Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894.

Bild:
<< vorherige Seite
XV. KAPITEL.

I. Die Zählkunst der Bakairi und der Ursprung der 2.

Die Zahlwörter der übrigen Stämme. -- Namen der Finger. Hersagen der Zahlwörter mit Finger-
geberden. Zählen von Gegenständen über 6; idem unter 6. Die rechte Hand tastet. Fälle
des praktischen Gebrauchs und Fehlen gesetzmässiger Zahlen. Fingergeberde nicht mimisch, sondern
rechnend. Räthsel der "2." "5" = "Hand" kein Vorbild, sondern eine (späte) Erfahrungs-
grenze. Entstehung der "2" durch Zerlegung eines Ganzen in seine Hälften. Die Dinge liefern
die Erfahrungsgrenze der "2"-Geberde. Abhängigkeit vom Tastsinn. Bestätigung durch die
Etymologie.

Die Bakairi hatten die Kunst des Zählens am wenigsten entwickelt. Betreffs
der übrigen Stämme beschränke ich mich, da ich die Zahlen in den Wörter-
verzeichnissen mitteile, auf wenige Bemerkungen.

Alle Stämme zählten erst die Finger der beiden Hände und dann die Zehen
der beiden Füsse ab. Sie begannen, mit Ausnahme der Bakairi, vom Daumen
der rechten Hand ab, zählten an den Fingern bis 5, gingen zum Daumen der
linken Hand über, rechneten hier bis 10 und wiederholten das Verfahren genau
so für die Füsse.

Wenn man die Zahlwörter auf ihre Bildung hin ansieht, so bemerkt man
bei allen Stämmen dass sie besondere Wörter für 1, 2, 3 haben, mit Ausnahme
der Bakairi, die ich vorläufig beiseite lasse, und der Trumai, deren Aufnahme
aber viel Unsicheres enthält; bei den Trumai steckt das Wort für 2 hurs in dem
für 3 hurstame. Dagegen haben die Trumai und mit ihnen nur die Waura (unsicher)
und die Kamayura ein ganz neues Wort für 4, während bei allen übrigen die 4
eine durch einen Zusatz veränderte 2 darstellt.

Für 5 haben die Trumai und die Auetö ein neues Wort, das nichts mit
"Hand" zu thun hat. Bei allen Andern, immer abgesehen von den Bakairi, steckt
die Hand in der 5. Die Kamayura sagen "Hand hört auf" yenepo momap
(Guarani mombab aufhören), die Töpferstämme sagen "1 Hand", die Nahuqua
"Hand" schlechthin.

Die Zahlen 6, 7, 8, 9 sind aus 1, 2, 3, 4 mit einem Zusatz gebildet. Nur
bei den Kamayura lautet dieser anders für 6 und 7 als für 8 und 9. Für 6 und
7 = 1 und 2 + verowak scheint die Bedeutung (Guarani guerobag) zu sein:
1 oder 2 werden vertauscht, wechseln.


XV. KAPITEL.

I. Die Zählkunst der Bakaïrí und der Ursprung der 2.

Die Zahlwörter der übrigen Stämme. — Namen der Finger. Hersagen der Zahlwörter mit Finger-
geberden. Zählen von Gegenständen über 6; idem unter 6. Die rechte Hand tastet. Fälle
des praktischen Gebrauchs und Fehlen gesetzmässiger Zahlen. Fingergeberde nicht mimisch, sondern
rechnend. Räthsel der »2.« »5« = »Hand« kein Vorbild, sondern eine (späte) Erfahrungs-
grenze. Entstehung der »2« durch Zerlegung eines Ganzen in seine Hälften. Die Dinge liefern
die Erfahrungsgrenze der »2«-Geberde. Abhängigkeit vom Tastsinn. Bestätigung durch die
Etymologie.

Die Bakaïrí hatten die Kunst des Zählens am wenigsten entwickelt. Betreffs
der übrigen Stämme beschränke ich mich, da ich die Zahlen in den Wörter-
verzeichnissen mitteile, auf wenige Bemerkungen.

Alle Stämme zählten erst die Finger der beiden Hände und dann die Zehen
der beiden Füsse ab. Sie begannen, mit Ausnahme der Bakaïrí, vom Daumen
der rechten Hand ab, zählten an den Fingern bis 5, gingen zum Daumen der
linken Hand über, rechneten hier bis 10 und wiederholten das Verfahren genau
so für die Füsse.

Wenn man die Zahlwörter auf ihre Bildung hin ansieht, so bemerkt man
bei allen Stämmen dass sie besondere Wörter für 1, 2, 3 haben, mit Ausnahme
der Bakaïrí, die ich vorläufig beiseite lasse, und der Trumaí, deren Aufnahme
aber viel Unsicheres enthält; bei den Trumaí steckt das Wort für 2 hurs in dem
für 3 hurstamé. Dagegen haben die Trumaí und mit ihnen nur die Waurá (unsicher)
und die Kamayurá ein ganz neues Wort für 4, während bei allen übrigen die 4
eine durch einen Zusatz veränderte 2 darstellt.

Für 5 haben die Trumaí und die Auetö́ ein neues Wort, das nichts mit
»Hand« zu thun hat. Bei allen Andern, immer abgesehen von den Bakaïrí, steckt
die Hand in der 5. Die Kamayurá sagen »Hand hört auf« yenepó momáp
(Guaraní mombáb aufhören), die Töpferstämme sagen »1 Hand«, die Nahuquá
»Hand» schlechthin.

Die Zahlen 6, 7, 8, 9 sind aus 1, 2, 3, 4 mit einem Zusatz gebildet. Nur
bei den Kamayurá lautet dieser anders für 6 und 7 als für 8 und 9. Für 6 und
7 = 1 und 2 + verowák scheint die Bedeutung (Guaraní guerobág) zu sein:
1 oder 2 werden vertauscht, wechseln.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0469" n="[405]"/>
      <div n="1">
        <head>XV. <hi rendition="#g">KAPITEL</hi>.<lb/><milestone rendition="#hr" unit="section"/> <hi rendition="#b">I. Die Zählkunst der Bakaïrí und der Ursprung der 2.</hi></head><lb/>
        <argument>
          <p> <hi rendition="#c">Die Zahlwörter der übrigen Stämme. &#x2014; Namen der Finger. Hersagen der Zahlwörter mit Finger-<lb/>
geberden. Zählen von <hi rendition="#g">Gegenständen</hi> über 6; idem unter 6. Die rechte Hand <hi rendition="#g">tastet</hi>. Fälle<lb/>
des praktischen Gebrauchs und Fehlen gesetzmässiger Zahlen. Fingergeberde nicht mimisch, sondern<lb/>
rechnend. Räthsel der »2.« »5« = »Hand« <hi rendition="#g">kein Vorbild</hi>, sondern eine (späte) Erfahrungs-<lb/>
grenze. Entstehung der »2« durch Zerlegung eines Ganzen in seine Hälften. Die Dinge liefern<lb/>
die Erfahrungsgrenze der »2«-Geberde. <hi rendition="#g">Abhängigkeit vom Tastsinn</hi>. Bestätigung durch die<lb/>
Etymologie.</hi> </p>
        </argument><lb/>
        <p>Die Bakaïrí hatten die Kunst des Zählens am wenigsten entwickelt. Betreffs<lb/>
der übrigen Stämme beschränke ich mich, da ich die Zahlen in den Wörter-<lb/>
verzeichnissen mitteile, auf wenige Bemerkungen.</p><lb/>
        <p>Alle Stämme zählten erst die Finger der beiden Hände und dann die Zehen<lb/>
der beiden Füsse ab. Sie begannen, mit Ausnahme der Bakaïrí, vom Daumen<lb/>
der rechten Hand ab, zählten an den Fingern bis 5, gingen zum Daumen der<lb/>
linken Hand über, rechneten hier bis 10 und wiederholten das Verfahren genau<lb/>
so für die Füsse.</p><lb/>
        <p>Wenn man die Zahlwörter auf ihre Bildung hin ansieht, so bemerkt man<lb/>
bei allen Stämmen dass sie besondere Wörter für 1, 2, 3 haben, mit Ausnahme<lb/>
der Bakaïrí, die ich vorläufig beiseite lasse, und der Trumaí, deren Aufnahme<lb/>
aber viel Unsicheres enthält; bei den Trumaí steckt das Wort <choice><sic>fur</sic><corr>für</corr></choice> 2 <hi rendition="#i">hurs</hi> in dem<lb/>
für 3 <hi rendition="#i">hurstamé</hi>. Dagegen haben die Trumaí und mit ihnen nur die Waurá (unsicher)<lb/>
und die Kamayurá ein ganz neues Wort für 4, während bei allen übrigen die 4<lb/>
eine durch einen Zusatz veränderte 2 darstellt.</p><lb/>
        <p>Für 5 haben die Trumaí und die Auetö&#x0301; ein neues Wort, das nichts mit<lb/>
»Hand« zu thun hat. Bei allen Andern, immer abgesehen von den Bakaïrí, steckt<lb/>
die <hi rendition="#g">Hand</hi> in der 5. Die Kamayurá sagen »Hand hört auf« <hi rendition="#i">yenepó momáp</hi><lb/>
(Guaraní <hi rendition="#i">mombáb</hi> aufhören), die Töpferstämme sagen »1 Hand«, die Nahuquá<lb/>
»Hand» schlechthin.</p><lb/>
        <p>Die Zahlen 6, 7, 8, 9 sind aus 1, 2, 3, 4 mit einem Zusatz gebildet. Nur<lb/>
bei den Kamayurá lautet dieser anders für 6 und 7 als für 8 und 9. Für 6 und<lb/>
7 = 1 und 2 + <hi rendition="#i">verowák</hi> scheint die Bedeutung (Guaraní <hi rendition="#i">guerobág</hi>) zu sein:<lb/>
1 oder 2 werden vertauscht, wechseln.</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[405]/0469] XV. KAPITEL. I. Die Zählkunst der Bakaïrí und der Ursprung der 2. Die Zahlwörter der übrigen Stämme. — Namen der Finger. Hersagen der Zahlwörter mit Finger- geberden. Zählen von Gegenständen über 6; idem unter 6. Die rechte Hand tastet. Fälle des praktischen Gebrauchs und Fehlen gesetzmässiger Zahlen. Fingergeberde nicht mimisch, sondern rechnend. Räthsel der »2.« »5« = »Hand« kein Vorbild, sondern eine (späte) Erfahrungs- grenze. Entstehung der »2« durch Zerlegung eines Ganzen in seine Hälften. Die Dinge liefern die Erfahrungsgrenze der »2«-Geberde. Abhängigkeit vom Tastsinn. Bestätigung durch die Etymologie. Die Bakaïrí hatten die Kunst des Zählens am wenigsten entwickelt. Betreffs der übrigen Stämme beschränke ich mich, da ich die Zahlen in den Wörter- verzeichnissen mitteile, auf wenige Bemerkungen. Alle Stämme zählten erst die Finger der beiden Hände und dann die Zehen der beiden Füsse ab. Sie begannen, mit Ausnahme der Bakaïrí, vom Daumen der rechten Hand ab, zählten an den Fingern bis 5, gingen zum Daumen der linken Hand über, rechneten hier bis 10 und wiederholten das Verfahren genau so für die Füsse. Wenn man die Zahlwörter auf ihre Bildung hin ansieht, so bemerkt man bei allen Stämmen dass sie besondere Wörter für 1, 2, 3 haben, mit Ausnahme der Bakaïrí, die ich vorläufig beiseite lasse, und der Trumaí, deren Aufnahme aber viel Unsicheres enthält; bei den Trumaí steckt das Wort für 2 hurs in dem für 3 hurstamé. Dagegen haben die Trumaí und mit ihnen nur die Waurá (unsicher) und die Kamayurá ein ganz neues Wort für 4, während bei allen übrigen die 4 eine durch einen Zusatz veränderte 2 darstellt. Für 5 haben die Trumaí und die Auetö́ ein neues Wort, das nichts mit »Hand« zu thun hat. Bei allen Andern, immer abgesehen von den Bakaïrí, steckt die Hand in der 5. Die Kamayurá sagen »Hand hört auf« yenepó momáp (Guaraní mombáb aufhören), die Töpferstämme sagen »1 Hand«, die Nahuquá »Hand» schlechthin. Die Zahlen 6, 7, 8, 9 sind aus 1, 2, 3, 4 mit einem Zusatz gebildet. Nur bei den Kamayurá lautet dieser anders für 6 und 7 als für 8 und 9. Für 6 und 7 = 1 und 2 + verowák scheint die Bedeutung (Guaraní guerobág) zu sein: 1 oder 2 werden vertauscht, wechseln.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894/469
Zitationshilfe: Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894, S. [405]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894/469>, abgerufen am 21.03.2019.