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Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

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Zweiter Theil.
Grammatik und Logik.
I. Allgemeine Vorbemerkungen.
A. Von der Sprachwissenschaft im Allgemeinen.

Die Sprachwissenschaft setzt, wie jede andere Wissenschaft,
das Dasein ihres Gegenstandes und das Bewußtsein davon vor-
aus. Der Gegenstand muß jedoch sogleich beim Eingange deut-
lich angegeben, bezeichnet, vorgewiesen werden, damit man von
vornherein außer Zweifel darüber ist, wovon im Laufe der Un-
tersuchung die Rede sein solle. Wir haben also mit einer No-
minal-Definition zu beginnen; die Real-Definition liegt in der
ganzen Darstellung der Wissenschaft.

§. 56. Definitionen.

Gegenstand der Sprachwissenschaft ist die Sprache oder
Sprache überhaupt, d. h. Aeußerung der bewußten innern,
seelischen und geistigen, Bewegungen, Zustände und Verhält-
nisse durch den articulirten Laut. -- Wir unterscheiden hierbei
näher:

Sprechen, d. h. die gegenwärtige, oder als gegenwärtig
gedachte, Handlung oder Ausübung der Sprache.

Sprachfähigkeit, d. h. einerseits die physiologische Kraft,
articulirte Laute hervorzubringen und dazu noch andererseits
der sämmtliche Gehalt des Innern, welcher als der Sprache vor-
ausgehend gedacht wird und durch sie geäußert werden soll.

Sprachmaterial, d. h. die von der Sprachfähigkeit im
Sprechen einmal geschaffenen Elemente, welche immer von neuem
angewandt werden, so oft derjenige innere Gegenstand wieder

Zweiter Theil.
Grammatik und Logik.
I. Allgemeine Vorbemerkungen.
A. Von der Sprachwissenschaft im Allgemeinen.

Die Sprachwissenschaft setzt, wie jede andere Wissenschaft,
das Dasein ihres Gegenstandes und das Bewußtsein davon vor-
aus. Der Gegenstand muß jedoch sogleich beim Eingange deut-
lich angegeben, bezeichnet, vorgewiesen werden, damit man von
vornherein außer Zweifel darüber ist, wovon im Laufe der Un-
tersuchung die Rede sein solle. Wir haben also mit einer No-
minal-Definition zu beginnen; die Real-Definition liegt in der
ganzen Darstellung der Wissenschaft.

§. 56. Definitionen.

Gegenstand der Sprachwissenschaft ist die Sprache oder
Sprache überhaupt, d. h. Aeußerung der bewußten innern,
seelischen und geistigen, Bewegungen, Zustände und Verhält-
nisse durch den articulirten Laut. — Wir unterscheiden hierbei
näher:

Sprechen, d. h. die gegenwärtige, oder als gegenwärtig
gedachte, Handlung oder Ausübung der Sprache.

Sprachfähigkeit, d. h. einerseits die physiologische Kraft,
articulirte Laute hervorzubringen und dazu noch andererseits
der sämmtliche Gehalt des Innern, welcher als der Sprache vor-
ausgehend gedacht wird und durch sie geäußert werden soll.

Sprachmaterial, d. h. die von der Sprachfähigkeit im
Sprechen einmal geschaffenen Elemente, welche immer von neuem
angewandt werden, so oft derjenige innere Gegenstand wieder

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[[137]/0175] Zweiter Theil. Grammatik und Logik. I. Allgemeine Vorbemerkungen. A. Von der Sprachwissenschaft im Allgemeinen. Die Sprachwissenschaft setzt, wie jede andere Wissenschaft, das Dasein ihres Gegenstandes und das Bewußtsein davon vor- aus. Der Gegenstand muß jedoch sogleich beim Eingange deut- lich angegeben, bezeichnet, vorgewiesen werden, damit man von vornherein außer Zweifel darüber ist, wovon im Laufe der Un- tersuchung die Rede sein solle. Wir haben also mit einer No- minal-Definition zu beginnen; die Real-Definition liegt in der ganzen Darstellung der Wissenschaft. §. 56. Definitionen. Gegenstand der Sprachwissenschaft ist die Sprache oder Sprache überhaupt, d. h. Aeußerung der bewußten innern, seelischen und geistigen, Bewegungen, Zustände und Verhält- nisse durch den articulirten Laut. — Wir unterscheiden hierbei näher: Sprechen, d. h. die gegenwärtige, oder als gegenwärtig gedachte, Handlung oder Ausübung der Sprache. Sprachfähigkeit, d. h. einerseits die physiologische Kraft, articulirte Laute hervorzubringen und dazu noch andererseits der sämmtliche Gehalt des Innern, welcher als der Sprache vor- ausgehend gedacht wird und durch sie geäußert werden soll. Sprachmaterial, d. h. die von der Sprachfähigkeit im Sprechen einmal geschaffenen Elemente, welche immer von neuem angewandt werden, so oft derjenige innere Gegenstand wieder

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Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. [137]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/175>, abgerufen am 22.04.2019.