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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835.

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Erster Abschnitt.
eigentlichen Sinne bedeuten könne 23): so zeigt es doch
auch hier auf den unmittelbaren Daseinsurheber hin, ein
Begriff, unter welchen weder Schwiegervater noch Gross-
vater subsumirt werden können. -- Eine weitere Schwie-
rigkeit hat diese Auffassung der beiden Stammbäume mit
der ersteren gemein, nämlich das Zusammentreffen beider
in den Namen Sealthiel und Serubabel zu erklären. Man
könnte auch hier wie dort eine Leviratsehe supponiren;
doch die hichergehörigen Erklärer ziehen meistens die An-
nahme vor, dass diese gleichen Namen in den beiden Ge-
nealogieen gar nicht dieselben Personen bezeichnen: allein
bei der Berühmtheit des Serubabel, Sohns von Sealthiel
zur Zeit des Exils ist kaum glaublich, dass Lukas mit die-
ser Bezeichnung nicht eben ihn gemeint haben sollte 24).

Ueberhaupt findet sich sonst im N. T. nicht nur keine
Spur von einer davidischen Abstammung der Maria, son-
dern mehrere Stellen sprechen sogar dagegen. Matth. 1, 20.
wird nur Joseph als uios Dauid bezeichnet; Luc. 1, 27. be-
zieht sich das ex oikou Dauid nur auf das zunächst stehende:
andri o onoma Ioseph, nicht aber auf das entferntere:
parthenon memneseumenen; hauptsächlich aber die Wendung
Luc. 2, 4.: anebe de kai Ioseph-dia to einai auton ex
oikou kai patrias Dauid, apograpsasthai sun Maria k. t. l.,
wo so leicht statt auton autous gesezt werden konnte, wenn
der Verfasser einen Gedanken an eine davidische Abkunft
auch der Maria hatte, -- entscheidet gegen die Möglich-
keit, die davidische Genealogie gerade des dritten Evange-
listen auf die Maria zu beziehen.

§. 18.
Die Genealogieen unhistorisch.

Bedenkt man die unüberwindlichen Schwierigkeiten,
in welche sich alle diese Vereinigungsversuche unvermeid-

23) Paulus a. a. O. S. 284 f.
24) s. Winter, bibl. Realwörterbuch 1. Bd. S. 659. (2te Auflage).

Erster Abschnitt.
eigentlichen Sinne bedeuten könne 23): so zeigt es doch
auch hier auf den unmittelbaren Daseinsurheber hin, ein
Begriff, unter welchen weder Schwiegervater noch Groſs-
vater subsumirt werden können. — Eine weitere Schwie-
rigkeit hat diese Auffassung der beiden Stammbäume mit
der ersteren gemein, nämlich das Zusammentreffen beider
in den Namen Sealthiel und Serubabel zu erklären. Man
könnte auch hier wie dort eine Leviratsehe supponiren;
doch die hichergehörigen Erklärer ziehen meistens die An-
nahme vor, daſs diese gleichen Namen in den beiden Ge-
nealogieen gar nicht dieselben Personen bezeichnen: allein
bei der Berühmtheit des Serubabel, Sohns von Sealthiel
zur Zeit des Exils ist kaum glaublich, daſs Lukas mit die-
ser Bezeichnung nicht eben ihn gemeint haben sollte 24).

Ueberhaupt findet sich sonst im N. T. nicht nur keine
Spur von einer davidischen Abstammung der Maria, son-
dern mehrere Stellen sprechen sogar dagegen. Matth. 1, 20.
wird nur Joseph als υἱὸς Δαυὶδ bezeichnet; Luc. 1, 27. be-
zieht sich das ἐξ οἴκου Δαυὶδ nur auf das zunächst stehende:
ἀνδρὶ ᾦ ὅνομα Ἰωσὴφ, nicht aber auf das entferntere:
παρϑένον μεμνηςευμένην; hauptsächlich aber die Wendung
Luc. 2, 4.: ἀνέβη δὲ καὶ Ἰωσὴφ-διὰ τὸ εἶναι ἀυτὸν ἐξ
οἴκου καὶ πατριᾶς Δαυὶδ, ἀπογράψασϑαι σὺν Μαρίᾳ κ. τ. λ.,
wo so leicht statt ἀυτὸν ἀυτοὺς gesezt werden konnte, wenn
der Verfasser einen Gedanken an eine davidische Abkunft
auch der Maria hatte, — entscheidet gegen die Möglich-
keit, die davidische Genealogie gerade des dritten Evange-
listen auf die Maria zu beziehen.

§. 18.
Die Genealogieen unhistorisch.

Bedenkt man die unüberwindlichen Schwierigkeiten,
in welche sich alle diese Vereinigungsversuche unvermeid-

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[126/0150] Erster Abschnitt. eigentlichen Sinne bedeuten könne 23): so zeigt es doch auch hier auf den unmittelbaren Daseinsurheber hin, ein Begriff, unter welchen weder Schwiegervater noch Groſs- vater subsumirt werden können. — Eine weitere Schwie- rigkeit hat diese Auffassung der beiden Stammbäume mit der ersteren gemein, nämlich das Zusammentreffen beider in den Namen Sealthiel und Serubabel zu erklären. Man könnte auch hier wie dort eine Leviratsehe supponiren; doch die hichergehörigen Erklärer ziehen meistens die An- nahme vor, daſs diese gleichen Namen in den beiden Ge- nealogieen gar nicht dieselben Personen bezeichnen: allein bei der Berühmtheit des Serubabel, Sohns von Sealthiel zur Zeit des Exils ist kaum glaublich, daſs Lukas mit die- ser Bezeichnung nicht eben ihn gemeint haben sollte 24). Ueberhaupt findet sich sonst im N. T. nicht nur keine Spur von einer davidischen Abstammung der Maria, son- dern mehrere Stellen sprechen sogar dagegen. Matth. 1, 20. wird nur Joseph als υἱὸς Δαυὶδ bezeichnet; Luc. 1, 27. be- zieht sich das ἐξ οἴκου Δαυὶδ nur auf das zunächst stehende: ἀνδρὶ ᾦ ὅνομα Ἰωσὴφ, nicht aber auf das entferntere: παρϑένον μεμνηςευμένην; hauptsächlich aber die Wendung Luc. 2, 4.: ἀνέβη δὲ καὶ Ἰωσὴφ-διὰ τὸ εἶναι ἀυτὸν ἐξ οἴκου καὶ πατριᾶς Δαυὶδ, ἀπογράψασϑαι σὺν Μαρίᾳ κ. τ. λ., wo so leicht statt ἀυτὸν ἀυτοὺς gesezt werden konnte, wenn der Verfasser einen Gedanken an eine davidische Abkunft auch der Maria hatte, — entscheidet gegen die Möglich- keit, die davidische Genealogie gerade des dritten Evange- listen auf die Maria zu beziehen. §. 18. Die Genealogieen unhistorisch. Bedenkt man die unüberwindlichen Schwierigkeiten, in welche sich alle diese Vereinigungsversuche unvermeid- 23) Paulus a. a. O. S. 284 f. 24) s. Winter, bibl. Realwörterbuch 1. Bd. S. 659. (2te Auflage).

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Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 126. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/150>, abgerufen am 16.09.2019.