Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite

aber sich unsterblich weiß und unter einer Andacht oder einem
Gedanken die Augen schließt. Sein Leben ist Beschäftigung
mit Geistigem, ist -- Denken, das Uebrige schiert ihn nicht;
mag er sich mit Geistigem beschäftigen, wie er immer kann
und will, in Andacht, in Betrachtung oder in philosophischer Er¬
kenntniß, immer ist das Thun ein Denken, und darum konnte
Cartesius, dem dieß endlich ganz klar geworden war, den Satz
aufstellen: "Ich denke, das heißt: -- Ich bin." Mein Den¬
ken, heißt es da, ist Mein Sein oder Mein Leben; nur wenn
Ich geistig lebe, lebe Ich; nur als Geist bin Ich wirklich oder
-- Ich bin durch und durch Geist und nichts als Geist. Der
unglückliche Peter Schlemihl, der seinen Schatten verloren hat,
ist das Portrait jenes zu Geist gewordenen Menschen: denn
des Geistes Körper ist schattenlos. -- Dagegen wie anders
bei den Alten! Wie stark und männlich sie auch gegen die
Gewalt der Dinge sich betragen mochten, die Gewalt selbst
mußten sie doch anerkennen, und weiter brachten sie es nicht,
als daß sie ihr Leben gegen jene so gut als möglich schützten.
Spät erst erkannten sie, daß ihr "wahres Leben" nicht das im
Kampfe gegen die Dinge der Welt geführte, sondern das "gei¬
stige", von diesen Dingen "abgewandte" sei, und als sie dieß
einsahen, da wurden sie -- Christen, d. h. die "Neuen" und
Neuerer gegen die Alten. Das von den Dingen abgewandte,
das geistige Leben, zieht aber keine Nahrung mehr aus der
Natur, sondern "lebt nur von Gedanken", und ist deshalb
nicht mehr "Leben" sondern -- Denken.

Nun muß man jedoch nicht glauben, die Alten seien ge¬
dankenlos gewesen, wie man ja auch den geistigsten Men¬
schen sich nicht so vorstellen darf, als könnte er leblos sein. Viel¬
mehr hatten sie über alles, über die Welt, den Menschen, die

aber ſich unſterblich weiß und unter einer Andacht oder einem
Gedanken die Augen ſchließt. Sein Leben iſt Beſchäftigung
mit Geiſtigem, iſt — Denken, das Uebrige ſchiert ihn nicht;
mag er ſich mit Geiſtigem beſchäftigen, wie er immer kann
und will, in Andacht, in Betrachtung oder in philoſophiſcher Er¬
kenntniß, immer iſt das Thun ein Denken, und darum konnte
Carteſius, dem dieß endlich ganz klar geworden war, den Satz
aufſtellen: „Ich denke, das heißt: — Ich bin.“ Mein Den¬
ken, heißt es da, iſt Mein Sein oder Mein Leben; nur wenn
Ich geiſtig lebe, lebe Ich; nur als Geiſt bin Ich wirklich oder
— Ich bin durch und durch Geiſt und nichts als Geiſt. Der
unglückliche Peter Schlemihl, der ſeinen Schatten verloren hat,
iſt das Portrait jenes zu Geiſt gewordenen Menſchen: denn
des Geiſtes Körper iſt ſchattenlos. — Dagegen wie anders
bei den Alten! Wie ſtark und männlich ſie auch gegen die
Gewalt der Dinge ſich betragen mochten, die Gewalt ſelbſt
mußten ſie doch anerkennen, und weiter brachten ſie es nicht,
als daß ſie ihr Leben gegen jene ſo gut als möglich ſchützten.
Spät erſt erkannten ſie, daß ihr „wahres Leben“ nicht das im
Kampfe gegen die Dinge der Welt geführte, ſondern das „gei¬
ſtige“, von dieſen Dingen „abgewandte“ ſei, und als ſie dieß
einſahen, da wurden ſie — Chriſten, d. h. die „Neuen“ und
Neuerer gegen die Alten. Das von den Dingen abgewandte,
das geiſtige Leben, zieht aber keine Nahrung mehr aus der
Natur, ſondern „lebt nur von Gedanken“, und iſt deshalb
nicht mehr „Leben“ ſondern — Denken.

Nun muß man jedoch nicht glauben, die Alten ſeien ge¬
dankenlos geweſen, wie man ja auch den geiſtigſten Men¬
ſchen ſich nicht ſo vorſtellen darf, als könnte er leblos ſein. Viel¬
mehr hatten ſie über alles, über die Welt, den Menſchen, die

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0037" n="29"/>
aber &#x017F;ich un&#x017F;terblich weiß und unter einer Andacht oder einem<lb/>
Gedanken die Augen &#x017F;chließt. Sein Leben i&#x017F;t Be&#x017F;chäftigung<lb/>
mit Gei&#x017F;tigem, i&#x017F;t &#x2014; <hi rendition="#g">Denken</hi>, das Uebrige &#x017F;chiert ihn nicht;<lb/>
mag er &#x017F;ich mit Gei&#x017F;tigem be&#x017F;chäftigen, wie er immer kann<lb/>
und will, in Andacht, in Betrachtung oder in philo&#x017F;ophi&#x017F;cher Er¬<lb/>
kenntniß, immer i&#x017F;t das Thun ein Denken, und darum konnte<lb/>
Carte&#x017F;ius, dem dieß endlich ganz klar geworden war, den Satz<lb/>
auf&#x017F;tellen: &#x201E;Ich denke, das heißt: &#x2014; Ich bin.&#x201C; Mein Den¬<lb/>
ken, heißt es da, i&#x017F;t Mein Sein oder Mein Leben; nur wenn<lb/>
Ich gei&#x017F;tig lebe, lebe Ich; nur als Gei&#x017F;t bin Ich wirklich oder<lb/>
&#x2014; Ich bin durch und durch Gei&#x017F;t und nichts als Gei&#x017F;t. Der<lb/>
unglückliche Peter Schlemihl, der &#x017F;einen Schatten verloren hat,<lb/>
i&#x017F;t das Portrait jenes zu Gei&#x017F;t gewordenen Men&#x017F;chen: denn<lb/>
des Gei&#x017F;tes Körper i&#x017F;t &#x017F;chattenlos. &#x2014; Dagegen wie anders<lb/>
bei den Alten! Wie &#x017F;tark und männlich &#x017F;ie auch gegen die<lb/>
Gewalt der Dinge &#x017F;ich betragen mochten, die Gewalt &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
mußten &#x017F;ie doch anerkennen, und weiter brachten &#x017F;ie es nicht,<lb/>
als daß &#x017F;ie ihr <hi rendition="#g">Leben</hi> gegen jene &#x017F;o gut als möglich &#x017F;chützten.<lb/>
Spät er&#x017F;t erkannten &#x017F;ie, daß ihr &#x201E;wahres Leben&#x201C; nicht das im<lb/>
Kampfe gegen die Dinge der Welt geführte, &#x017F;ondern das &#x201E;gei¬<lb/>
&#x017F;tige&#x201C;, von die&#x017F;en Dingen &#x201E;abgewandte&#x201C; &#x017F;ei, und als &#x017F;ie dieß<lb/>
ein&#x017F;ahen, da wurden &#x017F;ie &#x2014; Chri&#x017F;ten, d. h. die &#x201E;Neuen&#x201C; und<lb/>
Neuerer gegen die Alten. Das von den Dingen abgewandte,<lb/>
das gei&#x017F;tige Leben, zieht aber keine Nahrung mehr aus der<lb/>
Natur, &#x017F;ondern &#x201E;lebt nur von Gedanken&#x201C;, und i&#x017F;t deshalb<lb/>
nicht mehr &#x201E;Leben&#x201C; &#x017F;ondern &#x2014; <hi rendition="#g">Denken</hi>.</p><lb/>
            <p>Nun muß man jedoch nicht glauben, die Alten &#x017F;eien <hi rendition="#g">ge</hi>¬<lb/><hi rendition="#g">dankenlos</hi> gewe&#x017F;en, wie man ja auch den gei&#x017F;tig&#x017F;ten Men¬<lb/>
&#x017F;chen &#x017F;ich nicht &#x017F;o vor&#x017F;tellen darf, als könnte er leblos &#x017F;ein. Viel¬<lb/>
mehr hatten &#x017F;ie über alles, über die Welt, den Men&#x017F;chen, die<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[29/0037] aber ſich unſterblich weiß und unter einer Andacht oder einem Gedanken die Augen ſchließt. Sein Leben iſt Beſchäftigung mit Geiſtigem, iſt — Denken, das Uebrige ſchiert ihn nicht; mag er ſich mit Geiſtigem beſchäftigen, wie er immer kann und will, in Andacht, in Betrachtung oder in philoſophiſcher Er¬ kenntniß, immer iſt das Thun ein Denken, und darum konnte Carteſius, dem dieß endlich ganz klar geworden war, den Satz aufſtellen: „Ich denke, das heißt: — Ich bin.“ Mein Den¬ ken, heißt es da, iſt Mein Sein oder Mein Leben; nur wenn Ich geiſtig lebe, lebe Ich; nur als Geiſt bin Ich wirklich oder — Ich bin durch und durch Geiſt und nichts als Geiſt. Der unglückliche Peter Schlemihl, der ſeinen Schatten verloren hat, iſt das Portrait jenes zu Geiſt gewordenen Menſchen: denn des Geiſtes Körper iſt ſchattenlos. — Dagegen wie anders bei den Alten! Wie ſtark und männlich ſie auch gegen die Gewalt der Dinge ſich betragen mochten, die Gewalt ſelbſt mußten ſie doch anerkennen, und weiter brachten ſie es nicht, als daß ſie ihr Leben gegen jene ſo gut als möglich ſchützten. Spät erſt erkannten ſie, daß ihr „wahres Leben“ nicht das im Kampfe gegen die Dinge der Welt geführte, ſondern das „gei¬ ſtige“, von dieſen Dingen „abgewandte“ ſei, und als ſie dieß einſahen, da wurden ſie — Chriſten, d. h. die „Neuen“ und Neuerer gegen die Alten. Das von den Dingen abgewandte, das geiſtige Leben, zieht aber keine Nahrung mehr aus der Natur, ſondern „lebt nur von Gedanken“, und iſt deshalb nicht mehr „Leben“ ſondern — Denken. Nun muß man jedoch nicht glauben, die Alten ſeien ge¬ dankenlos geweſen, wie man ja auch den geiſtigſten Men¬ ſchen ſich nicht ſo vorſtellen darf, als könnte er leblos ſein. Viel¬ mehr hatten ſie über alles, über die Welt, den Menſchen, die

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/37
Zitationshilfe: Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig, 1845, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stirner_einzige_1845/37>, abgerufen am 18.09.2020.