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Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894.

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III. Volksglaube in Cuyaba.


Unser Haus in Cuyaba war eine "casa assombrada" im guten und im schlechten Sinne,
"schattig" kühl und ein Haus, in dem es spukte; die schwarze, auch stark schattige Köchin
wollte uns kündigen und blieb nur, weil sie Abends in ihre eigene Wohnung ging. Wenn
Cuyaba und Umgebung ein, wie es scheint, von Geistern und Hexen besonders geliebter
Tummelplatz ist, so darf man nicht vergessen, dass die niedere Bevölkerung Zuflüsse für
den Volksglauben aus drei Weltteilen bezogen hat; Indianer, Neger und Europäer haben
sich zusammengethan. Obwohl gerade die letzteren es an reichhaltigsten Beiträgen nicht
haben fehlen lassen, so gelten doch namentlich die Neger als Schwarzkünstler ersten Ranges;
man nennt Hexerei oft schlechthin "Mandinga" und einen Hexenmeister "Mandingo" nach
dem Negervolk des südlichen Senegambiens, das viele Sklaven geliefert hat. Nicht selten
sieht man alte Neger, wie sie auf dem Wege vor sich hin murmeln, sich bücken und Zeichen
in den Sand kritzeln, und nimmt an, dass sie böse Geister vertreiben. Immer giebt es den
einen oder andern, der wegen seiner Schlangenmittel berühmt ist. Es wurde mir von zwei
Niederlassungen flüchtiger Sklaven (Quilombo) auf dem Wege nach Goyaz erzählt, wo man
sich gelegentlich um die Wette von Dorf zu Dorf verhexte. Aus dem einen Quilombo ent-
sandte man eine Kröte, der man ein Giftbeutelchen (eine kleine "Bruake") auf den Rücken
gehängt hatte, um Jemanden drüben zu töten, allein dort merkte man, wenn sie herankam,
rief "vai te embora" ("mach dich fort") und fügte einige Sprüchlein bei, die wieder hüben
Uebles stiften sollten. Die Kröte mit dem Gifttornisterchen wanderte hin und her, der
Stärkere siegte, auch wurde ein Gewehr in der Richtung zum Feinde hin abgeschossen und
dieser starb. -- Asien ferner stellt Vertreter in Gestalt von Zigeunern. Sie sollen gar
nicht selten unter den Moradores aufzufinden sein. Gelegentliche Besuche von Armeniern,
die ein paar Wochen von Dampfer zu Dampfer in Cuyaba bleiben, machen grossen Eindruck,
weil die Schmucksachen und Reliquien dem Sinne des Volkes vorzüglich entsprechen.

Bei der kurzen Zeit, die ich auf das Sammeln hierher gehöriger Dinge verwenden
konnte, bin ich nicht in der Lage, etwas Einheitliches und Vollständiges zu bieten; man wird
zumeist guten alten Bekannten begegnen, die man mit Verwunderung an so entlegenem Ort
eingebürgert sieht. Ich erhielt das Material teils von Landsleuten, die länger als anderthalb
Jahrzehnt in Cuyaba wohnten und dort mit mehr oder minder farbigen Frauen verheiratet
waren, von denen einer auch von der inneren Wahrheit der Angaben und namentlich von
den Zauberkünsten der Neger fest überzeugt war, teils von Brasiliern, insbesondere einem
katholischen Priester, geborenem Cuyabaner.

Goldmutter, mai de ouro. "Nach Golde drängt, am Golde hängt doch Alles!"
Frauen legen dem Neugeborenen Goldsachen schon in's erste Bad, damit er ein reicher Mann
werde. Es ist nicht mehr als billig, in dieser um der Goldminen willen gegründeten Stadt mit
der mai de ouro oder "Goldmutter", auf die so Mancher seine Hoffnung gesetzt hat, zu beginnen.

III. Volksglaube in Cuyabá.


Unser Haus in Cuyabá war eine „casa assombrada“ im guten und im schlechten Sinne,
»schattig« kühl und ein Haus, in dem es spukte; die schwarze, auch stark schattige Köchin
wollte uns kündigen und blieb nur, weil sie Abends in ihre eigene Wohnung ging. Wenn
Cuyabá und Umgebung ein, wie es scheint, von Geistern und Hexen besonders geliebter
Tummelplatz ist, so darf man nicht vergessen, dass die niedere Bevölkerung Zuflüsse für
den Volksglauben aus drei Weltteilen bezogen hat; Indianer, Neger und Europäer haben
sich zusammengethan. Obwohl gerade die letzteren es an reichhaltigsten Beiträgen nicht
haben fehlen lassen, so gelten doch namentlich die Neger als Schwarzkünstler ersten Ranges;
man nennt Hexerei oft schlechthin »Mandinga« und einen Hexenmeister »Mandingo« nach
dem Negervolk des südlichen Senegambiens, das viele Sklaven geliefert hat. Nicht selten
sieht man alte Neger, wie sie auf dem Wege vor sich hin murmeln, sich bücken und Zeichen
in den Sand kritzeln, und nimmt an, dass sie böse Geister vertreiben. Immer giebt es den
einen oder andern, der wegen seiner Schlangenmittel berühmt ist. Es wurde mir von zwei
Niederlassungen flüchtiger Sklaven (Quilombo) auf dem Wege nach Goyaz erzählt, wo man
sich gelegentlich um die Wette von Dorf zu Dorf verhexte. Aus dem einen Quilombo ent-
sandte man eine Kröte, der man ein Giftbeutelchen (eine kleine »Bruake«) auf den Rücken
gehängt hatte, um Jemanden drüben zu töten, allein dort merkte man, wenn sie herankam,
rief „vai te embora“ (»mach dich fort«) und fügte einige Sprüchlein bei, die wieder hüben
Uebles stiften sollten. Die Kröte mit dem Gifttornisterchen wanderte hin und her, der
Stärkere siegte, auch wurde ein Gewehr in der Richtung zum Feinde hin abgeschossen und
dieser starb. — Asien ferner stellt Vertreter in Gestalt von Zigeunern. Sie sollen gar
nicht selten unter den Moradores aufzufinden sein. Gelegentliche Besuche von Armeniern,
die ein paar Wochen von Dampfer zu Dampfer in Cuyabá bleiben, machen grossen Eindruck,
weil die Schmucksachen und Reliquien dem Sinne des Volkes vorzüglich entsprechen.

Bei der kurzen Zeit, die ich auf das Sammeln hierher gehöriger Dinge verwenden
konnte, bin ich nicht in der Lage, etwas Einheitliches und Vollständiges zu bieten; man wird
zumeist guten alten Bekannten begegnen, die man mit Verwunderung an so entlegenem Ort
eingebürgert sieht. Ich erhielt das Material teils von Landsleuten, die länger als anderthalb
Jahrzehnt in Cuyabá wohnten und dort mit mehr oder minder farbigen Frauen verheiratet
waren, von denen einer auch von der inneren Wahrheit der Angaben und namentlich von
den Zauberkünsten der Neger fest überzeugt war, teils von Brasiliern, insbesondere einem
katholischen Priester, geborenem Cuyabaner.

Goldmutter, mãi de ouro. »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch Alles!«
Frauen legen dem Neugeborenen Goldsachen schon in’s erste Bad, damit er ein reicher Mann
werde. Es ist nicht mehr als billig, in dieser um der Goldminen willen gegründeten Stadt mit
der mâi de ouro oder »Goldmutter«, auf die so Mancher seine Hoffnung gesetzt hat, zu beginnen.

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[[553]/0629] III. Volksglaube in Cuyabá. Unser Haus in Cuyabá war eine „casa assombrada“ im guten und im schlechten Sinne, »schattig« kühl und ein Haus, in dem es spukte; die schwarze, auch stark schattige Köchin wollte uns kündigen und blieb nur, weil sie Abends in ihre eigene Wohnung ging. Wenn Cuyabá und Umgebung ein, wie es scheint, von Geistern und Hexen besonders geliebter Tummelplatz ist, so darf man nicht vergessen, dass die niedere Bevölkerung Zuflüsse für den Volksglauben aus drei Weltteilen bezogen hat; Indianer, Neger und Europäer haben sich zusammengethan. Obwohl gerade die letzteren es an reichhaltigsten Beiträgen nicht haben fehlen lassen, so gelten doch namentlich die Neger als Schwarzkünstler ersten Ranges; man nennt Hexerei oft schlechthin »Mandinga« und einen Hexenmeister »Mandingo« nach dem Negervolk des südlichen Senegambiens, das viele Sklaven geliefert hat. Nicht selten sieht man alte Neger, wie sie auf dem Wege vor sich hin murmeln, sich bücken und Zeichen in den Sand kritzeln, und nimmt an, dass sie böse Geister vertreiben. Immer giebt es den einen oder andern, der wegen seiner Schlangenmittel berühmt ist. Es wurde mir von zwei Niederlassungen flüchtiger Sklaven (Quilombo) auf dem Wege nach Goyaz erzählt, wo man sich gelegentlich um die Wette von Dorf zu Dorf verhexte. Aus dem einen Quilombo ent- sandte man eine Kröte, der man ein Giftbeutelchen (eine kleine »Bruake«) auf den Rücken gehängt hatte, um Jemanden drüben zu töten, allein dort merkte man, wenn sie herankam, rief „vai te embora“ (»mach dich fort«) und fügte einige Sprüchlein bei, die wieder hüben Uebles stiften sollten. Die Kröte mit dem Gifttornisterchen wanderte hin und her, der Stärkere siegte, auch wurde ein Gewehr in der Richtung zum Feinde hin abgeschossen und dieser starb. — Asien ferner stellt Vertreter in Gestalt von Zigeunern. Sie sollen gar nicht selten unter den Moradores aufzufinden sein. Gelegentliche Besuche von Armeniern, die ein paar Wochen von Dampfer zu Dampfer in Cuyabá bleiben, machen grossen Eindruck, weil die Schmucksachen und Reliquien dem Sinne des Volkes vorzüglich entsprechen. Bei der kurzen Zeit, die ich auf das Sammeln hierher gehöriger Dinge verwenden konnte, bin ich nicht in der Lage, etwas Einheitliches und Vollständiges zu bieten; man wird zumeist guten alten Bekannten begegnen, die man mit Verwunderung an so entlegenem Ort eingebürgert sieht. Ich erhielt das Material teils von Landsleuten, die länger als anderthalb Jahrzehnt in Cuyabá wohnten und dort mit mehr oder minder farbigen Frauen verheiratet waren, von denen einer auch von der inneren Wahrheit der Angaben und namentlich von den Zauberkünsten der Neger fest überzeugt war, teils von Brasiliern, insbesondere einem katholischen Priester, geborenem Cuyabaner. Goldmutter, mãi de ouro. »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch Alles!« Frauen legen dem Neugeborenen Goldsachen schon in’s erste Bad, damit er ein reicher Mann werde. Es ist nicht mehr als billig, in dieser um der Goldminen willen gegründeten Stadt mit der mâi de ouro oder »Goldmutter«, auf die so Mancher seine Hoffnung gesetzt hat, zu beginnen.

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Zitationshilfe: Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894, S. [553]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894/629>, abgerufen am 20.03.2019.