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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835.

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Drittes Kapitel. §. 22.
schichte weg, sondern auch der voraussezliche Verf. des
vierten Evangeliums, Johannes, der, als angeblicher Haus-
genosse der Mutter Jesu nach dessen Tode, am genauesten
über diese Verhältnisse unterrichtet sein musste. Man sagt:
er wollte mehr die himmlische als die irdische Herkunft
Jesu berichten; aber es fragt sich eben, ob mit seiner im
Prologe ausgesprochenen Ansicht von einer, wirklich in
Jesu fleischgewordenen und ihm immanent gebliebenen
göttlichen Hypostase die in unsern Stellen liegende von
einer blossen, seine Erzeugung bedingenden, göttlichen
Einwirkung verträglich sei, ob er also die Erzeugungs-
geschichte des Matthäus und Lukas habe voraussetzen kön-
nen? Da jedoch dieser Einwand seine entscheidende Kraft
verliert, wenn sich uns der apostolische Ursprung des vier-
ten Evangeliums im Verfolg unsrer Untersuchung nicht be-
währt: so kommt hauptsächlich diess in Betracht, dass
auch im weiteren Verlaufe nicht blos des Markus- und
Johannes-Evangeliums, sondern auch des Matthäus und
Lukas selbst keine rückweisende Andeutung dieser Art der
Erzeugung Jesu vorkommt. Nicht nur bezeichnet Maria
den Joseph ohne Weiteres als den Vater Jesu (Luc. 2,
48.), und spricht der Evangelist von Maria und Joseph
geradezu als von seinen goneis (Luc. 2, 41.): sondern alle
seine Zeitgenossen überhaupt hielten ihn nach unsern Evan-
gelien für einen Sohn des Joseph, und nicht selten wurde
es verächtlich und vorwurfsweise in seiner Gegenwart ge-
äussert (Matth. 13, 55. Luc. 4, 22. Joh. 6, 42.), ihm
also entschiedene Veranlassung gegeben, sich auf seine
wunderbare Erzeugung zu berufen, was er jedoch mit kei-
nem Worte thut. Könnte man hier sagen, dass er auf
diese äusserliche Weise nicht von der Göttlichkeit seiner
Person überzeugen wollte, auch bei innerlich Abgeneigten
keine Wirkung davon sich versprechen konnte: so ist hin-
zuzunehmen, dass nach der Angabe des vierten Evange-
liums auch seine eigenen Jünger neben seiner Gottessohn-

Drittes Kapitel. §. 22.
schichte weg, sondern auch der voraussezliche Verf. des
vierten Evangeliums, Johannes, der, als angeblicher Haus-
genosse der Mutter Jesu nach dessen Tode, am genauesten
über diese Verhältnisse unterrichtet sein muſste. Man sagt:
er wollte mehr die himmlische als die irdische Herkunft
Jesu berichten; aber es fragt sich eben, ob mit seiner im
Prologe ausgesprochenen Ansicht von einer, wirklich in
Jesu fleischgewordenen und ihm immanent gebliebenen
göttlichen Hypostase die in unsern Stellen liegende von
einer bloſsen, seine Erzeugung bedingenden, göttlichen
Einwirkung verträglich sei, ob er also die Erzeugungs-
geschichte des Matthäus und Lukas habe voraussetzen kön-
nen? Da jedoch dieser Einwand seine entscheidende Kraft
verliert, wenn sich uns der apostolische Ursprung des vier-
ten Evangeliums im Verfolg unsrer Untersuchung nicht be-
währt: so kommt hauptsächlich dieſs in Betracht, daſs
auch im weiteren Verlaufe nicht blos des Markus- und
Johannes-Evangeliums, sondern auch des Matthäus und
Lukas selbst keine rückweisende Andeutung dieser Art der
Erzeugung Jesu vorkommt. Nicht nur bezeichnet Maria
den Joseph ohne Weiteres als den Vater Jesu (Luc. 2,
48.), und spricht der Evangelist von Maria und Joseph
geradezu als von seinen γονεῖς (Luc. 2, 41.): sondern alle
seine Zeitgenossen überhaupt hielten ihn nach unsern Evan-
gelien für einen Sohn des Joseph, und nicht selten wurde
es verächtlich und vorwurfsweise in seiner Gegenwart ge-
äussert (Matth. 13, 55. Luc. 4, 22. Joh. 6, 42.), ihm
also entschiedene Veranlassung gegeben, sich auf seine
wunderbare Erzeugung zu berufen, was er jedoch mit kei-
nem Worte thut. Könnte man hier sagen, daſs er auf
diese äusserliche Weise nicht von der Göttlichkeit seiner
Person überzeugen wollte, auch bei innerlich Abgeneigten
keine Wirkung davon sich versprechen konnte: so ist hin-
zuzunehmen, daſs nach der Angabe des vierten Evange-
liums auch seine eigenen Jünger neben seiner Gottessohn-

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[155/0179] Drittes Kapitel. §. 22. schichte weg, sondern auch der voraussezliche Verf. des vierten Evangeliums, Johannes, der, als angeblicher Haus- genosse der Mutter Jesu nach dessen Tode, am genauesten über diese Verhältnisse unterrichtet sein muſste. Man sagt: er wollte mehr die himmlische als die irdische Herkunft Jesu berichten; aber es fragt sich eben, ob mit seiner im Prologe ausgesprochenen Ansicht von einer, wirklich in Jesu fleischgewordenen und ihm immanent gebliebenen göttlichen Hypostase die in unsern Stellen liegende von einer bloſsen, seine Erzeugung bedingenden, göttlichen Einwirkung verträglich sei, ob er also die Erzeugungs- geschichte des Matthäus und Lukas habe voraussetzen kön- nen? Da jedoch dieser Einwand seine entscheidende Kraft verliert, wenn sich uns der apostolische Ursprung des vier- ten Evangeliums im Verfolg unsrer Untersuchung nicht be- währt: so kommt hauptsächlich dieſs in Betracht, daſs auch im weiteren Verlaufe nicht blos des Markus- und Johannes-Evangeliums, sondern auch des Matthäus und Lukas selbst keine rückweisende Andeutung dieser Art der Erzeugung Jesu vorkommt. Nicht nur bezeichnet Maria den Joseph ohne Weiteres als den Vater Jesu (Luc. 2, 48.), und spricht der Evangelist von Maria und Joseph geradezu als von seinen γονεῖς (Luc. 2, 41.): sondern alle seine Zeitgenossen überhaupt hielten ihn nach unsern Evan- gelien für einen Sohn des Joseph, und nicht selten wurde es verächtlich und vorwurfsweise in seiner Gegenwart ge- äussert (Matth. 13, 55. Luc. 4, 22. Joh. 6, 42.), ihm also entschiedene Veranlassung gegeben, sich auf seine wunderbare Erzeugung zu berufen, was er jedoch mit kei- nem Worte thut. Könnte man hier sagen, daſs er auf diese äusserliche Weise nicht von der Göttlichkeit seiner Person überzeugen wollte, auch bei innerlich Abgeneigten keine Wirkung davon sich versprechen konnte: so ist hin- zuzunehmen, daſs nach der Angabe des vierten Evange- liums auch seine eigenen Jünger neben seiner Gottessohn-

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Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 155. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/179>, abgerufen am 19.10.2019.