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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835.

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Erster Abschnitt.
schaft ihn doch für den wirklichen Sohn Josephs hielten;
denn Philippus stellt ihn dem Nathanael als Iesoun ton uion
Ioseph vor (Joh. 1, 46.), offenbar in demselben Sinne ei-
gentlicher Vaterschaft, wie ihn sonst die Juden ebenso be-
zeichnen, ohne dass diess irgendwo als eine irrige oder
unvollkommne Ansicht dargestellt würde, welche diese
Apostel nachher hätten ablegen müssen, vielmehr hat die
Erzählung unverkennbar den Sinn, dass hier der rechte
Glaube in denselben zum Dasein gekommen sei. -- Eben-
sowenig als in den Evangelien findet sich in den übrigen
N. T.lichen Schriften etwas zur Bestätigung der Ansicht
von einer übernatürlichen Erzeugung Jesu. Denn wenn
der Apostel Paulus Jesum genomenon ek gunaikos nennt
(Gal. 4, 4.): so wird man in diesem Ausdruck doch nicht
eine Ausschliessung des männlichen Antheils finden wollen,
da ja der Zusaz: genomenon upo nomon deutlich zeigt, dass
er, wie so häufig im A. T. (z. B. Hiob 14, 1.), nur die
Schwäche und Niedrigkeit der menschlichen Erscheinung
Jesu bezeichnet. Wenn Paulus ferner (Röm. 1, 3. vergl.
9, 5.) Christum kata sarka von David und den Erzvätern
abstammen, kata pneuma agiosunes aber als Gottes Sohn
sich bewähren lässt: so wird man doch hier den Gegensaz
von sarx und pneuma nicht mit dem von menschlichem
mütterlichen, und durch göttliche Thätigkeit erseztem vä-
terlichen Antheil an seiner Erzeugung identificiren wollen.
Endlich, wenn im Hebräerbrief (7, 3.) Melchisedek als
apator mit dem uios tou theou verglichen wird: so verbietet
sich eine Beziehung des wörtlich gefassten apator auf die
menschliche Erscheinung Jesu schon durch das daneben-
stehende ametor, welches bei ihm so wenig als das weiter
beigesezte agenealogetos zutreffen würde.

§. 23.
Rückblick auf die Genealogieen.

Doch die entscheidendste exegetische Instanz gegen die
Wirklichkeit einer übernatürlichen Erzeugung Jesu liegt

Erster Abschnitt.
schaft ihn doch für den wirklichen Sohn Josephs hielten;
denn Philippus stellt ihn dem Nathanaël als Ἰησοῦν τὸν ὑιὸν
Ἰωσὴφ vor (Joh. 1, 46.), offenbar in demselben Sinne ei-
gentlicher Vaterschaft, wie ihn sonst die Juden ebenso be-
zeichnen, ohne daſs dieſs irgendwo als eine irrige oder
unvollkommne Ansicht dargestellt würde, welche diese
Apostel nachher hätten ablegen müssen, vielmehr hat die
Erzählung unverkennbar den Sinn, daſs hier der rechte
Glaube in denselben zum Dasein gekommen sei. — Eben-
sowenig als in den Evangelien findet sich in den übrigen
N. T.lichen Schriften etwas zur Bestätigung der Ansicht
von einer übernatürlichen Erzeugung Jesu. Denn wenn
der Apostel Paulus Jesum γενόμενον ἐκ γυναικὸς nennt
(Gal. 4, 4.): so wird man in diesem Ausdruck doch nicht
eine Ausschlieſsung des männlichen Antheils finden wollen,
da ja der Zusaz: γενόμενον ὑπὸ νόμον deutlich zeigt, daſs
er, wie so häufig im A. T. (z. B. Hiob 14, 1.), nur die
Schwäche und Niedrigkeit der menschlichen Erscheinung
Jesu bezeichnet. Wenn Paulus ferner (Röm. 1, 3. vergl.
9, 5.) Christum κατὰ σάρκα von David und den Erzvätern
abstammen, κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης aber als Gottes Sohn
sich bewähren läſst: so wird man doch hier den Gegensaz
von σὰρξ und πνεῦμα nicht mit dem von menschlichem
mütterlichen, und durch göttliche Thätigkeit erseztem vä-
terlichen Antheil an seiner Erzeugung identificiren wollen.
Endlich, wenn im Hebräerbrief (7, 3.) Melchisedek als
ἀπάτωρ mit dem ὑιὸς τοῦ ϑεοῦ verglichen wird: so verbietet
sich eine Beziehung des wörtlich gefaſsten ἀπάτωρ auf die
menschliche Erscheinung Jesu schon durch das daneben-
stehende ἀμήτωρ, welches bei ihm so wenig als das weiter
beigesezte ἀγενεαλόγητος zutreffen würde.

§. 23.
Rückblick auf die Genealogieen.

Doch die entscheidendste exegetische Instanz gegen die
Wirklichkeit einer übernatürlichen Erzeugung Jesu liegt

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[156/0180] Erster Abschnitt. schaft ihn doch für den wirklichen Sohn Josephs hielten; denn Philippus stellt ihn dem Nathanaël als Ἰησοῦν τὸν ὑιὸν Ἰωσὴφ vor (Joh. 1, 46.), offenbar in demselben Sinne ei- gentlicher Vaterschaft, wie ihn sonst die Juden ebenso be- zeichnen, ohne daſs dieſs irgendwo als eine irrige oder unvollkommne Ansicht dargestellt würde, welche diese Apostel nachher hätten ablegen müssen, vielmehr hat die Erzählung unverkennbar den Sinn, daſs hier der rechte Glaube in denselben zum Dasein gekommen sei. — Eben- sowenig als in den Evangelien findet sich in den übrigen N. T.lichen Schriften etwas zur Bestätigung der Ansicht von einer übernatürlichen Erzeugung Jesu. Denn wenn der Apostel Paulus Jesum γενόμενον ἐκ γυναικὸς nennt (Gal. 4, 4.): so wird man in diesem Ausdruck doch nicht eine Ausschlieſsung des männlichen Antheils finden wollen, da ja der Zusaz: γενόμενον ὑπὸ νόμον deutlich zeigt, daſs er, wie so häufig im A. T. (z. B. Hiob 14, 1.), nur die Schwäche und Niedrigkeit der menschlichen Erscheinung Jesu bezeichnet. Wenn Paulus ferner (Röm. 1, 3. vergl. 9, 5.) Christum κατὰ σάρκα von David und den Erzvätern abstammen, κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης aber als Gottes Sohn sich bewähren läſst: so wird man doch hier den Gegensaz von σὰρξ und πνεῦμα nicht mit dem von menschlichem mütterlichen, und durch göttliche Thätigkeit erseztem vä- terlichen Antheil an seiner Erzeugung identificiren wollen. Endlich, wenn im Hebräerbrief (7, 3.) Melchisedek als ἀπάτωρ mit dem ὑιὸς τοῦ ϑεοῦ verglichen wird: so verbietet sich eine Beziehung des wörtlich gefaſsten ἀπάτωρ auf die menschliche Erscheinung Jesu schon durch das daneben- stehende ἀμήτωρ, welches bei ihm so wenig als das weiter beigesezte ἀγενεαλόγητος zutreffen würde. §. 23. Rückblick auf die Genealogieen. Doch die entscheidendste exegetische Instanz gegen die Wirklichkeit einer übernatürlichen Erzeugung Jesu liegt

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Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 156. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/180>, abgerufen am 16.09.2019.