Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

I. S. 315); aber auch an einer andern Stelle (das. II. S. 143)
wird viel weniger -- und vielleicht gar nicht -- Herbarts An-
sicht, als vielmehr Becker getroffen.

§. 38. Schluß.

Wir schließen hiermit Beckers Theorie der Erkenntniß.
Einen Punkt, der hier noch zu erörtern wäre, den Unterschied
zwischen Erkennen und Darstellen, werden wir bald an geeig-
neter Stelle zu besprechen haben. Fassen wir also jetzt unser
Urtheil über Beckers wissenschaftliche Forschungsweise, Princip
und Methode zusammen.

Wir wissen jetzt, wie das Erkennen im Gegensatze zur
sinnlichen Anschauung darin besteht, die realen Dinge als in sich
und unter einander entgegengesetzt aufzufassen. Die Bedeutung
des Gegensatzes wurde aber näher bestimmt als der Gegensatz
vom Allgemeinen und Besondern, der sich ewig wiederholt. Da
er sich nun aber erstlich in jedem Dinge ebenso wie in den andern
wiederholt, so werden die Dinge einander gleichgültig, und man
sieht nicht im mindesten, was sie in die Spannung eines Gegensatzes
zu einander versetzen könne; da aber auch ferner das Allge-
meine und Besondere sich als völlig haltlose, durchaus willkür-
lich verwendete Bestimmungen ergeben haben, so schwindet der
Gegensatz völlig und wird zu einer leeren Form, d. h. zu einer
Form, die genau genommen gar keine ist, eine behauptete, aber
durchaus bestimmungslose Form, die reine Willkür. So geht denn
auch alles hinein, da sie nichts umschließt und nichts anderes
ist als die maßlose Leere. Gelegentlich findet man darum in
diese Form des Gegensatzes gestellt: das Allgemeine und Be-
sondere, Thätigkeit und Sein, Ganzes und Theile, Inneres und
Aeußeres, Organ und Function, Materie und Kraft, positive
und negative Kraft, die chemischen Elemente, die Farben, Nerv
und Muskel, Sonne und Planeten, Pflanze und Thier, Gedanke
und Sprache, Wurzel und Endung u. s. w. u. s. w.; und in allen
diesen Verhältnissen sieht Becker eins: Gegensatz. Der Grund,
das Wesen, der Inhalt dieser Verhältnisse bleibt unbeachtet; sie
stehen im Gegensatze: das ist ihre Erkenntniß. So genügt ihm
der Name, die leere Schale des Gegensatzes, sie, die weniger
ist als das Unorganische, die nichts ist als Leere. Die Kate-
gorie des Gegensatzes ist bei Becker die volle Nacht, in der
nichts erkannt wird, in der die Dinge bloß als Flecke erschei-
nen, die sich vor dem allgemeinen sie umhüllenden Dunkel

I. S. 315); aber auch an einer andern Stelle (das. II. S. 143)
wird viel weniger — und vielleicht gar nicht — Herbarts An-
sicht, als vielmehr Becker getroffen.

§. 38. Schluß.

Wir schließen hiermit Beckers Theorie der Erkenntniß.
Einen Punkt, der hier noch zu erörtern wäre, den Unterschied
zwischen Erkennen und Darstellen, werden wir bald an geeig-
neter Stelle zu besprechen haben. Fassen wir also jetzt unser
Urtheil über Beckers wissenschaftliche Forschungsweise, Princip
und Methode zusammen.

Wir wissen jetzt, wie das Erkennen im Gegensatze zur
sinnlichen Anschauung darin besteht, die realen Dinge als in sich
und unter einander entgegengesetzt aufzufassen. Die Bedeutung
des Gegensatzes wurde aber näher bestimmt als der Gegensatz
vom Allgemeinen und Besondern, der sich ewig wiederholt. Da
er sich nun aber erstlich in jedem Dinge ebenso wie in den andern
wiederholt, so werden die Dinge einander gleichgültig, und man
sieht nicht im mindesten, was sie in die Spannung eines Gegensatzes
zu einander versetzen könne; da aber auch ferner das Allge-
meine und Besondere sich als völlig haltlose, durchaus willkür-
lich verwendete Bestimmungen ergeben haben, so schwindet der
Gegensatz völlig und wird zu einer leeren Form, d. h. zu einer
Form, die genau genommen gar keine ist, eine behauptete, aber
durchaus bestimmungslose Form, die reine Willkür. So geht denn
auch alles hinein, da sie nichts umschließt und nichts anderes
ist als die maßlose Leere. Gelegentlich findet man darum in
diese Form des Gegensatzes gestellt: das Allgemeine und Be-
sondere, Thätigkeit und Sein, Ganzes und Theile, Inneres und
Aeußeres, Organ und Function, Materie und Kraft, positive
und negative Kraft, die chemischen Elemente, die Farben, Nerv
und Muskel, Sonne und Planeten, Pflanze und Thier, Gedanke
und Sprache, Wurzel und Endung u. s. w. u. s. w.; und in allen
diesen Verhältnissen sieht Becker eins: Gegensatz. Der Grund,
das Wesen, der Inhalt dieser Verhältnisse bleibt unbeachtet; sie
stehen im Gegensatze: das ist ihre Erkenntniß. So genügt ihm
der Name, die leere Schale des Gegensatzes, sie, die weniger
ist als das Unorganische, die nichts ist als Leere. Die Kate-
gorie des Gegensatzes ist bei Becker die volle Nacht, in der
nichts erkannt wird, in der die Dinge bloß als Flecke erschei-
nen, die sich vor dem allgemeinen sie umhüllenden Dunkel

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0132" n="94"/>
I. S. 315); aber auch an einer andern Stelle (das. II. S. 143)<lb/>
wird viel weniger &#x2014; und vielleicht gar nicht &#x2014; Herbarts An-<lb/>
sicht, als vielmehr Becker getroffen.</p>
              </div><lb/>
              <div n="5">
                <head>§. 38. Schluß.</head><lb/>
                <p>Wir schließen hiermit Beckers Theorie der Erkenntniß.<lb/>
Einen Punkt, der hier noch zu erörtern wäre, den Unterschied<lb/>
zwischen Erkennen und Darstellen, werden wir bald an geeig-<lb/>
neter Stelle zu besprechen haben. Fassen wir also jetzt unser<lb/>
Urtheil über Beckers wissenschaftliche Forschungsweise, Princip<lb/>
und Methode zusammen.</p><lb/>
                <p>Wir wissen jetzt, wie das Erkennen im Gegensatze zur<lb/>
sinnlichen Anschauung darin besteht, die realen Dinge als in sich<lb/>
und unter einander entgegengesetzt aufzufassen. Die Bedeutung<lb/>
des Gegensatzes wurde aber näher bestimmt als der Gegensatz<lb/>
vom Allgemeinen und Besondern, der sich ewig wiederholt. Da<lb/>
er sich nun aber erstlich in jedem Dinge ebenso wie in den andern<lb/>
wiederholt, so werden die Dinge einander gleichgültig, und man<lb/>
sieht nicht im mindesten, was sie in die Spannung eines Gegensatzes<lb/>
zu einander versetzen könne; da aber auch ferner das Allge-<lb/>
meine und Besondere sich als völlig haltlose, durchaus willkür-<lb/>
lich verwendete Bestimmungen ergeben haben, so schwindet der<lb/>
Gegensatz völlig und wird zu einer leeren Form, d. h. zu einer<lb/>
Form, die genau genommen gar keine ist, eine behauptete, aber<lb/>
durchaus bestimmungslose Form, die reine Willkür. So geht denn<lb/>
auch alles hinein, da sie nichts umschließt und nichts anderes<lb/>
ist als die maßlose Leere. Gelegentlich findet man darum in<lb/>
diese Form des Gegensatzes gestellt: das Allgemeine und Be-<lb/>
sondere, Thätigkeit und Sein, Ganzes und Theile, Inneres und<lb/>
Aeußeres, Organ und Function, Materie und Kraft, positive<lb/>
und negative Kraft, die chemischen Elemente, die Farben, Nerv<lb/>
und Muskel, Sonne und Planeten, Pflanze und Thier, Gedanke<lb/>
und Sprache, Wurzel und Endung u. s. w. u. s. w.; und in allen<lb/>
diesen Verhältnissen sieht Becker <hi rendition="#g">eins:</hi> Gegensatz. Der Grund,<lb/>
das Wesen, der Inhalt dieser Verhältnisse bleibt unbeachtet; sie<lb/>
stehen im Gegensatze: das ist ihre Erkenntniß. So genügt ihm<lb/>
der Name, die leere Schale des Gegensatzes, sie, die weniger<lb/>
ist als das Unorganische, die nichts ist als Leere. Die Kate-<lb/>
gorie des Gegensatzes ist bei Becker die volle Nacht, in der<lb/>
nichts erkannt wird, in der die Dinge bloß als Flecke erschei-<lb/>
nen, die sich vor dem <hi rendition="#g">allgemeinen</hi> sie umhüllenden Dunkel<lb/></p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[94/0132] I. S. 315); aber auch an einer andern Stelle (das. II. S. 143) wird viel weniger — und vielleicht gar nicht — Herbarts An- sicht, als vielmehr Becker getroffen. §. 38. Schluß. Wir schließen hiermit Beckers Theorie der Erkenntniß. Einen Punkt, der hier noch zu erörtern wäre, den Unterschied zwischen Erkennen und Darstellen, werden wir bald an geeig- neter Stelle zu besprechen haben. Fassen wir also jetzt unser Urtheil über Beckers wissenschaftliche Forschungsweise, Princip und Methode zusammen. Wir wissen jetzt, wie das Erkennen im Gegensatze zur sinnlichen Anschauung darin besteht, die realen Dinge als in sich und unter einander entgegengesetzt aufzufassen. Die Bedeutung des Gegensatzes wurde aber näher bestimmt als der Gegensatz vom Allgemeinen und Besondern, der sich ewig wiederholt. Da er sich nun aber erstlich in jedem Dinge ebenso wie in den andern wiederholt, so werden die Dinge einander gleichgültig, und man sieht nicht im mindesten, was sie in die Spannung eines Gegensatzes zu einander versetzen könne; da aber auch ferner das Allge- meine und Besondere sich als völlig haltlose, durchaus willkür- lich verwendete Bestimmungen ergeben haben, so schwindet der Gegensatz völlig und wird zu einer leeren Form, d. h. zu einer Form, die genau genommen gar keine ist, eine behauptete, aber durchaus bestimmungslose Form, die reine Willkür. So geht denn auch alles hinein, da sie nichts umschließt und nichts anderes ist als die maßlose Leere. Gelegentlich findet man darum in diese Form des Gegensatzes gestellt: das Allgemeine und Be- sondere, Thätigkeit und Sein, Ganzes und Theile, Inneres und Aeußeres, Organ und Function, Materie und Kraft, positive und negative Kraft, die chemischen Elemente, die Farben, Nerv und Muskel, Sonne und Planeten, Pflanze und Thier, Gedanke und Sprache, Wurzel und Endung u. s. w. u. s. w.; und in allen diesen Verhältnissen sieht Becker eins: Gegensatz. Der Grund, das Wesen, der Inhalt dieser Verhältnisse bleibt unbeachtet; sie stehen im Gegensatze: das ist ihre Erkenntniß. So genügt ihm der Name, die leere Schale des Gegensatzes, sie, die weniger ist als das Unorganische, die nichts ist als Leere. Die Kate- gorie des Gegensatzes ist bei Becker die volle Nacht, in der nichts erkannt wird, in der die Dinge bloß als Flecke erschei- nen, die sich vor dem allgemeinen sie umhüllenden Dunkel

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/132
Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 94. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/132>, abgerufen am 25.04.2019.