche Unterſcheidung

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <div n="6">
                  <div n="7">
                    <p><pb facs="#f0238" n="216"/>
Bevölkerungslehre (Literatur der Staatswi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft <hi rendition="#aq">III.</hi> S. 428. 429) bei<lb/>
Gelegenheit der &#x017F;äch&#x017F;i&#x017F;chen Volkszählungsvor&#x017F;chriften mit großem Nach-<lb/>
druck auf das Uebergreifen der amtlichen Frag&#x017F;tellung &#x201E;über die Grän-<lb/>
zen der erlaubten Erkundigung&#x201C; aufmerk&#x017F;am gemacht und die prakti&#x017F;chen<lb/>
Bedenken eines &#x017F;olchen Verfahrens hervorgehoben. Indem wir dem-<lb/>
jenigen, was <hi rendition="#g">Mohl</hi> an die&#x017F;er Stelle &#x017F;agt, vollkommen bei&#x017F;timmen,<lb/>
glauben wir in den obigen Sätzen in dem Rechtsprincip der Volks-<lb/>
zählung die grund&#x017F;ätzliche Gränzbe&#x017F;timmung aufge&#x017F;tellt zu haben. Wir<lb/>
bemerken nur, daß, &#x017F;o viel wir &#x017F;ehen, Mohl der Einzige i&#x017F;t, der bis-<lb/>
her auf die&#x017F;en nicht &#x017F;o gar unwichtigen Punkt hingewie&#x017F;en hat.</p>
                  </div><lb/>
                  <div n="7">
                    <head>3) <hi rendition="#g">Grundlage der Ge&#x017F;chichte des Zählungswe&#x017F;ens</hi>.</head><lb/>
                    <p>Er&#x017F;t die&#x017F;e Scheidung des öffentlichen Rechts der Zählungen von<lb/>
ihrem weitergehenden Zwecke ergibt nun die Idee der <hi rendition="#g">Ge&#x017F;chichte</hi> der<lb/>
letzteren. Das We&#x017F;en die&#x017F;er Ge&#x017F;chichte, der Kern des Wech&#x017F;els in den<lb/>
betreffenden Vor&#x017F;chriften, be&#x017F;teht nämlich in dem Einfluß, den der Ent-<lb/>
wicklungsgang der Bevölkerung<hi rendition="#g">slehre</hi> auf den Entwicklungsgang der<lb/>
admini&#x017F;trativen Zählung gehabt hat. Es i&#x017F;t kein Zweifel, daß die<lb/>
letztere von der er&#x017F;tern voll&#x017F;tändig beherr&#x017F;cht i&#x017F;t, und daß ander&#x017F;eits dieß<lb/>
nur als eine höch&#x017F;t fördernde That&#x017F;ache für beide anerkannt werden<lb/>
muß. Nur hat die&#x017F;e That&#x017F;ache wieder bewirkt, daß wir eigentlich noch<lb/>
keine Ge&#x017F;chichte der Zählungen haben, &#x017F;ondern daß die&#x017F;elbe nur noch<lb/>
als ein untergeordnetes Moment in der Ge&#x017F;chichte der Theorie der Be-<lb/>
völkerungslehre er&#x017F;cheint. Es i&#x017F;t daher charakteri&#x017F;ti&#x017F;ch, daß die National-<lb/>
ökonomie &#x017F;ich zwar der Bevölkerungslehre bemächtigt hat, aber die<lb/>
Zählungslehre ganz bei&#x017F;eite liegen läßt, wobei ihr die allgemeinen Sy&#x017F;teme<lb/>
der Staatswi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft vielfach mit gleicher Vernachlä&#x017F;&#x017F;igung vorauf-<lb/>
gehen. In den&#x017F;elben Wider&#x017F;pruch fällt <hi rendition="#g">Rau</hi> mit &#x017F;einer Volkswirth-<lb/>
&#x017F;chaftspflege, während es <hi rendition="#g">Mohls</hi> Verdien&#x017F;t i&#x017F;t, der Zählung in der<lb/>
&#x017F;ogenannten Polizeiwi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft die Stelle wiedergegeben zu haben, die<lb/>
ihr &#x017F;iebenzig Jahre früher <hi rendition="#g">Ju&#x017F;ti</hi> in &#x017F;o klarer und trefflicher Wei&#x017F;e an-<lb/>
wies. <hi rendition="#g">Mohls</hi> Ge&#x017F;chichte der Bevölkerungslehre i&#x017F;t noch immer das<lb/>
be&#x017F;te, was wir darüber haben, und die&#x017F;e &#x017F;chöne Arbeit macht es uns<lb/>
zum Theil möglich, uns hier auf die allgemeinen Ge&#x017F;ichtspunkte zu<lb/>
be&#x017F;chränken, deren Verfolgung uns derein&#x017F;t neben der Ge&#x017F;chichte der<lb/>
Bevölkerungslehre auch die &#x017F;pecielle Ge&#x017F;chichte der Zählungen geben<lb/>
wird. Jedenfalls werden &#x017F;ie ausreichen, um den gegenwärtigen Stand-<lb/>
punkt des öffentlichen Rechts der Zählungen als Verwaltungsmaßregel<lb/>
zu charakteri&#x017F;iren.</p><lb/>
                    <p>Zu dem Ende muß man wieder eine we&#x017F;entliche Unter&#x017F;cheidung<lb/></p>
                  </div>
                </div>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[216/0238] Bevölkerungslehre (Literatur der Staatswiſſenſchaft III. S. 428. 429) bei Gelegenheit der ſächſiſchen Volkszählungsvorſchriften mit großem Nach- druck auf das Uebergreifen der amtlichen Fragſtellung „über die Grän- zen der erlaubten Erkundigung“ aufmerkſam gemacht und die praktiſchen Bedenken eines ſolchen Verfahrens hervorgehoben. Indem wir dem- jenigen, was Mohl an dieſer Stelle ſagt, vollkommen beiſtimmen, glauben wir in den obigen Sätzen in dem Rechtsprincip der Volks- zählung die grundſätzliche Gränzbeſtimmung aufgeſtellt zu haben. Wir bemerken nur, daß, ſo viel wir ſehen, Mohl der Einzige iſt, der bis- her auf dieſen nicht ſo gar unwichtigen Punkt hingewieſen hat. 3) Grundlage der Geſchichte des Zählungsweſens. Erſt dieſe Scheidung des öffentlichen Rechts der Zählungen von ihrem weitergehenden Zwecke ergibt nun die Idee der Geſchichte der letzteren. Das Weſen dieſer Geſchichte, der Kern des Wechſels in den betreffenden Vorſchriften, beſteht nämlich in dem Einfluß, den der Ent- wicklungsgang der Bevölkerungslehre auf den Entwicklungsgang der adminiſtrativen Zählung gehabt hat. Es iſt kein Zweifel, daß die letztere von der erſtern vollſtändig beherrſcht iſt, und daß anderſeits dieß nur als eine höchſt fördernde Thatſache für beide anerkannt werden muß. Nur hat dieſe Thatſache wieder bewirkt, daß wir eigentlich noch keine Geſchichte der Zählungen haben, ſondern daß dieſelbe nur noch als ein untergeordnetes Moment in der Geſchichte der Theorie der Be- völkerungslehre erſcheint. Es iſt daher charakteriſtiſch, daß die National- ökonomie ſich zwar der Bevölkerungslehre bemächtigt hat, aber die Zählungslehre ganz beiſeite liegen läßt, wobei ihr die allgemeinen Syſteme der Staatswiſſenſchaft vielfach mit gleicher Vernachläſſigung vorauf- gehen. In denſelben Widerſpruch fällt Rau mit ſeiner Volkswirth- ſchaftspflege, während es Mohls Verdienſt iſt, der Zählung in der ſogenannten Polizeiwiſſenſchaft die Stelle wiedergegeben zu haben, die ihr ſiebenzig Jahre früher Juſti in ſo klarer und trefflicher Weiſe an- wies. Mohls Geſchichte der Bevölkerungslehre iſt noch immer das beſte, was wir darüber haben, und dieſe ſchöne Arbeit macht es uns zum Theil möglich, uns hier auf die allgemeinen Geſichtspunkte zu beſchränken, deren Verfolgung uns dereinſt neben der Geſchichte der Bevölkerungslehre auch die ſpecielle Geſchichte der Zählungen geben wird. Jedenfalls werden ſie ausreichen, um den gegenwärtigen Stand- punkt des öffentlichen Rechts der Zählungen als Verwaltungsmaßregel zu charakteriſiren. Zu dem Ende muß man wieder eine weſentliche Unterſcheidung

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stein_verwaltungslehre02_1866
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stein_verwaltungslehre02_1866/238
Zitationshilfe: Stein, Lorenz von: Die Verwaltungslehre. Bd. 2 (2,1). Stuttgart, 1866, S. 216. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stein_verwaltungslehre02_1866/238>, abgerufen am 25.03.2019.