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Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835.

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Zweites Kapitel. §. 47.
nur auf die schnelle Bewegung bezogen wissen will. In
ihrer Bewegung hat die Taube keine so bestimmte Eigen-
thümlichkeit, dass nicht, wenn blos diese der Verglei-
chungspunkt wäre, in einer der vier Parallelstellen eine
Variation und Substitution eines andern Vogels, oder über-
haupt einer andern Bezeichnung sich finden müsste; da
statt dessen durch unsre 4 Berichte die perisera als ste-
hende Bezeichnung hindurchgeht: so muss sich die Ver-
gleichung auf etwas der Taube ausschliessend Eigenthüm-
liches beziehen, und diess scheint nur die Gestalt sein zu
können. Daher thun diejenigen zwar dem Text die we-
nigste Gewalt an, welche an eine wirkliche Taube denken;
aber da hat nun Paulus ein schweres Geschäft, durch eine
Masse naturhistorischer und andrer Bemerkungen die Tau-
be so weit kirre zu machen, dass ein solches Herbeifliegen
derselben zu einem Menschen, wie es hier angenommen
werden müsste, glaublich würde 18); wie aber eine Taube
gar so lange über Jemand schwebend verweilen könne, dass
sich sagen liesse: emeinen ep' auton, das hat er doch nicht
denkbar gemacht, und damit gegen die Erzählung des Jo-
hannes, welchem er sich in Bezug auf das Fehlen der
Stimme anschloss, selbst verstossen.

§. 47.
Versuche einer Kritik der Berichte. Mythische Auffassung
derselben.

Kann man somit den Vorgang bei Jesu Taufe einer
verständigen Vorstellung nicht näher bringen, ohne den
evangelischen Berichten Gewalt anzuthun und eine unge-
naue Darstellung bei einem Theile derselben vorauszuse-
zen: so wird man hiedurch mit Nothwendigkeit zu einer
kritischen Behandlung dieser Berichte hingetrieben, wie

18) a. a. O. S. 368 f.

Zweites Kapitel. §. 47.
nur auf die schnelle Bewegung bezogen wissen will. In
ihrer Bewegung hat die Taube keine so bestimmte Eigen-
thümlichkeit, daſs nicht, wenn blos diese der Verglei-
chungspunkt wäre, in einer der vier Parallelstellen eine
Variation und Substitution eines andern Vogels, oder über-
haupt einer andern Bezeichnung sich finden müſste; da
statt dessen durch unsre 4 Berichte die περιςερὰ als ste-
hende Bezeichnung hindurchgeht: so muſs sich die Ver-
gleichung auf etwas der Taube ausschlieſsend Eigenthüm-
liches beziehen, und dieſs scheint nur die Gestalt sein zu
können. Daher thun diejenigen zwar dem Text die we-
nigste Gewalt an, welche an eine wirkliche Taube denken;
aber da hat nun Paulus ein schweres Geschäft, durch eine
Masse naturhistorischer und andrer Bemerkungen die Tau-
be so weit kirre zu machen, daſs ein solches Herbeifliegen
derselben zu einem Menschen, wie es hier angenommen
werden müſste, glaublich würde 18); wie aber eine Taube
gar so lange über Jemand schwebend verweilen könne, daſs
sich sagen lieſse: ἔμεινεν ἐπ' αὐτὸν, das hat er doch nicht
denkbar gemacht, und damit gegen die Erzählung des Jo-
hannes, welchem er sich in Bezug auf das Fehlen der
Stimme anschloſs, selbst verstoſsen.

§. 47.
Versuche einer Kritik der Berichte. Mythische Auffassung
derselben.

Kann man somit den Vorgang bei Jesu Taufe einer
verständigen Vorstellung nicht näher bringen, ohne den
evangelischen Berichten Gewalt anzuthun und eine unge-
naue Darstellung bei einem Theile derselben vorauszuse-
zen: so wird man hiedurch mit Nothwendigkeit zu einer
kritischen Behandlung dieser Berichte hingetrieben, wie

18) a. a. O. S. 368 f.
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[381/0405] Zweites Kapitel. §. 47. nur auf die schnelle Bewegung bezogen wissen will. In ihrer Bewegung hat die Taube keine so bestimmte Eigen- thümlichkeit, daſs nicht, wenn blos diese der Verglei- chungspunkt wäre, in einer der vier Parallelstellen eine Variation und Substitution eines andern Vogels, oder über- haupt einer andern Bezeichnung sich finden müſste; da statt dessen durch unsre 4 Berichte die περιςερὰ als ste- hende Bezeichnung hindurchgeht: so muſs sich die Ver- gleichung auf etwas der Taube ausschlieſsend Eigenthüm- liches beziehen, und dieſs scheint nur die Gestalt sein zu können. Daher thun diejenigen zwar dem Text die we- nigste Gewalt an, welche an eine wirkliche Taube denken; aber da hat nun Paulus ein schweres Geschäft, durch eine Masse naturhistorischer und andrer Bemerkungen die Tau- be so weit kirre zu machen, daſs ein solches Herbeifliegen derselben zu einem Menschen, wie es hier angenommen werden müſste, glaublich würde 18); wie aber eine Taube gar so lange über Jemand schwebend verweilen könne, daſs sich sagen lieſse: ἔμεινεν ἐπ' αὐτὸν, das hat er doch nicht denkbar gemacht, und damit gegen die Erzählung des Jo- hannes, welchem er sich in Bezug auf das Fehlen der Stimme anschloſs, selbst verstoſsen. §. 47. Versuche einer Kritik der Berichte. Mythische Auffassung derselben. Kann man somit den Vorgang bei Jesu Taufe einer verständigen Vorstellung nicht näher bringen, ohne den evangelischen Berichten Gewalt anzuthun und eine unge- naue Darstellung bei einem Theile derselben vorauszuse- zen: so wird man hiedurch mit Nothwendigkeit zu einer kritischen Behandlung dieser Berichte hingetrieben, wie 18) a. a. O. S. 368 f.

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Zitationshilfe: Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 1. Tübingen, 1835, S. 381. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/strauss_jesus01_1835/405>, abgerufen am 15.09.2019.