Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

leitenden Macht einer Idee oder eines Glaubens; aber sie sind
zugleich ungeständige Egoisten, und gerade gegen die Feinde
bricht der zurückgehaltene Egoismus los: Besessene in ihrem
Glauben sind sie zugleich unbesessen von dem Glauben der
Gegner, d. h. sie sind gegen diesen Egoisten. Will man ih¬
nen einen Vorwurf machen, so könnte es nur der umgekehrte
sein, nämlich der, daß sie von ihren Ideen besessen sind.

Gegen die Gedanken soll keine egoistische Gewalt auftre¬
ten, keine Polizeigewalt u. dergl. So glauben die Denkgläu¬
bigen. Aber das Denken und seine Gedanken sind Mir nicht
heilig und Ich wehre Mich auch gegen sie meiner Haut.
Das mag ein unvernünftiges Wehren sein; bin Ich aber der
Vernunft verpflichtet, so muß Ich, wie Abraham, ihr das
Liebste opfern!

Im Reiche des Denkens, welches gleich dem des Glau¬
bens das Himmelreich ist, hat allerdings Jeder Unrecht, der
gedankenlose Gewalt braucht, gerade so, wie Jeder Unrecht
hat, der im Reiche der Liebe lieblos verfährt, oder, obgleich
er ein Christ ist, also im Reiche der Liebe lebt, doch unchrist¬
lich handelt: er ist in diesen Reichen, denen er anzugehören
meint und gleichwohl ihren Gesetzen sich entzieht, ein "Sünder"
oder "Egoist". Aber er kann auch der Herrschaft dieser Reiche
sich nur entziehen, wenn er an ihnen zum Verbrecher wird.

Das Resultat ist auch hier dieß, daß der Kampf der
Denkenden gegen die Regierung zwar soweit im Rechte, näm¬
lich in der Gewalt ist, als er gegen die Gedanken derselben
geführt wird (die Regierung verstummt und weiß literarisch
nichts Erhebliches einzuwenden), dagegen im Unrechte, näm¬
lich in der Ohnmacht, sich befindet, soweit er nichts als Ge¬
danken gegen eine persönliche Macht ins Feld zu führen weiß

leitenden Macht einer Idee oder eines Glaubens; aber ſie ſind
zugleich ungeſtändige Egoiſten, und gerade gegen die Feinde
bricht der zurückgehaltene Egoismus los: Beſeſſene in ihrem
Glauben ſind ſie zugleich unbeſeſſen von dem Glauben der
Gegner, d. h. ſie ſind gegen dieſen Egoiſten. Will man ih¬
nen einen Vorwurf machen, ſo könnte es nur der umgekehrte
ſein, nämlich der, daß ſie von ihren Ideen beſeſſen ſind.

Gegen die Gedanken ſoll keine egoiſtiſche Gewalt auftre¬
ten, keine Polizeigewalt u. dergl. So glauben die Denkgläu¬
bigen. Aber das Denken und ſeine Gedanken ſind Mir nicht
heilig und Ich wehre Mich auch gegen ſie meiner Haut.
Das mag ein unvernünftiges Wehren ſein; bin Ich aber der
Vernunft verpflichtet, ſo muß Ich, wie Abraham, ihr das
Liebſte opfern!

Im Reiche des Denkens, welches gleich dem des Glau¬
bens das Himmelreich iſt, hat allerdings Jeder Unrecht, der
gedankenloſe Gewalt braucht, gerade ſo, wie Jeder Unrecht
hat, der im Reiche der Liebe lieblos verfährt, oder, obgleich
er ein Chriſt iſt, alſo im Reiche der Liebe lebt, doch unchriſt¬
lich handelt: er iſt in dieſen Reichen, denen er anzugehören
meint und gleichwohl ihren Geſetzen ſich entzieht, ein „Sünder“
oder „Egoiſt“. Aber er kann auch der Herrſchaft dieſer Reiche
ſich nur entziehen, wenn er an ihnen zum Verbrecher wird.

Das Reſultat iſt auch hier dieß, daß der Kampf der
Denkenden gegen die Regierung zwar ſoweit im Rechte, näm¬
lich in der Gewalt iſt, als er gegen die Gedanken derſelben
geführt wird (die Regierung verſtummt und weiß literariſch
nichts Erhebliches einzuwenden), dagegen im Unrechte, näm¬
lich in der Ohnmacht, ſich befindet, ſoweit er nichts als Ge¬
danken gegen eine perſönliche Macht ins Feld zu führen weiß

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0206" n="198"/>
leitenden Macht einer Idee oder eines Glaubens; aber &#x017F;ie &#x017F;ind<lb/>
zugleich unge&#x017F;tändige Egoi&#x017F;ten, und gerade gegen die Feinde<lb/>
bricht der zurückgehaltene Egoismus los: Be&#x017F;e&#x017F;&#x017F;ene in ihrem<lb/>
Glauben &#x017F;ind &#x017F;ie zugleich unbe&#x017F;e&#x017F;&#x017F;en von dem Glauben der<lb/>
Gegner, d. h. &#x017F;ie &#x017F;ind gegen die&#x017F;en Egoi&#x017F;ten. Will man ih¬<lb/>
nen einen Vorwurf machen, &#x017F;o könnte es nur der umgekehrte<lb/>
&#x017F;ein, nämlich der, daß &#x017F;ie von ihren Ideen be&#x017F;e&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ind.</p><lb/>
        <p>Gegen die Gedanken &#x017F;oll keine egoi&#x017F;ti&#x017F;che Gewalt auftre¬<lb/>
ten, keine Polizeigewalt u. dergl. So glauben die Denkgläu¬<lb/>
bigen. Aber das Denken und &#x017F;eine Gedanken &#x017F;ind Mir nicht<lb/>
heilig und Ich wehre Mich auch gegen &#x017F;ie <hi rendition="#g">meiner Haut</hi>.<lb/>
Das mag ein unvernünftiges Wehren &#x017F;ein; bin Ich aber der<lb/>
Vernunft verpflichtet, &#x017F;o muß Ich, wie Abraham, ihr das<lb/>
Lieb&#x017F;te opfern!</p><lb/>
        <p>Im Reiche des Denkens, welches gleich dem des Glau¬<lb/>
bens das Himmelreich i&#x017F;t, hat allerdings Jeder Unrecht, der<lb/><hi rendition="#g">gedankenlo&#x017F;e</hi> Gewalt braucht, gerade &#x017F;o, wie Jeder Unrecht<lb/>
hat, der im Reiche der Liebe lieblos verfährt, oder, obgleich<lb/>
er ein Chri&#x017F;t i&#x017F;t, al&#x017F;o im Reiche der Liebe lebt, doch unchri&#x017F;<lb/>
lich handelt: er i&#x017F;t in die&#x017F;en Reichen, denen er anzugehören<lb/>
meint und gleichwohl ihren Ge&#x017F;etzen &#x017F;ich entzieht, ein &#x201E;Sünder&#x201C;<lb/>
oder &#x201E;Egoi&#x017F;t&#x201C;. Aber er kann auch der Herr&#x017F;chaft die&#x017F;er Reiche<lb/>
&#x017F;ich nur entziehen, wenn er an ihnen zum <hi rendition="#g">Verbrecher</hi> wird.</p><lb/>
        <p>Das Re&#x017F;ultat i&#x017F;t auch hier dieß, daß der Kampf der<lb/>
Denkenden gegen die Regierung zwar &#x017F;oweit im Rechte, näm¬<lb/>
lich in der Gewalt i&#x017F;t, als er gegen die Gedanken der&#x017F;elben<lb/>
geführt wird (die Regierung ver&#x017F;tummt und weiß literari&#x017F;ch<lb/>
nichts Erhebliches einzuwenden), dagegen im Unrechte, näm¬<lb/>
lich in der Ohnmacht, &#x017F;ich befindet, &#x017F;oweit er nichts als Ge¬<lb/>
danken gegen eine per&#x017F;önliche Macht ins Feld zu führen weiß<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[198/0206] leitenden Macht einer Idee oder eines Glaubens; aber ſie ſind zugleich ungeſtändige Egoiſten, und gerade gegen die Feinde bricht der zurückgehaltene Egoismus los: Beſeſſene in ihrem Glauben ſind ſie zugleich unbeſeſſen von dem Glauben der Gegner, d. h. ſie ſind gegen dieſen Egoiſten. Will man ih¬ nen einen Vorwurf machen, ſo könnte es nur der umgekehrte ſein, nämlich der, daß ſie von ihren Ideen beſeſſen ſind. Gegen die Gedanken ſoll keine egoiſtiſche Gewalt auftre¬ ten, keine Polizeigewalt u. dergl. So glauben die Denkgläu¬ bigen. Aber das Denken und ſeine Gedanken ſind Mir nicht heilig und Ich wehre Mich auch gegen ſie meiner Haut. Das mag ein unvernünftiges Wehren ſein; bin Ich aber der Vernunft verpflichtet, ſo muß Ich, wie Abraham, ihr das Liebſte opfern! Im Reiche des Denkens, welches gleich dem des Glau¬ bens das Himmelreich iſt, hat allerdings Jeder Unrecht, der gedankenloſe Gewalt braucht, gerade ſo, wie Jeder Unrecht hat, der im Reiche der Liebe lieblos verfährt, oder, obgleich er ein Chriſt iſt, alſo im Reiche der Liebe lebt, doch unchriſt¬ lich handelt: er iſt in dieſen Reichen, denen er anzugehören meint und gleichwohl ihren Geſetzen ſich entzieht, ein „Sünder“ oder „Egoiſt“. Aber er kann auch der Herrſchaft dieſer Reiche ſich nur entziehen, wenn er an ihnen zum Verbrecher wird. Das Reſultat iſt auch hier dieß, daß der Kampf der Denkenden gegen die Regierung zwar ſoweit im Rechte, näm¬ lich in der Gewalt iſt, als er gegen die Gedanken derſelben geführt wird (die Regierung verſtummt und weiß literariſch nichts Erhebliches einzuwenden), dagegen im Unrechte, näm¬ lich in der Ohnmacht, ſich befindet, ſoweit er nichts als Ge¬ danken gegen eine perſönliche Macht ins Feld zu führen weiß

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/206
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 198. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/206>, abgerufen am 26.05.2019.