Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

Diese Kategorien gehören aber nicht der Sprache; denn sie
gehören der Vorstellung, an der sie sich blind entwickeln, nicht
der innern Sprachform; sie sind ein Product des geistigen In-
stincts. Die innere Sprachform aber ist instinctives Selbstbe-
wußtsein; nicht die ganze Vorstellung liegt in ihr, sondern nur
so viel, als das instinctive Selbstbewußtsein von der materialen
Anschauung erfaßt, und nur in der Weise, wie dies geschieht.
Vorstellung oder materiale Anschauung und innere Sprachform
stehen also unter ganz verschiedenen Gesetzen der Entwicke-
lung: jene schafft sich ihre Bahnen und Formen mit unausweich-
barer und unabänderlicher Nothwendigkeit, im blinden Drange;
die innere Sprachform entwickelt, in einem Analogon von Selbst-
bewußtsein, sich selbst ihre Formen, wie sie dieselben an der
Anschauung aufzufassen versteht.

Das instinctive Selbstbewußtsein ist also instinctive Frei-
heit, ist Subjectivität, d. h. eine subjective Auffassung des Ob-
jectiven; und somit ist die Möglichkeit zu der größten Verschie-
denheit ihres Erzeugnisses, der innern Sprachform, gegeben.
Diese wird bald gewisse Formen besitzen, bald nicht, bald sol-
che und bald andere.

§. 134. Tießter Grund der Sprachverschiedenheit.

Diese Verschiedenheit des instinctiven Selbstbewußtseins
kann aber nicht unbedingt sein; sie muß, so zu sagen, ihren
genügenden Grund haben. Dieser ist ein doppelter: er liegt
ursprünglich und am tiefsten in der geistigen Organisation der
Völker, und dann auch in der Eigenthümlichkeit der Sprachor-
gane und der Weise, wie diese die Anschauung reflectiren. Zu-
nächst, auf der ursprünglichsten onomatopoetischen Stufe fällt
die innere Sprachform mit dem Laute zusammen; das instinctive
Selbstbewußtsein erwacht in und an dem reflectirten Laute. Was
im Laute liegt, das ist der erste Inhalt des Selbstbewußtseins.
Dann trennt sich die Entwickelung beider, aber doch nicht so,
daß dadurch die engste Wechselwirkung zwischen beiden aus-
geschlossen würde. Sie bestimmen sich gegenseitig, so lange
sie sich bilden, und dieses Bilden hört genau genommen nie auf.
Ueber diesen Zusammenhang der Verschiedenheit der Sprachen
mit der der Völker selbst, wird unten noch einiges gesagt
werden.

Diese Kategorien gehören aber nicht der Sprache; denn sie
gehören der Vorstellung, an der sie sich blind entwickeln, nicht
der innern Sprachform; sie sind ein Product des geistigen In-
stincts. Die innere Sprachform aber ist instinctives Selbstbe-
wußtsein; nicht die ganze Vorstellung liegt in ihr, sondern nur
so viel, als das instinctive Selbstbewußtsein von der materialen
Anschauung erfaßt, und nur in der Weise, wie dies geschieht.
Vorstellung oder materiale Anschauung und innere Sprachform
stehen also unter ganz verschiedenen Gesetzen der Entwicke-
lung: jene schafft sich ihre Bahnen und Formen mit unausweich-
barer und unabänderlicher Nothwendigkeit, im blinden Drange;
die innere Sprachform entwickelt, in einem Analogon von Selbst-
bewußtsein, sich selbst ihre Formen, wie sie dieselben an der
Anschauung aufzufassen versteht.

Das instinctive Selbstbewußtsein ist also instinctive Frei-
heit, ist Subjectivität, d. h. eine subjective Auffassung des Ob-
jectiven; und somit ist die Möglichkeit zu der größten Verschie-
denheit ihres Erzeugnisses, der innern Sprachform, gegeben.
Diese wird bald gewisse Formen besitzen, bald nicht, bald sol-
che und bald andere.

§. 134. Tießter Grund der Sprachverschiedenheit.

Diese Verschiedenheit des instinctiven Selbstbewußtseins
kann aber nicht unbedingt sein; sie muß, so zu sagen, ihren
genügenden Grund haben. Dieser ist ein doppelter: er liegt
ursprünglich und am tiefsten in der geistigen Organisation der
Völker, und dann auch in der Eigenthümlichkeit der Sprachor-
gane und der Weise, wie diese die Anschauung reflectiren. Zu-
nächst, auf der ursprünglichsten onomatopoetischen Stufe fällt
die innere Sprachform mit dem Laute zusammen; das instinctive
Selbstbewußtsein erwacht in und an dem reflectirten Laute. Was
im Laute liegt, das ist der erste Inhalt des Selbstbewußtseins.
Dann trennt sich die Entwickelung beider, aber doch nicht so,
daß dadurch die engste Wechselwirkung zwischen beiden aus-
geschlossen würde. Sie bestimmen sich gegenseitig, so lange
sie sich bilden, und dieses Bilden hört genau genommen nie auf.
Ueber diesen Zusammenhang der Verschiedenheit der Sprachen
mit der der Völker selbst, wird unten noch einiges gesagt
werden.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <pb facs="#f0416" n="378"/>
              <p>Diese Kategorien gehören aber nicht der Sprache; denn sie<lb/>
gehören der Vorstellung, an der sie sich <hi rendition="#g">blind</hi> entwickeln, nicht<lb/>
der innern Sprachform; sie sind ein Product des geistigen In-<lb/>
stincts. Die innere Sprachform aber ist instinctives Selbstbe-<lb/>
wußtsein; nicht die ganze Vorstellung liegt in ihr, sondern nur<lb/>
so viel, als das instinctive Selbstbewußtsein von der materialen<lb/>
Anschauung erfaßt, und nur in der Weise, wie dies geschieht.<lb/>
Vorstellung oder materiale Anschauung und innere Sprachform<lb/>
stehen also unter ganz verschiedenen Gesetzen der Entwicke-<lb/>
lung: jene schafft sich ihre Bahnen und Formen mit unausweich-<lb/>
barer und unabänderlicher Nothwendigkeit, im blinden Drange;<lb/>
die innere Sprachform entwickelt, in einem Analogon von Selbst-<lb/>
bewußtsein, sich selbst ihre Formen, wie sie dieselben an der<lb/>
Anschauung aufzufassen versteht.</p><lb/>
              <p>Das instinctive Selbstbewußtsein ist also instinctive Frei-<lb/>
heit, ist Subjectivität, d. h. eine subjective Auffassung des Ob-<lb/>
jectiven; und somit ist die Möglichkeit zu der größten Verschie-<lb/>
denheit ihres Erzeugnisses, der innern Sprachform, gegeben.<lb/>
Diese wird bald gewisse Formen besitzen, bald nicht, bald sol-<lb/>
che und bald andere.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>§. 134. Tießter Grund der Sprachverschiedenheit.</head><lb/>
              <p>Diese Verschiedenheit des instinctiven Selbstbewußtseins<lb/>
kann aber nicht unbedingt sein; sie muß, so zu sagen, ihren<lb/>
genügenden Grund haben. Dieser ist ein doppelter: er liegt<lb/>
ursprünglich und am tiefsten in der geistigen Organisation der<lb/>
Völker, und dann auch in der Eigenthümlichkeit der Sprachor-<lb/>
gane und der Weise, wie diese die Anschauung reflectiren. Zu-<lb/>
nächst, auf der ursprünglichsten onomatopoetischen Stufe fällt<lb/>
die innere Sprachform mit dem Laute zusammen; das instinctive<lb/>
Selbstbewußtsein erwacht in und an dem reflectirten Laute. Was<lb/>
im Laute liegt, das ist der erste Inhalt des Selbstbewußtseins.<lb/>
Dann trennt sich die Entwickelung beider, aber doch nicht so,<lb/>
daß dadurch die engste Wechselwirkung zwischen beiden aus-<lb/>
geschlossen würde. Sie bestimmen sich gegenseitig, so lange<lb/>
sie sich bilden, und dieses Bilden hört genau genommen nie auf.<lb/>
Ueber diesen Zusammenhang der Verschiedenheit der Sprachen<lb/>
mit der der Völker selbst, wird unten noch einiges gesagt<lb/>
werden.</p>
            </div>
          </div><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[378/0416] Diese Kategorien gehören aber nicht der Sprache; denn sie gehören der Vorstellung, an der sie sich blind entwickeln, nicht der innern Sprachform; sie sind ein Product des geistigen In- stincts. Die innere Sprachform aber ist instinctives Selbstbe- wußtsein; nicht die ganze Vorstellung liegt in ihr, sondern nur so viel, als das instinctive Selbstbewußtsein von der materialen Anschauung erfaßt, und nur in der Weise, wie dies geschieht. Vorstellung oder materiale Anschauung und innere Sprachform stehen also unter ganz verschiedenen Gesetzen der Entwicke- lung: jene schafft sich ihre Bahnen und Formen mit unausweich- barer und unabänderlicher Nothwendigkeit, im blinden Drange; die innere Sprachform entwickelt, in einem Analogon von Selbst- bewußtsein, sich selbst ihre Formen, wie sie dieselben an der Anschauung aufzufassen versteht. Das instinctive Selbstbewußtsein ist also instinctive Frei- heit, ist Subjectivität, d. h. eine subjective Auffassung des Ob- jectiven; und somit ist die Möglichkeit zu der größten Verschie- denheit ihres Erzeugnisses, der innern Sprachform, gegeben. Diese wird bald gewisse Formen besitzen, bald nicht, bald sol- che und bald andere. §. 134. Tießter Grund der Sprachverschiedenheit. Diese Verschiedenheit des instinctiven Selbstbewußtseins kann aber nicht unbedingt sein; sie muß, so zu sagen, ihren genügenden Grund haben. Dieser ist ein doppelter: er liegt ursprünglich und am tiefsten in der geistigen Organisation der Völker, und dann auch in der Eigenthümlichkeit der Sprachor- gane und der Weise, wie diese die Anschauung reflectiren. Zu- nächst, auf der ursprünglichsten onomatopoetischen Stufe fällt die innere Sprachform mit dem Laute zusammen; das instinctive Selbstbewußtsein erwacht in und an dem reflectirten Laute. Was im Laute liegt, das ist der erste Inhalt des Selbstbewußtseins. Dann trennt sich die Entwickelung beider, aber doch nicht so, daß dadurch die engste Wechselwirkung zwischen beiden aus- geschlossen würde. Sie bestimmen sich gegenseitig, so lange sie sich bilden, und dieses Bilden hört genau genommen nie auf. Ueber diesen Zusammenhang der Verschiedenheit der Sprachen mit der der Völker selbst, wird unten noch einiges gesagt werden.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/416
Zitationshilfe: Steinthal, Heymann: Grammatik, Logik und Psychologie. Ihre Principien und ihr Verhältniss zu einander. Berlin, 1855, S. 378. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinthal_grammatik_1855/416>, abgerufen am 20.04.2019.