Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

äußerlich an einer weit verbreiteten "Unkirchlichkeit" erkennbar,
ist unwillkührlich Ton geworden. Allein, was dem Gott ge¬
nommen wurde, ist dem Menschen zugesetzt worden, und die
Macht der Humanität vergrößerte sich in eben dem Grade, als
die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: "der Mensch" ist der
heutige Gott, und Menschenfurcht an die Stelle der alten
Gottesfurcht getreten.

Weil aber der Mensch nur ein anderes höchstes Wesen
vorstellt, so ist in der That am höchsten Wesen nichts als eine
Metamorphose vor sich gegangen und die Menschenfurcht bloß
eine veränderte Gestalt der Gottesfurcht.

Unsere Atheisten sind fromme Leute.

Trugen Wir in der sogenannten Feudalzeit Alles von Gott
zu Lehen, so findet in der liberalen Periode dasselbe Lehns¬
verhältniß mit dem Menschen statt. Gott war der Herr, jetzt
ist der Mensch der Herr; Gott war der Mittler, jetzt ist's der
Mensch; Gott war der Geist, jetzt ist's der Mensch. In dieser
dreifachen Beziehung hat das Lehnsverhältniß eine Umgestal¬
tung erfahren. Wir tragen jetzt nämlich erstens von dem all¬
mächtigen Menschen zu Lehen unsere Macht, die, weil sie von
einem Höheren kommt, nicht Macht oder Gewalt, sondern
"Recht" heißt: das "Menschenrecht"; Wir tragen ferner von
ihm unsere Weltstellung zu Lehen, denn er, der Mittler, ver¬
mittelt unsern Verkehr, der darum nicht anders als "mensch¬
lich" sein darf; endlich tragen Wir von ihm Uns selbst zu
Lehen, nämlich unseren eigenen Werth oder alles, was Wir
werth sind, da Wir eben nichts werth sind, wenn er nicht in
Uns wohnt, und wenn oder wo Wir nicht "menschlich" sind.
-- Die Macht ist des Menschen, die Welt ist des Menschen,
Ich bin des Menschen.

16*

äußerlich an einer weit verbreiteten „Unkirchlichkeit“ erkennbar,
iſt unwillkührlich Ton geworden. Allein, was dem Gott ge¬
nommen wurde, iſt dem Menſchen zugeſetzt worden, und die
Macht der Humanität vergrößerte ſich in eben dem Grade, als
die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: „der Menſch“ iſt der
heutige Gott, und Menſchenfurcht an die Stelle der alten
Gottesfurcht getreten.

Weil aber der Menſch nur ein anderes höchſtes Weſen
vorſtellt, ſo iſt in der That am höchſten Weſen nichts als eine
Metamorphoſe vor ſich gegangen und die Menſchenfurcht bloß
eine veränderte Geſtalt der Gottesfurcht.

Unſere Atheiſten ſind fromme Leute.

Trugen Wir in der ſogenannten Feudalzeit Alles von Gott
zu Lehen, ſo findet in der liberalen Periode daſſelbe Lehns¬
verhältniß mit dem Menſchen ſtatt. Gott war der Herr, jetzt
iſt der Menſch der Herr; Gott war der Mittler, jetzt iſt's der
Menſch; Gott war der Geiſt, jetzt iſt's der Menſch. In dieſer
dreifachen Beziehung hat das Lehnsverhältniß eine Umgeſtal¬
tung erfahren. Wir tragen jetzt nämlich erſtens von dem all¬
mächtigen Menſchen zu Lehen unſere Macht, die, weil ſie von
einem Höheren kommt, nicht Macht oder Gewalt, ſondern
„Recht“ heißt: das „Menſchenrecht“; Wir tragen ferner von
ihm unſere Weltſtellung zu Lehen, denn er, der Mittler, ver¬
mittelt unſern Verkehr, der darum nicht anders als „menſch¬
lich“ ſein darf; endlich tragen Wir von ihm Uns ſelbſt zu
Lehen, nämlich unſeren eigenen Werth oder alles, was Wir
werth ſind, da Wir eben nichts werth ſind, wenn er nicht in
Uns wohnt, und wenn oder wo Wir nicht „menſchlich“ ſind.
— Die Macht iſt des Menſchen, die Welt iſt des Menſchen,
Ich bin des Menſchen.

16*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0251" n="243"/>
äußerlich an einer weit verbreiteten &#x201E;Unkirchlichkeit&#x201C; erkennbar,<lb/>
i&#x017F;t unwillkührlich Ton geworden. Allein, was dem Gott ge¬<lb/>
nommen wurde, i&#x017F;t dem Men&#x017F;chen zuge&#x017F;etzt worden, und die<lb/>
Macht der Humanität vergrößerte &#x017F;ich in eben dem Grade, als<lb/>
die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: &#x201E;der Men&#x017F;ch&#x201C; i&#x017F;t der<lb/>
heutige Gott, und Men&#x017F;chenfurcht an die Stelle der alten<lb/>
Gottesfurcht getreten.</p><lb/>
          <p>Weil aber der Men&#x017F;ch nur ein anderes höch&#x017F;tes We&#x017F;en<lb/>
vor&#x017F;tellt, &#x017F;o i&#x017F;t in der That am höch&#x017F;ten We&#x017F;en nichts als eine<lb/>
Metamorpho&#x017F;e vor &#x017F;ich gegangen und die Men&#x017F;chenfurcht bloß<lb/>
eine veränderte Ge&#x017F;talt der Gottesfurcht.</p><lb/>
          <p>Un&#x017F;ere Athei&#x017F;ten &#x017F;ind fromme Leute.</p><lb/>
          <p>Trugen Wir in der &#x017F;ogenannten Feudalzeit Alles von Gott<lb/>
zu Lehen, &#x017F;o findet in der liberalen Periode da&#x017F;&#x017F;elbe Lehns¬<lb/>
verhältniß mit dem Men&#x017F;chen &#x017F;tatt. Gott war der Herr, jetzt<lb/>
i&#x017F;t der Men&#x017F;ch der Herr; Gott war der Mittler, jetzt i&#x017F;t's der<lb/>
Men&#x017F;ch; Gott war der Gei&#x017F;t, jetzt i&#x017F;t's der Men&#x017F;ch. In die&#x017F;er<lb/>
dreifachen Beziehung hat das Lehnsverhältniß eine Umge&#x017F;tal¬<lb/>
tung erfahren. Wir tragen jetzt nämlich er&#x017F;tens von dem all¬<lb/>
mächtigen Men&#x017F;chen zu Lehen un&#x017F;ere <hi rendition="#g">Macht</hi>, die, weil &#x017F;ie von<lb/>
einem Höheren kommt, nicht Macht oder Gewalt, &#x017F;ondern<lb/>
&#x201E;Recht&#x201C; heißt: das &#x201E;Men&#x017F;chenrecht&#x201C;; Wir tragen ferner von<lb/>
ihm un&#x017F;ere Welt&#x017F;tellung zu Lehen, denn er, der Mittler, ver¬<lb/>
mittelt un&#x017F;ern <hi rendition="#g">Verkehr</hi>, der darum nicht anders als &#x201E;men&#x017F;ch¬<lb/>
lich&#x201C; &#x017F;ein darf; endlich tragen Wir von ihm <hi rendition="#g">Uns</hi> &#x017F;elb&#x017F;t zu<lb/>
Lehen, nämlich un&#x017F;eren eigenen Werth oder alles, was Wir<lb/>
werth &#x017F;ind, da Wir eben nichts werth &#x017F;ind, wenn <hi rendition="#g">er</hi> nicht in<lb/>
Uns wohnt, und wenn oder wo Wir nicht &#x201E;men&#x017F;chlich&#x201C; &#x017F;ind.<lb/>
&#x2014; Die Macht i&#x017F;t des Men&#x017F;chen, die Welt i&#x017F;t des Men&#x017F;chen,<lb/>
Ich bin des Men&#x017F;chen.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="sig">16*<lb/></fw>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[243/0251] äußerlich an einer weit verbreiteten „Unkirchlichkeit“ erkennbar, iſt unwillkührlich Ton geworden. Allein, was dem Gott ge¬ nommen wurde, iſt dem Menſchen zugeſetzt worden, und die Macht der Humanität vergrößerte ſich in eben dem Grade, als die der Frömmigkeit an Gewicht verlor: „der Menſch“ iſt der heutige Gott, und Menſchenfurcht an die Stelle der alten Gottesfurcht getreten. Weil aber der Menſch nur ein anderes höchſtes Weſen vorſtellt, ſo iſt in der That am höchſten Weſen nichts als eine Metamorphoſe vor ſich gegangen und die Menſchenfurcht bloß eine veränderte Geſtalt der Gottesfurcht. Unſere Atheiſten ſind fromme Leute. Trugen Wir in der ſogenannten Feudalzeit Alles von Gott zu Lehen, ſo findet in der liberalen Periode daſſelbe Lehns¬ verhältniß mit dem Menſchen ſtatt. Gott war der Herr, jetzt iſt der Menſch der Herr; Gott war der Mittler, jetzt iſt's der Menſch; Gott war der Geiſt, jetzt iſt's der Menſch. In dieſer dreifachen Beziehung hat das Lehnsverhältniß eine Umgeſtal¬ tung erfahren. Wir tragen jetzt nämlich erſtens von dem all¬ mächtigen Menſchen zu Lehen unſere Macht, die, weil ſie von einem Höheren kommt, nicht Macht oder Gewalt, ſondern „Recht“ heißt: das „Menſchenrecht“; Wir tragen ferner von ihm unſere Weltſtellung zu Lehen, denn er, der Mittler, ver¬ mittelt unſern Verkehr, der darum nicht anders als „menſch¬ lich“ ſein darf; endlich tragen Wir von ihm Uns ſelbſt zu Lehen, nämlich unſeren eigenen Werth oder alles, was Wir werth ſind, da Wir eben nichts werth ſind, wenn er nicht in Uns wohnt, und wenn oder wo Wir nicht „menſchlich“ ſind. — Die Macht iſt des Menſchen, die Welt iſt des Menſchen, Ich bin des Menſchen. 16*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/251
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/251>, S. 243, abgerufen am 18.11.2017.