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Stifter, Adalbert: Der Nachsommer. Bd. 3. Pesth, 1857.

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ter hochgelegene Gegenden besucht oder gar die Spizen
bedeutender Berge erstiegen haben."

"Wenn es für Leben und Gesundheit keine Ge¬
fahr hat, solltet ihr es thun," antwortete sie. "Es ist
wohl ein Vorrecht der Männer, das Größere wa¬
gen und erfahren zu können. Wenn wir zuweilen
im Winter in großen Städten gewesen sind, und dort
das Leben der verschiedenen Menschen gesehen haben,
dann sind wir gerne in den Sternenhof zurückgegan¬
gen. Wir haben hier in manchen größeren Zeiträu¬
men alle Jahreszeiten genossen, und haben jeden
Wechsel derselben im Freien kennen gelernt. Wir sind
mit Freunden verbunden, deren Umgang uns veredelt,
erhebt, und zu denen wir kleine Reisen machen. Wir
haben einige Ergebnisse der Kunst und in einem ge¬
wissen Maße auch der Wissenschaft, so weit es sich
für Frauen ziemt, in unsere Einsamkeit gezogen."

"Der Sternenhof ist ein edler und ein würdevoller
Siz," entgegnete ich, "er hat sich ein schönes Theil
des Menschlichen gesammelt, und muß nicht das
Widerwärtige desselben hinnehmen. Aber es mußten
auch viele Umstände zusammentreffen, damit es so
werden konnte, wie es ward."

"Das sagt die Mutter auch," erwiederte sie, "und

ter hochgelegene Gegenden beſucht oder gar die Spizen
bedeutender Berge erſtiegen haben.“

„Wenn es für Leben und Geſundheit keine Ge¬
fahr hat, ſolltet ihr es thun,“ antwortete ſie. „Es iſt
wohl ein Vorrecht der Männer, das Größere wa¬
gen und erfahren zu können. Wenn wir zuweilen
im Winter in großen Städten geweſen ſind, und dort
das Leben der verſchiedenen Menſchen geſehen haben,
dann ſind wir gerne in den Sternenhof zurückgegan¬
gen. Wir haben hier in manchen größeren Zeiträu¬
men alle Jahreszeiten genoſſen, und haben jeden
Wechſel derſelben im Freien kennen gelernt. Wir ſind
mit Freunden verbunden, deren Umgang uns veredelt,
erhebt, und zu denen wir kleine Reiſen machen. Wir
haben einige Ergebniſſe der Kunſt und in einem ge¬
wiſſen Maße auch der Wiſſenſchaft, ſo weit es ſich
für Frauen ziemt, in unſere Einſamkeit gezogen.“

„Der Sternenhof iſt ein edler und ein würdevoller
Siz,“ entgegnete ich, „er hat ſich ein ſchönes Theil
des Menſchlichen geſammelt, und muß nicht das
Widerwärtige desſelben hinnehmen. Aber es mußten
auch viele Umſtände zuſammentreffen, damit es ſo
werden konnte, wie es ward.“

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[21/0035] ter hochgelegene Gegenden beſucht oder gar die Spizen bedeutender Berge erſtiegen haben.“ „Wenn es für Leben und Geſundheit keine Ge¬ fahr hat, ſolltet ihr es thun,“ antwortete ſie. „Es iſt wohl ein Vorrecht der Männer, das Größere wa¬ gen und erfahren zu können. Wenn wir zuweilen im Winter in großen Städten geweſen ſind, und dort das Leben der verſchiedenen Menſchen geſehen haben, dann ſind wir gerne in den Sternenhof zurückgegan¬ gen. Wir haben hier in manchen größeren Zeiträu¬ men alle Jahreszeiten genoſſen, und haben jeden Wechſel derſelben im Freien kennen gelernt. Wir ſind mit Freunden verbunden, deren Umgang uns veredelt, erhebt, und zu denen wir kleine Reiſen machen. Wir haben einige Ergebniſſe der Kunſt und in einem ge¬ wiſſen Maße auch der Wiſſenſchaft, ſo weit es ſich für Frauen ziemt, in unſere Einſamkeit gezogen.“ „Der Sternenhof iſt ein edler und ein würdevoller Siz,“ entgegnete ich, „er hat ſich ein ſchönes Theil des Menſchlichen geſammelt, und muß nicht das Widerwärtige desſelben hinnehmen. Aber es mußten auch viele Umſtände zuſammentreffen, damit es ſo werden konnte, wie es ward.“ „Das ſagt die Mutter auch,“ erwiederte ſie, „und

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Zitationshilfe: Stifter, Adalbert: Der Nachsommer. Bd. 3. Pesth, 1857, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stifter_nachsommer03_1857/35>, abgerufen am 25.03.2019.