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Stifter, Adalbert: Bunte Steine. Bd. 1. Pest u. a., 1853.

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Granit.

Vor meinem väterlichen Geburtshause dicht neben
der Eingangsthür in dasselbe liegt ein großer acht¬
ekiger Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge
gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh
ausgehauen, seine obere Fläche aber ist von dem
vielen Sizen so fein und glatt geworden, als wäre
sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein
ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer
Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden sei.
Die urältesten Greise unsers Hauses waren auf dem
Steine gesessen, so wie jene, welche in zarter Jugend
hinweggestorben waren, und nebst all den andern in
dem Kirchhofe schlummern. Das Alter beweist auch
der Umstand, daß die Sandsteinplatten, welche dem
Steine zur Unterlage dienen, schon ganz ausgetreten,
und dort, wo sie unter die Dachtraufe hinaus ragen,

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Granit.

Vor meinem väterlichen Geburtshauſe dicht neben
der Eingangsthür in dasſelbe liegt ein großer acht¬
ekiger Stein von der Geſtalt eines ſehr in die Länge
gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen ſind roh
ausgehauen, ſeine obere Fläche aber iſt von dem
vielen Sizen ſo fein und glatt geworden, als wäre
ſie mit der kunſtreichſten Glaſur überzogen. Der Stein
iſt ſehr alt, und niemand erinnert ſich, von einer
Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden ſei.
Die urälteſten Greiſe unſers Hauſes waren auf dem
Steine geſeſſen, ſo wie jene, welche in zarter Jugend
hinweggeſtorben waren, und nebſt all den andern in
dem Kirchhofe ſchlummern. Das Alter beweiſt auch
der Umſtand, daß die Sandſteinplatten, welche dem
Steine zur Unterlage dienen, ſchon ganz ausgetreten,
und dort, wo ſie unter die Dachtraufe hinaus ragen,

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[[19]/0032] 1. Granit. Vor meinem väterlichen Geburtshauſe dicht neben der Eingangsthür in dasſelbe liegt ein großer acht¬ ekiger Stein von der Geſtalt eines ſehr in die Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen ſind roh ausgehauen, ſeine obere Fläche aber iſt von dem vielen Sizen ſo fein und glatt geworden, als wäre ſie mit der kunſtreichſten Glaſur überzogen. Der Stein iſt ſehr alt, und niemand erinnert ſich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden ſei. Die urälteſten Greiſe unſers Hauſes waren auf dem Steine geſeſſen, ſo wie jene, welche in zarter Jugend hinweggeſtorben waren, und nebſt all den andern in dem Kirchhofe ſchlummern. Das Alter beweiſt auch der Umſtand, daß die Sandſteinplatten, welche dem Steine zur Unterlage dienen, ſchon ganz ausgetreten, und dort, wo ſie unter die Dachtraufe hinaus ragen, 2*

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Zitationshilfe: Stifter, Adalbert: Bunte Steine. Bd. 1. Pest u. a., 1853, S. [19]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stifter_steine01_1853/32>, abgerufen am 20.04.2019.