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Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

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was passend durch den Ausdruck Mischlaut für ä, ö, ü ge-
schieht, wenn man dabei an chemische Mischung denkt. Ein
Atom Wasser ist einfach und dennoch aus zwei Elementen ge-
mischt: eben so ist es ä. Dagegen ist e nicht gemischt, son-
dern nur mittlerer Natur.

In alle dem scheint mir kaum eine Schwierigkeit zu liegen.
Anders ist es mit den Consonanten. Heyse sieht in dem ita-
liänischen ce, ge, ferner in ps, ts, vs, pf, englischem tw, dw, und
in qu (kw) Mischconsonanten, ganz analog den Mischvocalen ä,
ö, ü. Dies kann ich nicht billigen und muß überhaupt die Mög-
lichkeit von Mischconsonanten läugnen. In dem Vocal, der sich
in dem ganzen Mundcanal bildet, liegt ein doppeltes Element,
der Eingang und der Ausgang des Canals: so ist eine Mischung
möglich. Der Consonant bildet sich an einem bestimmten Punkte
des Mundcanals: und so ist er durchaus einfach und jede Mi-
schung wird unmöglich. Das italiänische ce, ge, also der Pa-
latallaut, ist gar nicht ein so einfacher Laut, wie ä. Machen
wir die Probe. Der Palatallaut kann continuirt werden, aber
nur ein Element desselben, der nachtönende Zischlaut wird
fortgesetzt, der Vorlaut verschwindet, so daß der Palatal tsch
während der Dauer einem einfachen sch gleichkommt. Diese
Probe beweist nicht nur negativ, daß der Palatal nicht dem
Mischlaut ä entspricht, sondern auch positiv, daß er ein Dop-
pellaut ist, wie der Diphthong ai. Wir haben also einfache
Laute, wie a, k; Mischlaute wie ä, die nur Vocale sind; Dop-
pellaute, wie ai, italiänisches c, und Lautverbindungen wie ai,
kj, kt.

§. 123. Der Accent.

Endlich noch ein Wort über den Accent, die Betonung.
Man muß dabei gar nicht an Ton denken. Unsere Betonung
ist nicht das lateinische accentus, sondern ictus, und ist ein rein
rhythmisches Wesen, dasselbe was der Metriker Arsis (oder
nach älterm Sprachgebrauche vielmehr Thesis, le frappe) nennt.
Der Accent ist also Nachdruck, größere Stärke (nicht Höhe)
des Lautes, ein forte, und hat sein Wesen in der rhythmischen
Aufeinanderfolge von Sylben, Wörtern, Sätzen.

§. 124. Weitere Aufgabe der Lautlehre.

Die Lautlehre ist nicht auf die Betrachtung der einzelnen
Laute beschränkt. Sie bespricht auch den Sylben- und Wort-
bau, wobei auch der Lautwandel zur Sprache kommt, insofern

was passend durch den Ausdruck Mischlaut für ä, ö, ü ge-
schieht, wenn man dabei an chemische Mischung denkt. Ein
Atom Wasser ist einfach und dennoch aus zwei Elementen ge-
mischt: eben so ist es ä. Dagegen ist e nicht gemischt, son-
dern nur mittlerer Natur.

In alle dem scheint mir kaum eine Schwierigkeit zu liegen.
Anders ist es mit den Consonanten. Heyse sieht in dem ita-
liänischen ce, ge, ferner in ps, ts, vs, pf, englischem tw, dw, und
in qu (kw) Mischconsonanten, ganz analog den Mischvocalen ä,
ö, ü. Dies kann ich nicht billigen und muß überhaupt die Mög-
lichkeit von Mischconsonanten läugnen. In dem Vocal, der sich
in dem ganzen Mundcanal bildet, liegt ein doppeltes Element,
der Eingang und der Ausgang des Canals: so ist eine Mischung
möglich. Der Consonant bildet sich an einem bestimmten Punkte
des Mundcanals: und so ist er durchaus einfach und jede Mi-
schung wird unmöglich. Das italiänische ce, ge, also der Pa-
latallaut, ist gar nicht ein so einfacher Laut, wie ä. Machen
wir die Probe. Der Palatallaut kann continuirt werden, aber
nur ein Element desselben, der nachtönende Zischlaut wird
fortgesetzt, der Vorlaut verschwindet, so daß der Palatal tsch
während der Dauer einem einfachen sch gleichkommt. Diese
Probe beweist nicht nur negativ, daß der Palatal nicht dem
Mischlaut ä entspricht, sondern auch positiv, daß er ein Dop-
pellaut ist, wie der Diphthong ai. Wir haben also einfache
Laute, wie a, k; Mischlaute wie ä, die nur Vocale sind; Dop-
pellaute, wie ai, italiänisches c, und Lautverbindungen wie ,
kj, kt.

§. 123. Der Accent.

Endlich noch ein Wort über den Accent, die Betonung.
Man muß dabei gar nicht an Ton denken. Unsere Betonung
ist nicht das lateinische accentus, sondern ictus, und ist ein rein
rhythmisches Wesen, dasselbe was der Metriker Arsis (oder
nach älterm Sprachgebrauche vielmehr Thesis, le frappé) nennt.
Der Accent ist also Nachdruck, größere Stärke (nicht Höhe)
des Lautes, ein forte, und hat sein Wesen in der rhythmischen
Aufeinanderfolge von Sylben, Wörtern, Sätzen.

§. 124. Weitere Aufgabe der Lautlehre.

Die Lautlehre ist nicht auf die Betrachtung der einzelnen
Laute beschränkt. Sie bespricht auch den Sylben- und Wort-
bau, wobei auch der Lautwandel zur Sprache kommt, insofern

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[354/0392] was passend durch den Ausdruck Mischlaut für ä, ö, ü ge- schieht, wenn man dabei an chemische Mischung denkt. Ein Atom Wasser ist einfach und dennoch aus zwei Elementen ge- mischt: eben so ist es ä. Dagegen ist e nicht gemischt, son- dern nur mittlerer Natur. In alle dem scheint mir kaum eine Schwierigkeit zu liegen. Anders ist es mit den Consonanten. Heyse sieht in dem ita- liänischen ce, ge, ferner in ps, ts, vs, pf, englischem tw, dw, und in qu (kw) Mischconsonanten, ganz analog den Mischvocalen ä, ö, ü. Dies kann ich nicht billigen und muß überhaupt die Mög- lichkeit von Mischconsonanten läugnen. In dem Vocal, der sich in dem ganzen Mundcanal bildet, liegt ein doppeltes Element, der Eingang und der Ausgang des Canals: so ist eine Mischung möglich. Der Consonant bildet sich an einem bestimmten Punkte des Mundcanals: und so ist er durchaus einfach und jede Mi- schung wird unmöglich. Das italiänische ce, ge, also der Pa- latallaut, ist gar nicht ein so einfacher Laut, wie ä. Machen wir die Probe. Der Palatallaut kann continuirt werden, aber nur ein Element desselben, der nachtönende Zischlaut wird fortgesetzt, der Vorlaut verschwindet, so daß der Palatal tsch während der Dauer einem einfachen sch gleichkommt. Diese Probe beweist nicht nur negativ, daß der Palatal nicht dem Mischlaut ä entspricht, sondern auch positiv, daß er ein Dop- pellaut ist, wie der Diphthong ai. Wir haben also einfache Laute, wie a, k; Mischlaute wie ä, die nur Vocale sind; Dop- pellaute, wie ai, italiänisches c, und Lautverbindungen wie aï, kj, kt. §. 123. Der Accent. Endlich noch ein Wort über den Accent, die Betonung. Man muß dabei gar nicht an Ton denken. Unsere Betonung ist nicht das lateinische accentus, sondern ictus, und ist ein rein rhythmisches Wesen, dasselbe was der Metriker Arsis (oder nach älterm Sprachgebrauche vielmehr Thesis, le frappé) nennt. Der Accent ist also Nachdruck, größere Stärke (nicht Höhe) des Lautes, ein forte, und hat sein Wesen in der rhythmischen Aufeinanderfolge von Sylben, Wörtern, Sätzen. §. 124. Weitere Aufgabe der Lautlehre. Die Lautlehre ist nicht auf die Betrachtung der einzelnen Laute beschränkt. Sie bespricht auch den Sylben- und Wort- bau, wobei auch der Lautwandel zur Sprache kommt, insofern

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Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 354. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/392>, abgerufen am 18.04.2019.